Ein letztes Mal im «Rössli» feiern
04.09.2018 VillmergenPremiere der neusten Produktion der Theatergesellschaft Villmergen
Noch Tage später ist die Premiere des «Kammerdieners» Thema im Dorf. Was die Theatergesellschaft da auf die Beine gestellt hat, ist überwältigend.
Chantal ...
Premiere der neusten Produktion der Theatergesellschaft Villmergen
Noch Tage später ist die Premiere des «Kammerdieners» Thema im Dorf. Was die Theatergesellschaft da auf die Beine gestellt hat, ist überwältigend.
Chantal Gisler
Eine Reise nach Batavia, Paris und sogar ins kalte russische Nischni. Was die Theatergesellschaft Villmergen da auf die Beine gestellt hat, ist kaum zu übertreffen. Tosender Applaus und Standing Ovations erfüllten das «Rössli» am Freitag nach der Premiere des «Kammerdieners».
«Es wirkt alles so echt und authentisch», sagt eine Besucherin verblüfft. Während rund drei Stunden wurden die Besucher in die Zeit vor 1900 zurückversetzt. In die Zeit, als «Lunzi», ein Bauernbub aus Villmergen, den Entschluss fasst, auf Reisen zu gehen. Die 70-köpfige Crew erzählt die spannende Geschichte eines Villmergers, der die grosse weite Welt bereiste und die Welt ins damals kleine Dorf am Rietenberg brachte. «Wir haben lange nach dem idealen Ort für unser Theater gesucht, waren sogar in Büttikon», verrät Hildegard Hilfiker, Präsidentin der Theatergesellschaft. «Aber dass wir hier im ‹Rössli›, wo Lunzis Mutter damals ihren 70. Geburtstag feierte, spielen dürfen, das hätten wir anfangs nicht für möglich gehalten. Es ist wie ein Nach-Hause-Kommen.»
«Es lohnt sich»
Die Theatergesellschaft vermochte das Publikum zu begeistern. Im ganzen Raum und auch ausserhalb des «Rössli» wird gespielt, als zu Beginn des Stücks ein Trauerzug durch Villmergen zieht. Lunzi, der sich für die Schule nie sonderlich begeistern mochte, freut sich, als der Pfarrer ihm verkündet, dass seine Schulzeit beendet ist. Anpacken soll er. Was er nicht im Kopf hat, habe er in den Muskeln. Seine Reise beginnt, als ihn eine Bekannte nach Aarau mitnimmt und ihn als Schuhputzer empfiehlt. «Wir feiern den Rösslisaal nochmals richtig, bevor er abgerissen wird», sagt Regisseur Paul Steinmann.
Den Leuten scheint es zu gefallen. Noch Tage später wird über das Theater gesprochen. Und auch in den sozialen Medien war das Theater am Freitag Thema. «Eine unglaubliche Leistung der Theatergesellschaft!», heisst es beispielsweise auf Facebook. «Geht unbedingt hin, es lohnt sich!»
Mit «Lunzi» auf Weltreise
Geglückte Premiere der Theatergesellschaft Villmergen
Die Geschichte wiederholt sich: Ein zweites Mal bringt Bauernbub Lunzi die Welt nach Villmergen. «Wir haben Gäste aus der ganzen Schweiz», verrät Hildegard Hilfiker, Präsidentin der Theatergesellschaft.
Chantal Gisler
Unzählige Stunden wurde im Villmerger «Rössli» geprobt. Unzählige Szenen wurden wiederholt, perfektioniert. Texte gelernt, Bewegungen einstudiert, Lieder gesungen. «Der Aufwand hat sich definitiv gelohnt», sagt Regisseur Paul Steinmann nach der Premiere am Freitag.
Er wirkt glücklich, er strahlt über das ganze Gesicht. «Während der Proben war ich immer zufrieden. Jetzt nach der Premiere bin ich mehr als zufrieden.» Denn was die Theatergesellschaft aus dem Rösslisaal gemacht hat, lässt sich kaum übertreffen.
Die Zuschauer sind mittendrin, es wird um sie herum gespielt. Der kleine Raum wird in eine grosse Bühne verwandelt. Die Zuschauer finden sich im schönen Paris, im exotischen Batavia und sogar im kalten Russland wieder – wo es sogar schneit, während der Zar und seine Gattin ein Lied singen. Es stimmt alles bis ins kleinste Detail. «Wir versuchen, alles so authentisch wie möglich zu gestalten», sagt Steinmann. «Unsere Schauspieler, die sonst kein Russisch können, haben ein Lied auf Russisch einstudiert.» Sprachgewandt ist das Theater allemal. Durch witzige Sprüche, aber auch durch die verschiedenen Sprachen, die Lunzi während seiner Reisen lernt. «Wir wissen, dass nicht jeder Französisch oder Englisch kann, deshalb haben wir die Texte in den verschiedenen Sprachen möglichst einfach gehalten.» Aber auch die Hintergrundkulisse an den verschiedenen Bahnhöfen oder auf den Schiffen, die Dorfgespräche in Villmergen, sogar das Wiehern der Pferde, als Lunzi von «Becklimülleri» nach Aarau gebracht wird. Alles stimmt.
Wie eine Geburt
Die Theatergesellschaft Villmergen wurde 1852 gegründet, Lunzi erblickte zwei Jahre später das Licht der Welt. Ob er eine Aufführung der Theatergesellschaft gesehen hat, ist nicht überliefert. Allerdings ist es eine Tatsache, dass seine Mutter ihren 70. Geburtstag im «Rössli» gefeiert hat. «Das Wissen, dass das, was wir hier spielen, sich damals tatsächlich so zugetragen hat, verleiht uns, aber auch den Zuschauern ein einzigartiges Gefühl», sagt Hildegard Hilfiker, Präsidentin der Theatergesellschaft. «Es ist jedes Mal wie eine Geburt, wenn wir ein neues Stück vorstellen. Eine riesige ‹Büez›, die sich lohnt.»
Die Schauspieler müssen sich sehr konzentrieren und auch die Koordination zwischen Soundeffekten und Animation ist enorm wichtig, um dem Publikum von Lunzis Reisen zu erzählen. «Im Vordergrund steht immer die Frage, ob es auch mit dem Publikum funktioniert», erklärt Regisseur Paul Steinmann. «Wir müssen uns überlegen, ob die Besucher auch alle Anspielungen und Witze verstehen und wie das Theater aus ihrer Sicht wirkt.» Eine weitere Schwierigkeit sind die verschiedenen Schauplätze. «In einem Buch kann man schreiben, dass er in Wien abfährt und in Moskau ankommt. Im Theater müssen wir das den Leuten zeigen können.» Mit viel Witz, Charme und grossartigen Ideen ist das der Theatergesellschaft auch gelungen.
Nur noch wenige Tickets
«Wir haben vor einer Premiere noch nie so viele Tickets verkauft», freut sich Hilfiker. Neben den 13 regulären Vorstellungen hat die Theatergesellschaft drei Zusatzvorstellungen geplant. Doch innerhalb von nur zwei Wochen waren auch diese ausverkauft.
Lediglich für die Extra-Zusatzvorstellung vom Donnerstag, 6. September, 20 Uhr, sind noch Tickets zu haben. Für Hilfiker ein Zeichen, dass die Theatergesellschaft einen guten Ruf hat. Aber auch hinter den Grenzen des Freiamts scheint sich die Einzigartigkeit des Stücks herumgesprochen zu haben. «Wir haben Gäste aus der ganzen Schweiz», verrät Hilfiker. Es scheint, als hole Lunzi ein zweites Mal die Welt ins Dorf am Rietenberg.





