Weil Teilen Freude macht
18.12.2018 WohlenSpezielle Sammelaktion des «Tischlein deck dich»-Team
Seit bald 20 Jahren rettet der Verein Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt diese an armutsbetroffene Menschen. Die Abgabestelle in Wohlen öffnete letzte Woche zum 200. Mal ihre ...
Spezielle Sammelaktion des «Tischlein deck dich»-Team
Seit bald 20 Jahren rettet der Verein Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt diese an armutsbetroffene Menschen. Die Abgabestelle in Wohlen öffnete letzte Woche zum 200. Mal ihre Türen. Und präsentierte sich dazu auch in der Öffentlichkeit.
Chregi Hansen
Aufmerksam hört der ältere Mann mit dem Rollator zu, als im vor der Migros erklärt wird, was «Tischlein deck dich» ist. Danach kramt er in seinem Einkaufskorb, zieht einen Teil seines Wochenend-Einkaufs heraus und übergibt ihn strahlend der Helferin am Stand. Daneben legt ein junger Mann eine grosse Ladung Mehl und Reis in den bereit gestellten Einkaufswagen. «Gern geschehen», meint er, als die Helfer sich bei ihm bedanken. Und macht sich mit den eigenen Einkäufen auf den Heimweg.
Solche und ähnliche Szenen konnte man am Samstag den ganzen Tag über beobachten. Aus Anlass der 200. Abgabe in Wohlen haben sich die 20 freiwilligen Helfer und Helferinnen eine spezielle Aktion ausgedacht. Vor der Migros und dem Lebensmittelladen Duss luden sie die Kunden ein, gleich noch etwas für die Hilfsaktion einzukaufen. Dazu erhielten sie einen speziellen Einkaufssack mit der Bitte, diesen mit nicht verderblichen Lebensmitteln zu füllen und anschliessend der Organisation zu spenden. Gefragt waren etwa Teigwaren, Mehl, Reis, Konserven, Zucker, Salz und Ähnliches. «Wir sind positiv überrascht, wie viele Leute sich beteiligen und wie viele Waren wir schon gesammelt haben», strahlt Teammitglied Romy Strebel.
Geleitet wird die Abgabestelle in Wohlen von Brigitta Hubeli. «Mit dieser Aktion wollen wir zwei Ziele erreichen», erklärt sie. «Einerseits wollen wir bekannt machen, wer wir sind und was wir tun. Anderseits wollen wir die Gelegenheit nutzen, gleich noch Lebensmittel zu sammeln.» Am 22. Oktober 2014 konnte die Abgabestelle in Wohlen ihren Betrieb aufnehmen, einmal wöchentlich können sich armutsbetroffene Menschen aus der Region mit Lebensmitteln eindecken. Rund 250 Erwachsene und Kinder profitieren davon. Für diese Menschen setzen sich die Helfer an diesem Tag ein. Trotz Kälte stehen sie vor den Läden. Und machen beste Werbung für die Aktion.
Innehalten im Einkaufsstress
Gelungene Aktion von «Tischlein deck dich» vor zwei Wohler Läden
Mit viel Geduld und immer einem freundlichen Lächeln haben die freiwilligen Helfer und Helferinnen der Abgabestelle in Wohlen beste Werbung für ihre Organisation gemacht. Und gleich noch zentnerweise Lebensmittel gesammelt.
Chregi Hansen
Manche geben «nur» einen Sack Reis. Oder Hörnli. Andere stecken lieber ein paar Münzen in die Spendenkasse. Etliche murmeln eine leise Entschuldigung und hasten möglichst schnell an dem Stand vorbei. Und die ganz Ungeduldigen rufen schon von Weitem, dass sie keine Zeit haben. Oder kein Interesse. Oder beides.
Und dann gibt es diesen einen Mann, der mit einem ganzen Einkaufswagen voller Waren vorbeikommt. Und den Wagen samt Inhalt stehen lässt. «Es komme von Herzen, sagte er uns», berichtet Elsbeth Furter, eine der freiwilligen Helferinnen, und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Überhaupt: «Es macht grosse Freude. So viele beteiligen sich an der Aktion», erzählt sie.
Nicht nur Wohlen profitiert
Wagen um Wagen füllt sich an diesem Samstag, immer wieder wird der Inhalt in Kisten verpackt, in Autos geladen und abtransportiert. «Die Waren bleiben nicht in Wohlen, sondern kommen ins Verteilzentrum nach Winterthur, von wo sie dann in die verschiedenen Abgabestellen geliefert werden», erklärt Brigitta Hubeli, die Leiterin der Wohler Stelle. «Aber da wir auch von Winterthur aus beliefert werden, profitieren wir ja selber auch.» Auch sie freut sich über den Erfolg der Aktion. «Normalerweise arbeiten wir im Stillen. Hier haben wir die Möglichkeit, uns zu zeigen.»
Seit etwas mehr als vier Jahren gibt es in Wohlen die Abgabestelle von «Tischlein deck dich». Die Organisation hat das Ziel, Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten und sie an armutsbetroffene Menschen in der ganzen Schweiz zu verteilen. Pro Woche unterstützt «Tischlein deck dich» an inzwischen 128 Abgabestellen über 18 000 Menschen in Not. In Wohlen sind es 65 Personen, die für insgesamt rund 250 Personen Waren beziehen. Wer profitieren will, muss eine spezielle Bezugskarte besitzen, die er über den Sozialdienst erhält. Damit wird gesichert, dass wirklich nur Personen, die in einem finanziellen Engpass leben, vom Angebot profitieren können.
Viele wissen nicht, was sich hinter dem Namen verbirgt
«Tischlein deck dich» kauft keine Produkte, sondern verteilt, was an Produktespenden gesammelt werden konnte. Diese werden dann verteilt. Es gibt aber auch einige Anbieter und Läden in der Region, welche die Wohler Abgabestelle direkt unterstützen. Obwohl die Aktion in Wohlen schon seit vier Jahren läuft, wissen immer noch viele nicht, was sich hinter dem Namen versteckt. «Wir müssen oft erst erklären, was wir machen und warum wir heute hier stehen», berichtet Ernst Hochstrasser. Dann aber seien viele bereit, selber einen kleinen Beitrag zu leisten.
An drei Standorten ist «Tischlein deck dich» an diesem Vormittag aktiv. Vor dem Lebensmittelladen Duss, vor dem Haupteingang der Migros und auch noch in deren Tiefgarage. «Es war recht aufwendig, um eine Erlaubnis für diesen Platz zu bekommen. Aber es ist der beste Ort, hier kommen die meisten Menschen vorbei», erklärt Hubeli. Keine Bewilligung gab es hingegen für den Coop – eigentlich erstaunlich, gehört doch das Unternehmen zu den Partnern von «Tischlein deck dich». Doch die gute Laune lassen sich die Freiwilligen dadurch nicht verderben. «Es ist einfach eine Freude, wie viele positive Reaktionen wir erhalten. Und das, obwohl an einem Samstagmorgen viele ein wenig im Stress sind», sagt Romy Strebel. Und das Erfreuliche: Vor allem jüngere Menschen machen gerne bei der Aktion mit.
Die Arbeit macht den Helfern Spass
Natürlich gab es nicht nur positive Reaktionen. «Es gab auch solche, die nichts davon wissen wollten», berichtet Strebel. Aber viele schätzen die Aktion. Sie konnten für einmal sehr direkt helfen, indem sie selber Lebensmittel einkauften und diese nachher an die Organisation verschenkten. «Da kann man das Spenden sozusagen im Vorbeigehen erledigen, denn zum Einkaufen ist man sowieso da», weiss Hubeli.
Für sie wie für die ganze Gruppe ist das Engagement für «Tischlein deck dich» eine dankbare Aufgabe, weil man direkt sieht, wem die Hilfe zukommt. «Ich habe nie Mühe, genug Leute für den Abgabetermin zu finden, wir haben Spass», lobt sie ihr Team, bevor sie mit einer vorbeihastenden Kundin ins Gespräch kommt. Und ihr eine der speziellen Einkaufstaschen in die Hand drückt. Die dann einige Minuten später gefüllt wieder zurückgebracht wird.
KOMMENTAR
Arm und Reich
Die Schweiz ist ein Land der Milliardäre, derzeit sind es 134, wie es die «Bilanz» publik gemacht hat. Eine Milliarde, eine fast unvorstellbare Zahl. Um es etwas bildlicher zu machen: Ein Milliardär könnte in den nächsten 50 Jahren pro Tag 50 000 Franken ausgeben – und hätte noch immer 90 Millionen als kleine Reserve.
Andererseits leben in der Schweiz mehr als 600 000 Menschen am oder unter dem Existenzminimum. Sie müssen jeden Franken zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben. Eine unerwartete Zahnarztrechnung oder ein Klassenlager eines Kindes kann da zu einer finanziellen Herausforderung werden. Die Kluft zwischen Reich und Arm, sie ist gross in unserem Land.
Wenn jeder Milliardär nur einen kleinen Teil seines Reichtums an die Ärmsten abgeben würde, so wäre die grösste Not beseitigt. Da dies nicht passiert, braucht es Organisationen wie «Tischlein deck dich». Der Verein macht es möglich, dass überschüssige Lebensmittel nicht weggeworfen, sondern an Bedürftige verteilt werden. Um diesen so zu etwas mehr Lebensqualität zu verhelfen.




