Hoher Gast
21.08.2018 MeisterschwandenZum ersten Mal fand am Arbeiterstrandbad in Tennwil ein Fest der Solidarität statt. Die SP, die JUSO, die Gewerkschaften und Naturfreunde Aargau gedenkten damit dem Landesstreik von 1918. Als Ehrengast war Gregor Gysi, Mitglied des Deutschen Bundestages, zugegen. So wie auch ...
Zum ersten Mal fand am Arbeiterstrandbad in Tennwil ein Fest der Solidarität statt. Die SP, die JUSO, die Gewerkschaften und Naturfreunde Aargau gedenkten damit dem Landesstreik von 1918. Als Ehrengast war Gregor Gysi, Mitglied des Deutschen Bundestages, zugegen. So wie auch JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello. «Die beiden waren unsere Wunschredner, dass beide zugesagt haben, hätten wir nie gedacht», freut sich Nationalrat Cédric Wermuth.
Tennwil: Rund 400 Besucher waren am ersten Fest der Solidarität
Am Arbeiterstrandbad gedachten die Linke und die Gewerkschaften dem Landesstreik von 1918. Mit Gregor Gysi, Mitglied des deutschen Bundestags, war einer der bekanntesten Politiker anwesend.
Chantal Gisler
Manchmal braucht es gar nicht viel, um einen prominenten Redner nach Tennwil zu bringen. Für Gregor Gysi, einen der bekanntesten deutschen Politiker im deutschsprachigen Raum, reichte «der Reiz eines geschichtsträchtigen Ortes» aus, um als Festredner am ersten Fest der Solidarität aufzutreten. Dort gedachte die Linke am Samstag dem Landesstreik von 1918. Ein Streik, der zunächst gescheitert war, doch dessen Folgen längerfristig «den Grundstein für mehr Demokratie und Gleichberechtigung legte», wie Gabriela Suter, Präsidentin der SP Aargau, es in ihrer Begrüssungsrede festhielt.
Rund 400 Gäste durften die SP, die JUSO, die Naturfreunde Aargau und die Gewerkschaften in der «roten Alge am Hallwilersee», wie Inhaber Jürg Lienhard das Tennwiler Arbeiterstrandbad nennt, begrüssen. Der Geist im Strandbad sei seit jeher ein sozialistischer, der es zu einem Ort macht, an dem jeder willkommen ist. So soll 100 Jahre nach dem Streik an diesem Ort eine neue Tradition entstehen, bei der man das Miteinander geniesst.
Zwei ideale Gastredner
«Es kommt sehr selten vor, dass man zwei ideale Gastredner anschreibt und beide zusagen», erläuterte Nationalrat Cédric Wermuth. Seit Dienstagmorgen wurde am Strandbad alles für den grossen Anlass vorbereitet. Für ihn war klar, dass am ersten Fest der Solidarität ein Redner hermusste, der «d Lüt zämebringt». Damit war schnell klar, dass Gregor Gysi und Tamara Funiciello die ideale Redner wären. Funiciello habe direkt zugesagt, bei Gysi sei die Sache etwas schwieriger gewesen. «Ich habe ihm eine E-Mail geschickt, aber fast zwei Monate keine Antwort erhalten», erzählt Wermuth. «Als ich mich bereits mit dem Gedanken angefreundet habe, dass Gysi absagen würde, kam die Antwort mit der Zusage.» Eine Riesenfreude hatte er. Dass der populärste Redner im deutschsprachigen Raum, dessen Videos auf Youtube hundertausendmal geklickt werden, nach Tennwil kommt, damit hätte Wermuth nicht gerechnet. Und dem Ehrengast scheint es hier zu gefallen. «Ja, ich war heute schon im See baden», verrät Gysi.
Noch vor seiner Festansprache meinte er, dass es wohl kaum möglich sei, noch mehr Revolution in einen Raum zu bringen. Denn die JUSO-Präsidentin Tamara Funiciello hatte die Besucher begeistert. Sie sei «stinkhässig», sagte Funiciello, dass «wir in einer Welt leben, in der das Kapital über die Menschen entscheidet und wir zuschauen, wie eine Gewaltepidemie über den Planeten zieht.» Man müsse den Kampf auf der Strasse führen, nicht in Parlamenten. «Es ist Zeit für eine Revolution!», rief sie, woraufhin das Publikum in tosenden Applaus ausbrach.
Revolution in Europa
Doch auch Gysi versteht es hervorragend, mit genialen Reden zu begeistern. Über 20 Jahre sass er im Deutschen Bundestag, davon zehn Jahre als Vorsitzender der Partei «die Linke». Mit seinen 70 Jahren dürfe er weise Ratschläge geben, sagte Gysi in seiner Ansprache. Die Jungen müssten gegen das, was falsch läuft, rebellieren. «Der Regierung ist es egal, wenn der Bäckermeister im Dorf pleite geht. Aber bei einer Kommerzbank werden sofort alle Hebel in Bewegung gesetzt», prangerte Gysi an. Politik werde heutzutage so gesprochen, dass sie niemand mehr versteht. «Aber müsste man als Volksvertreter nicht auch eine volksnahe Sprache beherrschen?»
Diese Entfernung zum Volk sei in seinen Augen auch der Grund, weshalb das amerikanische Volk Donald Trump, einen Unternehmer ohne jegliche politische Erfahrung, gewählt hatte. Und er warnte davor, dass die Entwicklungen in den USA denen in Deutschland oft vorausgehen. «Die ist europäisch. Sie wechselt die Länder, spricht verschiedene Sprachen. Wir sind verpflichtet, diese Integration zu bewahren.» Dass sich die EU abschotte, zeige in seinen Augen nur, dass eine Revolution nötig ist. Mit einer Ausnahme. «Ausnahmen sind gut, Ausnahmen bestätigen die Regel.» Und diese Ausnahme sei die Schweiz. «Und so soll es auch bleiben.»



