Geschichte erleben
04.12.2018 WohlenWohlen: Besichtigung des Seckelmeisterhauses
Drei Führungen durch das über 210-jährige Haus wurden angeboten. Alle waren bestens besetzt. Ganz zur Freude von Jonas Kallenbach und Simon Heusser. Kallenbach ist Bauberater der kantonalen Denkmalpflege ...
Wohlen: Besichtigung des Seckelmeisterhauses
Drei Führungen durch das über 210-jährige Haus wurden angeboten. Alle waren bestens besetzt. Ganz zur Freude von Jonas Kallenbach und Simon Heusser. Kallenbach ist Bauberater der kantonalen Denkmalpflege und Simon Heusser ist Besitzer des Seckelmeisterhauses an der Steingasse 47. Heusser restauriert das historische Gebäude, das in den Jahren 1803 bis 1805 gebaut wurde. Hier werde Geschichte erlebbar gemacht, und Heusser sei ein Glücksfall für Wohlen, freut sich Kallenbach. --dm
Den Charakter bewahren
Denkmalpflege zu Gast im Seckelmeisterhaus: Öffentlichkeit durfte Liegenschaft Steingasse 47 besichtigen
Das «Europäische Jahr des Kulturerbes» ist an der Steingasse in Wohlen angekommen. Aus diesem Anlass wurden im Aargau sechs exemplarische Baudenkmäler der Öffentlichkeit präsentiert. Nun das historische Seckelmeisterhaus. Es ist auf grosses Interesse gestossen.
Daniel Marti
Kulturerben sollen grundsätzlich auch mit der Allgemeinheit geteilt werden. Und wenn ein Bau, eine Renovation, ein Umbau wie zurzeit beim Seckelmeisterhaus begleitet werden kann, «dann ist das ein Vergnügen», sagte Jonas Kallenbach, Bauberater der kantonalen Denkmalpflege. Das Seckelmeisterhaus an der Steingasse 47 wird seit knapp einem Jahr erneuert, in enger Begleitung mit der kantonalen Denkmalpflege.
Diese Chancen wollte sich die Bevölkerung nicht entgehen lassen, denn solche Möglichkeiten sind äusserst selten. Die drei Führungen waren jedenfalls bestens besucht, sogar ausverkauft. Die kantonale Denkmalpflege habe sich «frecherweise praktisch selber als Gast eingeladen» zu diesen Führungen, so Kallenbach weiter. Der Besitzer Simon Heusser gab sofort sein Einverständnis – und so öffnete er sein historisches Haus, seine Baustelle für die Öffentlichkeit. «Es ist eine grosse Freude, wenn ein junger Mann sich dieser Aufgabe stellt», betonte Kallenbach. «Er lebt mit Leidenschaft für dieses Haus. Für die Denkmalpflege ist Simon Heusser ein Glücksfall, denn er schaut dieses historische Gebäude genau gleich an wie wir.»
Material weiter verwendet – auch beim alten Kachelofen
Im Seckelmeisterhaus wird momentan laut Jonas Kallenbach der gesamte Prozess der Renovation ersichtlich. «Hier kann man Geschichte erleben.» Bei der Führung – vom Keller bis zum Dachstock – bewies Simon Heusser genau diese angesprochene Leidenschaft. Der Eigentümer der Liegenschaft Steingasse 47 gab Einblicke in die spannenden Gemäuer und in seine Arbeit.
Heusser achtet auch darauf, dass die über 210-jährige Geschichte in die Gegenwart transportiert wird. So verwendet er bei der Erneuerung am liebsten bereits vorhandenes Material – selbst dann, wenn es über 200 Jahre alt ist.
Es gibt diverse Prunkstücke im historischen Haus: den in den Fels geschlagenen Keller, den Kachelofen im Erdgeschoss, die Überbleibsel von zwei ehemaligen Gaststätten, die Fenster. Der alte Kachelofen wurde vollständig abgebaut, restauriert und wieder aufgebaut. Welchen Jahrgang der Ofen trägt, konnte Heusser (noch) nicht herausfinden. Der Sockel trägt die Jahrzahl 1818, diverse Kacheln 1830. Auch Trudi Vock-Lüthy – sie wurde im Sommer 100 Jahre alt und ist im Seckelmeisterhaus aufgewachsen – konnte hier nicht genauer Auskunft geben. «Aber ihr Besuch war für mich ein berührender Moment», erzählte Heusser. Zu Zeiten von Trudi Vock-Lüthy war das Seckelmeisterhaus in der Mitte hindurch getrennt und wurde von zwei Familien bewohnt. Die Trennlinie ist noch heute sichtbar.
Praktisch Haltstelle auf der Kutschenfahrt
Das Haus wurde in den Jahren 1803 bis 1805 von Anton Isler erbaut. Er war – wie der Name des Gebäudes besagt – Seckelmeister, also Steuereintreiber, später Kantonsrat. So um 1860 fand ein Umbau statt, von da an war das Gebäude mehrheitlich ein Bauernhaus. Und die Liegenschaft steht an einer zentralen Stelle, die Steingasse war früher Hauptstrasse der Verbindung Bern–Zürich. Hier wurden zudem auf der Kutschenfahrt die Pferde gewechselt, darum hatte es drinnen eine Gaststätte für die Reisenden. Oder eben zwei. Eine im Erdgeschoss mit einer aufklappbaren Trennwand zum Elternschlafzimmer der Wohnung. Diverse Elemente weisen heute noch auf die ehemaligen Gaststätten hin: Durchreiche und Schnapsschrank.
So viel wie nur möglich wird in Handarbeit erledigt. Und in den ehemaligen Zustand versetzt. Zwei gute Beispiele sind Dach und Fenster. Für das neue Dach wurden handgemachte «Biberschwänze» verwendet. «Das gibt dem Haus einen besonderen Charakter», so Heusser. Und jedes Brett wurde von Hand gehobelt. Für die Dämmung wird Schafwolle verwendet. Die Restaurierung der über 200-jährigen Fenster ist aktuell die Lieblingsarbeit des Eigentümers. Die Fenster weisen eine seltene 16er-Aufteilung auf. Pro Fenster benötigt er rund vier Arbeitstage.
Ganz allein meistert Simon Heusser die immensen Arbeiten am alten Haus nicht. Das Team umfasst insgesamt vier Personen. Schreiner, Maurer, Praktikant und er selber. Sein Lehrmeister hatte die Restaurator-Ausbildung absolviert, und Schreiner-Lehrling Heusser profitierte oft davon. Und sein Vater renovierte ebenfalls ein altes Haus, da half er mit und lernte viel.
Vielleicht bleibt er in Wohlen wohnhaft in seinem Haus
Heusser und seine drei Angestellten haben noch viel Arbeit vor sich. Aus dem Seckelmeisterhaus sollen künftig drei Wohnungen entstehen – auf jeder Etage eine. «Ich fühle mich wohl hier in Wohlen», sagt Simon Heusser. «Es passt.» Darum kann es gut sein, dass er eine der Wohnungen selber beziehen wird.
Zuerst wird aber noch zwei Jahre lang kräftig gebaut und renoviert am Seckelmeisterhaus. Mit viel Leidenschaft, denn das Seckelmeisterhaus und Simon Heusser sind unzertrennlich geworden. Oder wie der Eigentümer in einem kurzen Dokumentarfilm der Denkmalpflege sagt: «Das Haus hat mich gefunden.»



