Menschen im Mittelpunkt
17.07.2018 BremgartenDie Sommerserie «Wenn es Nacht wird» beginnt mit einem Besuch der Nachtschicht im Alterszentrum Bärenmatt in Bremgarten. Ines Thiel, Fachfrau Gesundheit, und Pflegeassistentin Adelina Gutaj bekommen das drückende Klima in der Unruhe mancher Bewohnenden zu spüren. Treppauf ...
Die Sommerserie «Wenn es Nacht wird» beginnt mit einem Besuch der Nachtschicht im Alterszentrum Bärenmatt in Bremgarten. Ines Thiel, Fachfrau Gesundheit, und Pflegeassistentin Adelina Gutaj bekommen das drückende Klima in der Unruhe mancher Bewohnenden zu spüren. Treppauf und treppab gehts. Nachts ist der Lift tabu. Würde eine der beiden Frauen mit ihm steckenbleiben, wäre der Tatbestand der «gefährlichen Pflege» erfüllt.
Im Zentrum allen Tuns stehen das Wohl und die Bedürfnisse der betagten Menschen. Die beiden Pflegenden beeindrucken tief. Ihre Berufung ist spürbar. --gla
Voller Respekt und Wärme
Sommerserie «Wenn es Nacht wird»: Einblick in die Nachtschicht des Alterszentrums Bärenmatt
Susanna Siciliano empfängt mich um 21.20 Uhr beim Eingang. Die stellvertretende Leiterin Pflege und Betreuung führt mich zu Ines Thiel. Die Fachfrau Gesundheit ist bereit, sich im Nachtdienst von mir verfolgen zu lassen. Sie sei etwas nervös gewesen, wird sie später lachend gestehen. «Es erinnerte mich an Prüfungsstress.» Spürbar ist davon gar nichts. Im Stationszimmer auf Stock 3 nimmt sie mit Pflegeassistentin Adelina Gutaj den Rapport von Petra Stutz entgegen. Frau S. war etwas gereizt, ansonsten unauffällig. Herr T. hatte eine vorübergehende Absenz mit Sprachschwierigkeiten, hat sich im Verlaufe des Tages aber erholt. Frau M. war ungewohnt aktiv, soll bis zum Einkaufszentrum Sunnemärt gegangen sein. «Wir waren etwas unruhig und riefen ihren Sohn an. Er wird morgen kommen.» Eine Frau hat ihre Angst vor der Nacht ausgedrückt. Sie wird aufmerksam in die Nacht begleitet werden. Ines Thiel notiert weitere Auffälligkeiten und Bedürfnisse einzelner Bewohnerinnen und Bewohner, diverse verabreichte Medikamente und deren Wirkung.
Das war der Rapport für die Etagen 3 und 4. Auf der Etage 5 leben selbstständige und nicht pflegebedürftige Menschen. Sie werden Ines Thiel und Adelina Gutaj nur im Notfall rufen. Es geht jetzt zum Rapport von Marina Aksentijevic für Stock 1 und 2.
Adelina Gutaj hat heute mehr als die reguläre Nachtwache zu bewältigen. Für sie ist ein begleiteter Arbeitseinsatz angesetzt. Susanna Siciliano prüft ihre Arbeit, eine von der kantonalen Behörde geforderte Massnahme zur Qualitätssicherung. Die Assistentin hat nichts zu befürchten. Sie wird den Test sehr gut bestehen. Ines Thiel gibt mir ein Desinfektionsmittel für die Hände. In manche Zimmer dürfte ich sie bei ihrem Rundgang auf den Etagen 3 und 4 begleiten. Nach einem Besuch bei einem fröhlichen Herrn entscheide ich, jetzt auf weitere zu verzichten. Vor der Schlafenszeit möchte ich keine Irritationen auslösen. Ines Thiel stellt Fernseher ab und löscht in mehreren Zimmern das Licht. Im Gang höre ich ihre Gespräche mit noch wachen Bewohnern. Sie fragt fröhlich und liebevoll nach deren Befinden und Bedürfnissen und betont immer wieder: «Wir sind da.»
Den gleichen Rundgang macht Adelina Gutaj auf den Etagen 1 und 2. Stets verbunden über das interne Telefon, bekommen die zwei Pflegerinnen alle Rufe aus den Zimmern gleichzeitig mit. Bei Bedarf setzen sie Prioritäten. «Wir kennen unsere Bewohnenden und entscheiden entsprechend.»
Tee und Gespräch vor Schlafmittel
In dieser Nacht sind es überdurchschnittlich viele Rufe. «Das Klima ist unangenehm und lässt manche unruhig sein», erklärt Ines Thiel mit umgehängtem Frotteetuch. Im alten Zentrum Bärenmatt mangelt es an wohltuendem Temperaturausgleich. Die Pflegenden achten darauf, dass in allen Zimmern und auf den Etagengängen die Fenster offenbleiben. Unruhe werde aber nicht gleich mit Schlafmitteln behandelt. «Manchmal genügt ein Beruhigungstee oder ein Gespräch.» Dass für Gespräche in der Nacht tendenziell mehr Zeit zur Verfügung steht, ist einer der Gründe, weshalb sie gerne Nachtschicht arbeitet.
Ein steter Begleiter ist der Schlüsselbund. Wegen der Medikamente sind die Stationszimmer beim Verlassen abzuschliessen. Ines Thiel weist auf einen roten Punkt auf einem Namensschild. Diese Tür soll abgeschlossen sein, damit sich die Bewohnerin sicherer fühlt. «Das Wohl und die Wünsche unserer Bewohner stehen immer im Zentrum. Dafür tun wir unser Möglichstes.» Sie unterstreicht das mehrmals.
Die Rundgänge der beiden Pflegenden dauern inklusive der Zwischenrufe fast zwei Stunden. Zuletzt hilft Ines Thiel einem Mann beim Zubettgehen, der es mag, länger aufzubleiben und sich flexibel der Situation anpasst.
Jetzt würde sie sich kurz mit ihrer Kollegin austauschen und dann beginnen, für den Tagesdienst sämtliche Medikamente bereitzustellen. Später ist «Schreibkram» zu erledigen, wie sie sich ausdrückt. Dabei wird sie jederzeit verfügbar bleiben. Sie schiebt diese Arbeiten für eine kurze Kaffeepause mit mir auf.
Die Nachtwache dauert bis 7 Uhr, neuneinhalb Stunden also. Pausen sind individuell einzulegen. Ines Thiel arbeitet jetzt fünf Nachtschichten in Folge, hat dann fünf Nächte frei, um nachher wieder vier Nächte im Einsatz zu sein. Sie hat ein 80-Prozent-Pensum. «Frau Siciliano macht die Einsatzpläne und geht auf unsere Wünsche ein, soweit das möglich ist. Mit meinem Wunschplan klappt es meistens.» Ich spüre, dass es sie zur Arbeit zieht, verabschiede mich und vertage meine neugierigen Fragen auf den Morgen.
Ganze Familie in der Pflege
Es ist nicht der Espresso, der mich nicht einschlafen lässt. Meine Gedanken kreisen um das Erlebte. Der kurze Einblick bestätigt meine Überzeugung, dass dieser Beruf Qualitäten erfordert, die mir nicht gegeben sind.
Kurz vor 6 Uhr öffnet mir Adelina Gutaj die Türe. «Ja, heute Nacht hatten wir wirklich genug zu tun.» Dramatisches geschah nicht. Alles nur Kleinigkeiten, sagt Ines Thiel. In ruhigeren Nächen würden Reinigungsarbeiten erledigt. Jetzt möchte ich sie in ein Zimmer begleiten. Ein Bewohner soll seine Kompressionsstrümpfe angezogen bekommen. Ob ich ihn fotografieren dürfe, frage ich. «Sie dürfen alles», lächelt er. Nachher wird er noch etwas dösen. Seine Augen pflegen, wie Ines Thiel sich ausdrückt.
Bis es zum Rapport geht, bleibt etwas Zeit. Regelmässige Nachtarbeit wirft die Frage nach der familiären Situation auf. «Wir haben einen 20-jährigen Sohn», erzählt sie. «Mein Mann und er sind beide Fachmann Gesundheit. Als Wohnbereichsleiter in einer anderen Institution arbeitet mein Mann tagsüber.» Mindestens ein Wochenende pro Monat hat das Paar gemeinsam frei, ansonsten sind es einzelne Wochentage. «Wir sind zufrieden.»
Die Familie zog 2009 in die Schweiz. Die Pflegeassistentin liess sich hier zur Fachfrau weiterbilden und nahm immer wieder Möglichkeiten wahr, an sich zu arbeiten, wie sie sagt. Die warmherzige Frau bildete sich auch in Palliativpflege weiter. «Wir schöpfen Palliativmittel nach Absprache mit dem Arzt aus. Jeder Mensch sollte ohne Schmerzen gehen dürfen.» Spezielle Zuwendung benötigt in der allerletzten Lebenszeit nicht nur der sterbende Mensch, sondern auch seine Angehörigen. Oberstes Gebot bleibt in jeder Situation der Respekt.
Nach dem Rapport fährt sie nach Hause. Sie wird durschen, sich einen Kaffee machen und eine Zigarrette rauchen. Abschalten. Dann bis zirka 16 Uhr gut schlafen. «Ich schlafe generell gut.» Auch ich trete den Heimweg an. Nachdenklich und berührt von zwei Frauen, die ihre so wertvolle Berufung leben.




