«Draussen tobt die Dunkelziffer»
14.09.2018 WohlenPodiumsdiskussionen zum Thema «Gefahren im Netz» mit Jugendanwalt und Schulsozialarbeiter
Zweieinhalb Stunden täglich im Internet. Das ist der durchschnittliche Wert der Jugend. Und da müssen alle – Eltern und Kinder – ...
Podiumsdiskussionen zum Thema «Gefahren im Netz» mit Jugendanwalt und Schulsozialarbeiter
Zweieinhalb Stunden täglich im Internet. Das ist der durchschnittliche Wert der Jugend. Und da müssen alle – Eltern und Kinder – gehörig aufpassen. Risiken lauern hinter etlichen Klicks. Ungeeignete Inhalte oder Mobbing übers Handy können enormen Schaden anrichten.
Daniel Marti
«Manchmal geht es so schnell und man steckt in der grössten Sauerei», erklärt Marianne Binder. Die Präsidentin der CVP Aargau moderierte die Podiumsdiskussion mit Jugendanwalt Hans Melliger, Stadtpolizist Patrick Stangl und Martin Schneider, Leiter Kompetenzzentrum Schulsozialarbeit Muri. Manchmal kann tatsächlich ein Klick einer zu viel sein, denn alles ist miteinander vernetzt. Und so landet man schnell auf Seiten mit Gewaltverherrlichung oder mit Pornografie.
«Da kann man tatsächlich bös erwachen», pf lichtet Jugendanwalt Melliger bei. Und man müsse eben auch im Netz aufpassen, wo man sich rumtreibt, warnte er. «Was ist erotisch, was Anmache, was Pornografie?», so Melliger.
Schulwechsel nötig wegen Nacktbildern
«Man muss den Jugendlichen immer aufzeigen, welche Auswirkungen der Aufenthalt im Netz haben kann», betont Martin Schneider. Beispielsweise per Handy versandte Nacktbilder können dazu führen, dass die betroffenen Kinder neue Schulplätze suchen müssen. Häme und Spott im Netz nehmen bei Jugendlichen zu. «Und die ganze Wut wird beim Mobbing aufs Opfer gelenkt», fügt der Jugendanwalt an. «Darum bei solchen Fällen: Raus aus dem Netz, raus aus der Chatgruppe.»
7,4 Stunden an einem Bildschirm
Die Methode sei eigentlich ähnlich wie vor 20 Jahren. «Nur», gibt Schneider zu bedenken, «geht es nach der Schule weiter. Übers Handy und rund um die Uhr.» Das könne für die Opfer sehr schmerzhaft sein. «Und viele Jugendliche definieren sich heute nur noch übers Netz», so Melliger weiter.
«Wie sieht es überhaupt mit dem Anerkennungswahn aus?», wollte Binder wissen. Schlecht. Die Selbstinszenierung nimmt an Bedeutung stetig zu. Möglichst rasch wird ein Feedback verlangt – und auch geliefert. Per Klick oder E-Mail oder WhatsApp. Dieser Anerkennungswahn ist auch in neusten Studien sichtbar. Einige stellte Jugendanwalt Melliger dar. Durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Tag sind 12- bis 19-Jährige im Internet präsent, am Wochenende sind es täglich über drei Stunden. Und Jugendliche in der Schweiz, 11- bis 15-Jährige, verbringen täglich 4,4 Stunden vor einem Bildschirm (also Compi, Handy, TV, Hausaufgaben am Computer sind da miteingeschlossen). Am Wochenende sind es täglich 7,4 Stunden. «Das ist doch alarmierend», folgert Melliger.
Es braucht den Konflikt
In anderen Ländern muss laut Melliger an den Schulen das Handy am Morgen abgegeben werden. Das wird in der Schweiz kaum gelingen, befürchtet Martin Schneider, der ein Beispiel nennt. «Versuchen Sie zu Hause wenigstens über den Mittag eine Handy-Box einzuführen. Alle Familienmitglieder müssen ihr Handy über die Mittagszeit dort hineinlegen.» Ein guter Ansatz, fanden auch die Besucher. Der Konter von Schneider kam sofort: «Am schwierigsten tun sich damit die Eltern.»
Der Jugendanwalt präsentierte noch eine andere Zahl. Im Kanton Aargau gibt es jährlich 120 Pornografiefälle von Jugendlichen, die zur Anzeige gelangen. «Ist das jetzt viel oder wenig?», fragte er und gab die Antwort gleich selber. «Und draussen tobt die Dunkelziffer.» Er gab einfach zu bedenken, dass solche Fälle auf der menschlichen Seite enorme Auswirkungen haben. Andererseits nütze es nichts, wenn man die Problematik nur ignorieren wolle. «Irgendwann braucht es den Konflikt, denn ausweichen nützt und bringt nichts.»
Einen Anteil am Problem hat auch die Verrohung der Sprache – das waren sich alle Podiumsteilnehmer einig. «Die brutale Sprache untereinander müssen wir zwingend wieder eindämmen», so Marianne Binder.



