Wohlen erfindet sich neu
25.09.2018 WohlenDas «Festival der Sinne» rund um das Schlössli war ein absoluter Volltreffer
Die untere Steingasse ist eines der ältesten Quartiere Wohlens. Doch an diesem Samstag fühlte man sich hier ganz jung.
Daniel Marti, Chregi ...
Das «Festival der Sinne» rund um das Schlössli war ein absoluter Volltreffer
Die untere Steingasse ist eines der ältesten Quartiere Wohlens. Doch an diesem Samstag fühlte man sich hier ganz jung.
Daniel Marti, Chregi Hansen
«Es lief absolut nach Wunsch: Wetter, Besucheraufmarsch und Kulturprogramm. Ich bin wirklich ausserordentlich zufrieden mit dem Anlass.» Fabian Furter hatte am Abend allen Grund zum Strahlen. Das erstmals durchgeführte Festival der Sinne unter dem Motto «Punkt & Halbi», es war eine rundum gelungene Sache. Ursprünglich einfach als Einweihungsfest für den neu gestalteten Sternenplatz geplant, hat der Event durchaus Potenzial, um zu einer Tradition zu werden. «Grundsätzlich darf man ein Kulturfestival dieser Art auch machen, wenn keine Einweihung zu feiern ist», erklärt Furter. Dieser Ansicht dürften sich wohl die meisten Besucher anschliessen.
Das Konzept überzeugte. Die Mischung zwischen historischen Führungen, Familienfeier, Kulturanlass und Volksfest, es sorgte für lauter strahlende Gesichter. Und zwar von morgens 11 Uhr bis spät nachts. Der neue Sternenplatz, er war einerseits Treffpunkt und Festort, anderseits auch Startort für vielfältige Aktivitäten in der Nachbarschaft. Dass die Besitzer der verschiedenen historischen Liegenschaften ihre Türen öffneten, ist keine Selbstverständlichkeit. Zeugt aber von einem neuen Selbstbewusstsein in Wohlen. Man ist wieder wer und braucht sich nicht zu verstecken vor anderen Städten. Und man steht zu seinem Erbe. Beides ist nur zu begrüssen.
Viel mehr als nur ein (Park-)Platz
«Festival der Sinne» rund um den neuen Sternenplatz: Neues Konzept – gelungene Premiere
Das Kulturfestival rund um den Sternenplatz ist bestens angekommen. Bei Kindern und Erwachsenen. Bei Besuchern und Organisatoren gab es nur zufriedene Gesichter, denn letztlich war es auch ein Festival der Vielfalt.
Daniel Marti
Fabian Furter, Präsident des Vereins Schlössli und treibende Kraft beim «Festival der Sinne» war am Samstagabend richtig happy. Ursprünglich angetreten, um zur Einweihung des Sternenplatzes ein kleines Fest zu organisieren, wurde ziemlich alles überboten. Das «Festival der Sinne» war weit mehr als zuerst angestrebt: Dorffest, Spielort, Kulturevent, Teil des Europäischen Tags des Denkmals. Beide Elemente, die historischen Häuser und der neue Sternenplatz, standen im Mittelpunkt inklusive Schlössli, sogar die gesamte untere Steingasse war beliebter Festort.
Führungen durch die Steingasse sehr gut besucht
Die Steingasse ist nicht nur die älteste Strasse von Wohlen. Sie war früher, vor rund 200 Jahren, sogar Hauptverkehrsachse zwischen Bern und Zürich und von Villmergen über Wohlen nach Bremgarten. Dies verdeutlichten die beiden Lokalhistoriker Heini Stäger und Daniel Güntert, die je zwei Führungen anboten: «General Fischers Quartier» und «Ein Hauch von Habsburger Glorie». Alle vier Rundgänge waren bestens besucht.
«Die Steingasse war früher wie ein Dorf im Dorf. Hier hatte es alles», betonte Güntert. Von der Metzgerei über die Bäckerei bis hin zur Schmitte. Oder eben auch Restaurants, den «Sternen» und beispielsweise bei der heutigen ibw den «Krebs». Zu diesem Thema wussten beide Lokalhistoriker viel zu erzählen. Der «Sternen» wurde erst 1829 zur «Taverne der drei Sterne». Die Vorgänger des «Sternen» waren die Weinstuben am Rebberg. 1780 gab es in Wohlen 81 solche Weinstuben. Jeder, der im Weinanbau tätig war, durfte seinen Rebsaft auch in der eigenen Weinstube verkaufen. «Diese Weinstuben wurden dann als Brutstätte der Opposition ausgemacht.» Und verboten.
Politik wurde dagegen im Emanuel-Isler-Haus und im «Sternen» gemacht. Im Emanuel-Isler-Haus war Wohlens erstes Gemeinderatszimmer untergebracht. Und im «Sternen» hat General Fischer, der «Schwanen»- Wirt aus Merenschwand, beim Freiämter Sturm sein Quartier aufgeschlagen. «Das war das Pentagon des Freiamts», so Güntert.
Konzept ist neu für Wohlen
Emanuel-Isler-Haus und «Sternen» bilden den Eingang zur Steingasse und zum «Festival der Sinne». Das Festivalzentrum war der neue Sternenplatz – gleich vor dem ältesten Steinhaus von Wohlen namens Schlössli. Vom Festivalzentrum aus konnten Jung und Alt, Gross und Klein auf Entdeckungstour gehen. Die Zaubershow fiel zwar aus (der Zauberer war krank), aber trotzdem war das Angebot vielfältig. Eine Wissensshow und ein musikalisches Wasserspiel beim «Rote Huus» der ibw. Kutschenfahrt und Spiele. Ein Quiz, Basteln für Kinder, Kindergeschichten auf dem Heustock und im Sternensaal. Der Sternenplatz selber war Treffpunkt und Festort zugleich. Während der Nachmittag den historisch Interessierten und den Kindern reserviert war, wurde mit dem Abendprogramm viel Kultur geboten (siehe separaten Artikel).
Der Anlass ist absolut gelungen. Wohlen war auf den Beinen. Das Konzept mit dem zentralen Festplatz und dem Bespielen der historischen Gebäulichkeiten rundherum ist für Wohlen neu. Liebäugeln die Organisatoren allenfalls mit einer ähnlichen Wiederholung? Das Kernteam wird sich nach den Herbstferien treffen, «und dann werden wir sicher auch diese Frage beraten».
Gut geeignet für solche Anlässe – und viele andere auch
Das «Festival der Sinne» war dem Schlössli, das bereits im vergangenen Februar eröffnet wurde, und der Einweihung des Sternenplatzes gewidmet. Mit dem Sternenplatz hat das Schlössli nun auch eine einladende Umgebung erhalten. Und er kann auch als Festplatz gut bespielt werden – wenn er denn der Öffentlichkeit tatsächlich zugänglich sein wird. «Das Festival hat gezeigt, dass sich die terrassierte Platzanlage sehr gut für Anlässe dieser Art eignet», erklärt Furter.
Die Erlaubnis für die Sperrung des Sternenplatzes inklusive Steingasse in diesem Abschnitt habe man «schnell und unkompliziert erhalten». Furter hofft nun, dass der Sternenplatz im Alltag nicht ständig voll belegt sein wird. «Natürlich sieht der Sternenplatz als Parkfläche weniger attraktiv aus», sagt er noch mit der Hoffnung, dass das «Festival der Sinne» auch «andere Veranstalter motiviert».
Kulturhäppchen à discrétion
Auch das Abendprogramm des «Festivals der Sinne» zog viel Publikum an
Wer alles erleben wollte, was das Programm zu bieten hatte, der musste sich ganz schön beeilen. Und musste «Punkt&Halbi» an einem neuen Ort aufschlagen. Besser war es, auch mal etwas auszulassen und die besondere Atmospäre auf dem Sternenplatz zu geniessen.
Chregi Hansen
Manchmal hat es eben auch Vorteile, als Journalist unterwegs zu sein. Der Besuch des Theaters «Jetzt spricht der General» von Jörg Meier und Hans Jörg Gygli, er wäre sonst wohl unmöglich gewesen. Siebenmal spielten die beiden Wohler im viel zu kleinen Stübli des «Sternen», siebenmal bildeten sich lange Schlangen vor dem Eingang, musste die Mehrheit trotzdem draussen bleiben. Dem Vertreter der Zeitung wurde nach dem dritten vergeblichen Anlauf schliesslich ein Platz reserviert.
Der Besuch, er hat sich gelohnt. Hans Jörg Gygli spielte den General Fischer perfekt. Der Wirt des Merenschwander «Schwanen» war im Dezember 1830 unverhofft zum Anführer des Freiämter Sturms geworden.
In einem kurzen Interview mit einem Journalisten berichtet er, sozusagen am Vorabend des Marsches, über die Hintergründe des Aufstands. Mit ihrer Mischung aus geschichtlicher Erzählung und komödiantischen Einschüben begeistern die beiden die wenigen Zuschauer, die es ins Stübli geschafft haben. Und sorgen für einen der Höhepunkte des Festivals.
Intimer Rahmen
15 Minuten dauerte das Theater, 15 Minuten war die Vorgabe, welche alle Künstler erhielten, welche in diesem Rahmen auftraten. Dafür hatten sie bis zu sieben Auftritte. «Das ist schon etwas speziell», erzählt Lisa Brunner. «Aber es ist auch spannend, jedes Mal wieder vor einem anderen Publikum zu stehen.» Sie gab im Dachgeschoss der Zahnarztpraxis Schmidli eine kurzweilige Einführung in den Poetry Slam. Auch hier war es eng und gab es nur wenig freie Sitzplätze, der intime Rahmen behagte der Künstlerin aber. «Ich trete erstmals in Wohlen auf», sagte Brunner, «aber ich hoffe, es ist nicht das letzte Mal.» Und dieser Hoffnung schlossen sich viele Zuschauer an.
Nicht nur unter dem Dach der Brugisser-Villa gab es Kulturhäppchen zu geniessen, auch drei Stockwerke weiter unten in der Kellerbar konnte man eine Entdeckung machen. Hier spielte Jonas Stadelmann alias Mr. Marble auf einer alten Orgel moderne Musik, unter anderem Songs von den «Stooges», aber auch Eigenkompositionen. «Die Orgel stammt von meiner Grossmutter. Ich wollte sie nicht entsorgen und habe einfach ausprobiert, was sich damit machen lässt», berichtet er. Die Kombination von Vergangenheit und Moderne, sie ist dabei durchaus geglückt.
Alt und modern, wunderbar vereint
Musziert wurde auch an anderen Orten. Etwa im «Sternen», in welchem das Folkensemble der Wohler Musiklehrer Weltmusik spielte. Oder im benachbarten Sternensaal, wo die sehr jungen Mitglieder der Formation «Macaloosa» mit ihrem funkigen Jazz dem Publikum einheizten. Und froh waren, dass sie sich beim letzten Setting nicht mehr an die Vorgabe der Viertelstunde halten mussten und eine Zugabe nach der anderen spielten. «Für uns war klar, dass wir bei diesem Festival dabei sind. Der Aufwand ist zwar gross, aber wir haben Freude», sagte Eva Keller, die Präsidentin des Sternensaals.
Ganz modern präsentierte sich hingegen das Schlössli. Im Inneren gab es eine spannende Performance zu sehen, draussen hingegen wurde auf das alte Mauerwerk das Video mit dem neuen Song von Tonki MC gebeamt. Der rappende Wohler Lehrer hat dem Schlössli ein musikalisches Denkmal errichtet. Auf grosses Interesse stiess auch das farbenprächtige musikalische Wasserspiel beim «Rote Hus» der ibw. Während im Gebäude selber nicht nur eine Bar, sondern auch gepflegter Jazz lockte.
Wer alles sehen und hören wollte, der hatte an diesem Abend einiges zu tun. Besser war es, sich ein paar Häppchen auszusuchen. Und zwischendurch auf dem neu gestalteten Sternenplatz einfach die Stimmung zu geniessen. Die war den ganzen Abend sehr gut, den wenigen Regentropfen zum Trotz. Der Sternenplatz mit den historischen Gebäuden rundherum, er hat das Potenzial zum Dorfplatz. Und zum Ort der Kultur sowieso.












