65 Jahre in der St. Josef-Stiftung
17.05.2019 BremgartenDie St. Josef-Stiftung in Bremgarten gibt es seit 130 Jahren. Genau die Hälfte dieser Geschichte hat Theresia Spinas miterlebt. Sie lebt seit 65 Jahren dort. Viermal ist sie innerhalb der Stiftung umgezogen und kennt diese wie kaum eine Zweite. --red
Im Wandel ...
Die St. Josef-Stiftung in Bremgarten gibt es seit 130 Jahren. Genau die Hälfte dieser Geschichte hat Theresia Spinas miterlebt. Sie lebt seit 65 Jahren dort. Viermal ist sie innerhalb der Stiftung umgezogen und kennt diese wie kaum eine Zweite. --red
Im Wandel der Zeit
Theresia Spinas und Michèle Robadey sind seit Jahrzehnten mit der St. Josef-Stiftung verbunden
Heuer wird die St. Josef-Stiftung in Bremgarten 130 Jahre alt. Theresia Spinas lebt seit 65 Jahren in der Institution, Michèle Robadey arbeitet schon 43 Jahre dort.
André Widmer
Ein grosser Schlafsaal, später Mehrbettzimmer ohne Türen, nur mit Vorhängen vom Gang abgetrennt. Die Führung durch Ordensschwestern. 1974 dann der Start der Fachschule für sozialpädagogische Berufe, immer mehr weltliche Betreuerinnen. 1896 Bau und 2002 Abbruch des Marienhauses. 1983 die Eröffnung des Erwachsenenbereiches: Die Geschichte der nunmehr 130-jährigen St. Josef-Stiftung ist auch stellvertretend eine Geschichte der Entwicklung in der Betreuung von behinderten Menschen. Einen bedeutenden Teil dieser Geschichte der St. Josef-Stiftung haben die Bewohnerin Theresia Spinas und die ausgebildete Erzieherin und heutige Wohngruppenleiterin Michèle Robadey miterlebt.
Um 6 Uhr Arbeitsbeginn
Theresia Spinas’ Lachen ist von einer positiven Energie und berührt. Heute ist sie 87-jährig, davon lebt sie bereits 65 Jahre in der St. Josef-Stiftung. Spinas stammt ursprünglich aus dem Bündnerland. Aus einer kinderreichen Familie. «Wir waren 13 Geschwister.» Mit 22 kam sie nach Bremgarten, war zuvor in Fribourg und in einem Heim in Altstetten, wo sie alle Küchenarbeiten erledigen musste. Sie erinnert sich noch relativ gut an die frühen Jahre in Bremgarten, als in der von Ordensschwestern geführten Institution auch noch der Rosenkranz gebetet wurde.
«Um 6 Uhr», sagt Theresia Spinas, habe man damals mit dem Arbeiten begonnen, «bis die Arbeit fertig war». Das konnte bis in den Abend dauern. Sie wurde in der Waschküche eingesetzt, musste auch Stoffwindeln für die kleineren Kinder falten. Am liebsten habe sie die Wäsche aufgehängt, erzählt sie. Die Waschküche befand sich im sogenannten Schutzengelhaus. Immerhin gab es damals bereits eine elektrische Waschmaschine. In all den Jahren ist Theresia Spinas innerhalb der St. Josef-Stiftung viermal umgezogen. Heute lebt sie in der Wohngruppe «Friedheim». «Es gefällt mir einfach», meint sie zum «Friedheim». Hier frönt sie ihrem Hobby «Lisme», empfängt gerne Besuch und macht Gesellschaftsspiele. Und sie sitzt auch gerne auf dem Balkon und schaut zu, was sich im Eingangsbereich der Stiftung so tut. Die Arbeit in der St. Josef-Stiftung scheint auch Michèle Robadey gutzutun. Man würde kaum erahnen, dass sie kurz vor der Pensionierung steht, sie wirkt jünger. 1976 begann sie ihre Ausbildung als Erzieherin an der Fachschule der Bremgarter Stiftung. Zwei Jahre zuvor wurden bereits Wohngruppen gegründet, der Spitalcharakter früherer Jahre fiel weg. Früher herrschte noch das Motto «warm, satt, sauber». Matten am Boden waren verpönt. Und: «Anstatt dass man sie lehrte, sich anzuziehen, zog man die Leute schnell an, damit sie um 8.30 Uhr bei den Förderspielen am Tisch waren», erinnert sich Michèle Robadey. Doch der Förderbereich entwickelte sich stetig weiter. Auch weil jüngere Ausgebildete sich erlaubten, neu erlernte Formen bei der Betreuung der Menschen anzuwenden. Michèle Robadey, die einst aus dem Wallis hierher gekommen ist, lebt heute in Bremgarten. Sie könne sich gut vorstellen, nach der Pensionierung noch als Freiwillige in der Stiftung tätig zu sein.
Rund 40 Ordensschwestern
In der St. Josef-Stiftung hat sich die Zusammensetzung von Bewohnern und Betreuenden stark verändert. Waren früher um die 40 Ordensschwestern im Heim tätig, leben heute noch vier hier. Eine davon befindet sich in der Ausbildung. Noch heute, so Daniela Oehrli, Leiterin Bereich Erwachsene, besteht ein guter Kontakt zum Kloster Ingenbohl. Im Stiftungsrat hat Schwester Reto für das frühere Mutterhaus Einsitz, noch immer fühlt man sich den christlichen Grundsätzen verbunden. Dass die frühere Ausbildnerin von St. Josef, Schwester Elia, heute Helferin in einer Wohngruppe von Michèle Robadey ist, zeigt, dass sich auch hier der Kreis schliesst.
Lebenslanges Wohnrecht
Bei den Bewohnern hat sich der Wandel aufgrund der demografischen Entwicklung ergeben. Bis 1983 quasi noch Kinderheim, mussten bis damals die Behinderten mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter in andere Institutionen umziehen wie beispielsweise ins damalige Gnadenthal. Heute gilt die Losung «Lebenslanges Wohnrecht». Weil inzwischen auch Menschen mit Beeinträchtigungen dank der fördernden Betreuung und besserer medizinischer Versorgung ein längeres Leben erwartet, bestehen heute 9 der 17 Wohngruppen aus Erwachsenen.
Es gibt eine grosse Konstanz und nicht viele Wechsel in diesem Altersbereich. Es macht zudem auch einen Unterschied, ob es sich um gewöhnungsfähige oder schwerstbehinderte Menschen handelt. Denn je nach Betreuungsgrad ist eine Nachtwache nötig. Eine Warteliste für Eintritte in die Stiftung besteht in erster Linie bei den Schwerbehinderten. Kinder besuchen die Stiftung zur Förderung und Betreuung öfters nur noch tagsüber.
Gelebte Leitgedanken
Die St. Josef-Stiftung befindet sich im Wandel der Zeit. Die demografische Entwicklung trägt einen grossen Teil dazu bei. «Wir gestalten ein familiennahes Umfeld und berücksichtigen dabei die besonderen Bedürfnisse und Wünsche der uns anvertrauten Menschen», heisst einer der Leitsätze in einer Broschüre der Stiftung. Dass dies gelebt wird, sieht man an den Beispielen von Bewohnerin Theresia Spinas und Betreuerin Michèle Robadey.
«Lässt sich nicht am Jahrgang messen»
Thomas Bopp, der Leiter der St. Josef-Stiftung, äussert sich zum Thema des Alterns von behinderten Menschen
Je nach Behinderungsgrad können sich Altersbeschwerden schon mit 50 Jahren zeigen, erklärt Stiftungsleiter Thomas Bopp. Natürlich auch in der St. Josef-Stiftung. «Wir befi nden uns mitten in diesem Prozess.»
Studien zeigen: Es wird eine deutliche Zunahme von älteren Menschen mit Behinderungen in Heimen geben. Wie stark spüren Sie dies in der Stiftung?
Thomas Bopp: Die St. Josef-Stiftung hat ihren Betreuungsschwerpunkt bei den schwerstmehrfachbehinderten Menschen. Auch diese werden älter, als dies noch vor 30 Jahren der Fall war. Das Alter bei dieser Klientel lässt sich nicht am Jahrgang messen, denn eine schwerstmehrfachbehinderte Person kann, je nach Behinderung, schon mit 50 Jahren klassische Altersbeschwerden zeigen beziehungsweise Abbau. Wir befinden uns in diesem Prozess. Unsere Klienten und Klientinnen werden schwächer und wir passen unser Betreuungs- und Beschäftigungsangebot den individuellen Bedürfnissen an.
Welche Herausforderungen birgt diese Entwicklung für die St. Josef-Stiftung derzeit?
Die Betreuung und Pflege wird anspruchsvoller. Die Mitarbeitenden der Wohngruppen müssen die Alterungsprozesse der Klienten in ihre Arbeit integrieren und den Tagesablauf entsprechend umstellen. Viele Aktivitäten erfordern aus diesen Gründen eine intensivere Assistenz und sind nur mit einem erhöhten Aufwand – vor allem in der Betreuung – zu realisieren. Wir haben aktuell auch eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, welche sich dem Thema Palliative Care widmet und diesbezüglich ein Konzept erarbeitet. Die St. Josef-Stiftung bietet Lebensplätze an, das heisst kein Klient muss oder soll wegen seiner zusätzlichen Alterseinschränkungen das Haus verlassen müssen. Deshalb werden wir uns auch zukünftig vermehrt und vertieft dieser Thematik annehmen.
Welche Rolle spielen Geriatrie, Palliative Care und hospizähnliche Betreuung heute bei Ihnen?
Da wir hauptsächlich schwerstmehrfachbehinderte Menschen betreuen, gehen die jeweiligen Einschränkungen von der Primärbehinderung bis zu den geriatrischen Themen ineinander über. Unsere Klienten wohnen alle in Einzelzimmern, somit ist eine Begleitung bis zum Tode gegeben. Je nach Situation holen wir Unterstützung ins Haus, sei es in Bezug auf Sitzwache, Seelsorge oder auch bezüglich den notwendigen Weiterbildungen für unsere Mitarbeitenden.
Wie begegnet man der Herausforderung, wenn die geistige Behinderung mit einer Demenz zusammenkommt?
Wir arbeiten klientenorientiert und versuchen, die notwendigen baulichen Anpassungen, sei es beim Schliesssystem der Türen oder bei der Begleitung der Klienten im Alltag anzupassen. Wie schon erwähnt, gehen die altersbedingten Entwicklungen bei unseren Betreuten mit ihrer eigentlichen Behinderung ineinander über. Wir sind bestrebt, dass unsere Mitarbeitenden sich ständig weiterbilden, auch im Bereich der gerontologischen Themen. So findet unter anderem am 6. Juni ein Referat von Fran- çois Höpflinger zum Thema «Alter und Behinderungen» im JoJo statt.
Sind Sie auch baulich auf diese Veränderungen vorbereitet?
Unsere Infrastruktur, speziell im Haus Fortuna, ist darauf ausgelegt, den individuellen Herausforderungen, welche unsere Klienten im Alltag begleiten, zu begegnen. Wir haben unter anderem einen medizinischen Dienst zur Unterstützung der Mitarbeitenden auf den Wohngruppen sowie einen Nachtdienst.
Wie führt man Menschen mit geistiger Behinderung in den Ruhestand / in die Pension?
Den Ruhestand / die Pension erleben unsere Klienten wie wir. Da wir die Felder «Wohnen – Freizeit – Arbeiten (Beschäftigung)» als getrennte Bereiche anschauen, fällt bei der Pensionierung der Bereich «Arbeit» weg und andere sinnvolle, den Bedürfnissen entsprechende Angebote nehmen diesen Platz ein. --aw



