Wertvolle Fundstücke
05.04.2019 WohlenRömer und Kelten. Das ist die Welt von Cornel Braunwalder. Der Wohler ist als ehrenamtlicher Metall-Prospektor der Kantonsarchäologie unterwegs. Braunwalder erforscht ein Gebiet entlang der Hauptstrasse zwischen Wohlen und Boswil. Dort sollte künftig eine Deponie realisiert werden ...
Römer und Kelten. Das ist die Welt von Cornel Braunwalder. Der Wohler ist als ehrenamtlicher Metall-Prospektor der Kantonsarchäologie unterwegs. Braunwalder erforscht ein Gebiet entlang der Hauptstrasse zwischen Wohlen und Boswil. Dort sollte künftig eine Deponie realisiert werden – zuvor untersucht er den Boden und hat etliche wertvolle Fundstücke ans Tageslicht gebracht. --dm
Spannend wie eine Schatzsuche
Cornel Braunwalder untersucht als ehrenamtlicher Metall-Prospektor der Kantonsarchäologie eine künftige Deponiestelle
Das offene Feld entlang der Kantonsstrasse Wohlen–Boswil ist einer seiner bevorzugten Einsatzorte. Dort ist Cornel Braunwalder in seinem Element – im Dienste der Kantonsarchäologie. Seine bedeutungsvollen Funde bestätigen nun die Präsenz der Römer und Kelten.
Daniel Marti
Sie üben einfach einen besonderen Reiz auf ihn aus. Die Schätze im Boden sind gemeint. Die Gegenstände aus einer anderen Zeit. Von Kelten und Römern. Bis hin in die Steinzeit. Diese will der Wohler Cornel Braunwalder als ehrenamtlicher Metall-Prospektor (so der Fachausdruck) immer wieder aufspüren. Es ist eine persönliche Entdeckungsreise, die ihn immer wieder packt, fasziniert. Und nicht mehr loslässt.
Je 200 Stunden im Feld und bei der Recherche
Vor vier Jahren wagte er als freiwilliger Mitarbeiter der Kantonsarchäologie die ersten Schritte mit dem Metalldetektor – und stiess auf ganz seltene Stücke im Wohler Wald (siehe Kasten). Weitere spannende Fundund Einsatzorte sind in Hilfikon, in Sarmenstorf, in Villmergen, in Sulz und Besenbüren sowie in Unter- und Oberlunkhofen. Und seit September 2016 führt Cornel Braunwalder einen speziellen Auftrag aus. Er untersucht die künftige Deponiestelle auf dem Gebiet Waltenschwil, Kallern, Boswil. «Auf diesem Perimeter sind der Kantonsarchäologie alte Fundmeldungen aus dem 19. Jahrhundert bekannt», erklärt Pirmin Koch, er ist Freiwilligenmanager und Archäologe der Kantonsarchäologie in Brugg. «Es gilt, diese zu überprüfen, um mehr über die Ausdehnung, die Datierung und die Funktion der archäologischen Fundstelle zu erfahren.»
Für diese Arbeit ist Braunwalder genau der richtige Mann. Einer mit Leidenschaft und mit Durchhaltewillen. Und mit Zeit. «Ich nehme mir dafür viel Zeit», sagt er, «und ich geniesse es draussen auf den Feldern.» Am 1. September 2016 war sein persönlicher Startschuss auf dem Gebiet der zukünftigen Deponie, auf dem Feld entlang der Kantonsstrasse Wohlen–Boswil. Der 60-Jährige führt genau Tagebuch. 58-mal war er seither dort im Einsatz. Das sind rund 200 Arbeitsstunden im Feld. 200 Stunden auf der Suche nach alten, historischen Fundstücken.
Jedes einzelne Stück wird genau protokolliert. Der Fundort festgehalten – ob auf der Waltenschwiler Grüenweid oder auf dem Boswiler Obigächer und Langenbüel. Und zu Hause folgt dann die Recherche. Das macht dann nochmals 150 bis 200 Stunden. Bei der Bestimmung und Katalogisierung der Fundstücke steht auch der Kantonsarchäologe gerne beratend zur Seite.
Auf jeden Fall hat Cornel Braunwalder einiges ans Tageslicht gebracht. Historisches. Wertvolles. Oder einfach nur Interessantes. Seine persönliche Karte mit den Eintragungen ist bedeckt mit Fundstücken. Auch zur Freude der Kantonsarchäologie. In Brugg ist das Landstück oben im Freiamt ein Thema. «Definitive Aussagen sind natürlich erst möglich, wenn die Prospektion abgeschlossen ist und wir alle Funde und ihre Verteilung analysieren. Schon jetzt zeigt sich jedoch, dass wir mehr zur Ausdehnung und zur Datierung sagen können», sagt Pirmin Koch.
Ausgraben kann auch zerstören bedeuten
Zudem war schon vor dem Einsatz von Braunwalder bekannt, dass auf dem Gebiet unterhalb von Kallern ein römischer Gutshof vermutet wird. «Diese Deutung auf einen Gutshof scheint sich zu bestätigen», so Koch. Also wäre es doch interessant, diesen freizulegen. In Brugg sieht man dies leicht anders. «Wenn eine Fundstelle nicht durch Baumassnahmen bedroht ist, belassen wir sie im Boden. Dort ist sie am besten geschützt», erklärt der Archäologe. «Denn ausgraben heisst auch zerstören.» Dies geschehe zwar unter «kontrollierten Bedingungen» und mit entsprechender Dokumentation.
21. Legion der Römer war hier
Braunwalders Funde auf diesem Landstück füllen ganze Kisten. Zwei spezielle Fundstücke sind hier genannt: Eine keltische Bogenfibel aus dem 5. oder 6. Jahrhundert vor Christus. Und ein Ziegel einer römischen Legion. Für den Normalbürger klingt das sehr spannend. Auch für den Kantonsarchäologen? «Auf jeden Fall», betont Koch. «Einzelne Funde sind faszinierend, sind sie doch etliche hundert Jahre alt.» Für die Archäologie sei immer auch der «Kontext und die Vergesellschaftung der Funde wichtig. Nur so können uns die Funde etwas zur Vergangenheit sagen.» Auch wenn Prospektionsfunde meist nicht mehr in ihrer originalen Schicht geborgen werden, «gibt uns die Analyse ihrer Verbreitung wichtige Hinweise». So erfährt man, wann und wie ein Gebiet genutzt wurde. «Deshalb ist es essenziell, dass jeder einzelne Prospektionsfund eingemessen wird.»
Der Ziegel der 21. Legion der Römer übt auch auf Cornel Braunwalder eine besondere Faszination aus. Für ihn ist es einer seiner Lieblingsfunde. «Es ist interessant zu wissen, dass die 21. Legion der Römer einmal hier war», sagt er, «auch für die Archäologie ist dieser Fund bedeutungsvoll. Und für mich ist es etwas Spezielles, weil ein solcher Fund doch seltener vorkommt als beispielsweise eine Münze.» Die weiteren relevanten Funde reichen von einer Kelten-Münze bis zum römischen Werkzeug.
Viele Begehungen sind nötig
Wie lange Braunwalder sein ihm zugewiesenes Einsatzgebiet durchforsten darf, ist nicht genau festgelegt. «Die Prospektion dient dazu, vorgängig abzuklären, was an Archäologie auf dem untersuchten Gebiet vorhanden ist, um daraus später entsprechende Massnahmen abzuleiten», erklärt Pirmin Koch. Braunwalders Auftrag gilt so lange, «bis die Deponie angelegt wird. Allerdings erst nach vielen Begehungen kann ein Gebiet wirklich abgeschätzt werden.»
Und so hofft der ehrenamtliche Metall-Prospektor aus Wohlen, dass er noch etliche Male das Landstück durchforsten kann. «Der Reiz ist gross», betont er, «denn so bin ich stets auf dem Weg zu einem Stück Historie, die fast immer etwas aufzeigt.» Und letztlich hat Cornel Braunwalder einfach viel Spass an seiner ehrenamtlichen Arbeit. «Sie ist eben spannend. Wie eine Schatzsuche.»
Im Boden am besten geschützt
Funde im Wohler Wald: Warum nicht weiter geforscht wird
Aus seiner Tätigkeit im Jahr 2015 bis heute hat Cornel Braunwalder vier bedeutungsvolle Funde in einem Waldstück in Wohlen registriert. Es handelt sich zum Beispiel um sechs Münzen der Kelten und nicht weit entfernt stiess er auf 33 Römermünzen. Die Archäologie vermutet dort eine ehemalige Kultstätte oder Ähnliches, vielleicht einen Friedhof. Am liebsten würde Braunwalder dort tiefer graben. Aber die Erlaubnis von der Kantonsarchäologie fehlt. Da sei es für ihn jeweils schwer nachvollziehbar, dass die Fundstelle nicht weiter archäologisch untersucht wird, gibt Braunwalder zu. «Vielleicht fehlt im Aargau einfach das Geld dafür», mutmasst er.
Warum sträubt sich hier die Kantonsarchäologie? Der Kantonsarchäologe zeigt Verständnis für die Neugier: «Natürlich reizt es jede Archäologin und jeden Archäologen, bei neuentdeckten Fundstellen einen Blick in den Boden zu werfen. Allerdings sind die archäologischen Reste im Boden am besten geschützt.» Daher gebe es keinen Handlungsbedarf – dies trifft auch auf Braunwalders besondere Fundstelle in einem Waldteil in Wohlen zu. Pirmin Koch: «Weiter sind illegale Sondengänger ein Problem, denn bei einer unkontrollierten Bergung ohne entsprechende Dokumentation geht viel Wissen verloren. Und die Funde gehören schliesslich der Allgemeinheit, das heisst uns allen.» --dm
«Am Kulturerbe teilhaben»
Pirmin Koch von der Kantonsarchäologie zur ehrenamtlichen Arbeit
Viele Freiwillige stehen im Einsatz der Kantonsarchäologie. Was ist der Sinn dieser Arbeit?
Pirmin Koch: Unsere freiwillig engagierten Prospektoren sind im ganzen Kantonsgebiet unterwegs, um Altmeldungen oder andere vermutete Fundstellen zu lokalisieren, natürlich auch neue Fundstellen. So erhält jeder Prospektor zusammen mit dem Auftrag eine Fragestellung und einen klar definierten Perimeter, in dem er unterwegs ist. Wir können mit dieser gesteuerten Prospektion gezielt offene Fragen klären und so die archäologischen Hinterlassenschaften langfristig sichern.
Ein Wort zum allgemeinen Einsatz von Cornel Braunwalder.
Cornel Braunwalder leistet für die Kantonsarchäologie einen wichtigen Einsatz. Er arbeitet schon lange mit uns zusammen. Wir sind froh, solche freiwilligen Mitarbeiter zu haben, auf deren grosses Engagement wir zählen können.
Diese Arbeit ist ehrenamtlich. Warum eigentlich?
Mit dem seit 2018 laufenden Freiwilligenprogramm will die Kantonsarchäologie der Aargauer Bevölkerung die Möglichkeit geben, an ihrem Kulturerbe teilzuhaben, und ermöglicht darum momentan die aktive Mitarbeit in der Prospektion. Die Freiwilligen helfen uns, die archäologischen Hinterlassenschaften im Kanton besser kennenzulernen und entsprechende Schutzmassnahmen des Bodenarchivs zu treffen. Ziel ist ein aktives Monitoring.
Die Plätze für die freiwillige Arbeit scheinen begehrt zu sein?
Im Aargau ist die Suche nach archäologischen Objekten mit technischen Hilfsmitteln, das heisst zum Beispiel mit Metalldetektoren, gemäss Kulturgesetz bewilligungspflichtig. Unser Pool an freiwilligen Prospektorinnen und Prospektoren, die mit dem Metalldetektor unterwegs sind, ist momentan voll. Aber es gibt eine Neuheit im Freiwilligenprogramm. Es wird in diesem Jahr ein Feldkurs durchgeführt, bei dem die Freiwilligen bei einer archäologischen Ausgrabung mitarbeiten können. --dm





