Honoriert mit Besucherrekord
13.11.2018 Bremgarten220 Personen kamen zur Schweizer Erzählnacht
Zum Motto «In allen Farben» lasen 16 Personen im Halbstundentakt parallel an vier Orten rund um den Schellenhausplatz eine Vielfalt an Texten. Die Stadtbibliothek und das Kellertheater hatten zu ...
220 Personen kamen zur Schweizer Erzählnacht
Zum Motto «In allen Farben» lasen 16 Personen im Halbstundentakt parallel an vier Orten rund um den Schellenhausplatz eine Vielfalt an Texten. Die Stadtbibliothek und das Kellertheater hatten zu diesem traditionellen Anlass eingeladen.
Bernadette Oswald
Die Fassade vom Schellenhaus leuchtete in projizierten Lichtfarben, in denen Seifenblasen tanzten. Bea Wehrli, Leiterin der Stadtbibliothek, begrüsste die vielen Teilnehmenden, und Heidi Ehrensperger vom Kellertheater stellte die Vorleserinnen und Vorleser vor. «Diese Leute werden mit ihren Texten die verschiedenen Farben des Abends prägen.» Anschliessend machten sich die Erwachsenen auf den Weg zu ihrer ausgewählten Lesung in die Galerie oder ins Ausleihgeschoss der Bibliothek, ins Foyer des Kellertheaters oder ins Schlössli, das für diesen Anlass zum einzigen Mal im Jahr geöffnet ist.
«Das Pseudonym bin ich»
Die Kinder ab der Mittelstufe trafen sich im Spiegelsaal zum eigenen Programm. Zuerst erzählte ihnen Jacqueline Schumacher «Die wahre Geschichte von allen Farben». Die Mitarbeiterin der Bibliothek hatte mit ihrer Kollegin Beatrice Meier das Kinderprogramm liebevoll vorbereitet. Die beiden Frauen gaben den über 50 Kindern grünes Licht zum Malen nach Zahlen, zum Mosaikgestalten, zum Seifenblasenbalancieren oder zum Basteln von Farbkreiseln aus Bügelperlen oder Jo-Jos aus CDs. Sehr beliebt war «Das Gummibärchen-Orakel sagt die Zukunft voraus» oder das Kreieren von Farbbildern, die zusammen als Collage in der Bibliothek ausgestellt werden. An der Bar gab es farbige Küchlein und Farbdrinks. Auch bei den Lesungen entfaltete sich das Thema in den schönsten Farben. So spielte im Buch von Meta Augustiny «Fällt herab ein Träumelein…» Chagallblau eine Rolle. Helke Meierhofer-Fokken las vor und sagte: «Meta Augustiny, das bin ich.» Sie verwende als Pseudonym den Namen ihrer früh verstorbenen Grossmutter. Ihre Miniaturen im Buch sind alle in Schreibkursen entstanden. «Grüner Weg 7. War sie hier richtig?», begann die vorgetragene Geschichte, in der eine arbeitslose Schauspielerin von einem blinden Mann zum täglichen Vorlesen engagiert wird. Mit der Zeit taut der unfreundliche Blinde auf, und als er fragt: «Welche Farbe haben deine Augen?», deutet vieles auf ein Happy End hin. Das aber lässt die Autorin und Bibliothekarin offen.
Komplementär und musikalisch
Eine Eigenproduktion war auch der Text, den Alois Oberthaler vortrug. Unter dem Motto «komplementär» erzählte der Malermeister Farbiges aus seinem Leben. Denn in 79 Jahren passiere ja schliesslich einiges, zum Beispiel wie er in den Malerberuf einführt worden sei. Die Episode drehte sich um eine von seinem Vater angefertigte Kochfigur, die er als Zwölfjähriger heimlich übermalte. Und zwar so gut, dass er damit sein Schicksal besiegelte, in dritter Generation das Malergeschäft zu übernehmen. Er schilderte auf höchst amüsante Weise, wie er die Kundschaft manchmal mit der von ihm entwickelten Lieblingsfarbenmethode der verschiedenen menschlichen Charaktere beriet. Oder wie er lernte, sich bei Farbunstimmigkeiten zwischen Paaren immer für die weibliche Seite zu entscheiden. Die gäbe meistens den Ton an, den Farbton.
Im Schlössli las Maria König aus dem Buch «Goethes Gedanken über Musik» von Hedwig Walwei-Wiegelmann. Zum Einstimmen spielte die Kunsttherapeutin eine Klangreise auf verschiedenen Instrumenten. Goethe habe sich nicht nur intensiv mit Farben auseinandergesetzt, sondern sich auch viele Gedanken zur Musik gemacht, begann die Vorleserin. Sie trug Gedichte und Zitate des Dichters vor wie: «Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen, verflicht zu Millionen Tön und Töne.» Das Publikum erfuhr auch einiges über Goethes Italienreise oder über Musiker, die Texte von Goethe vertonten. Maria König schloss mit dem Beispiel von Franz Schubert «Der Harfner» und spielte dazu auf einem Psalter.
Ausklang in der Trotte
Nach den Lesungen war das Beizli in der Trotte bis auf den letzten Platz gefüllt. Beim angeregten Austausch war etwa folgender Kommentar zu hören: «Wir hoffen, dass es mit der Erzählnacht so weitergeht, denn sie ist eine Superidee.» Die Organisatoren freuten sich über den Besucherrekord und waren mit dem Abend rundum zufrieden.



