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24.07.2018 Region BremgartenSommerserie «Wenn es Nacht wird»: Einblick in den Campingplatz Sulz
Die Brüder Ivo und Hansjörg Kohler führen den Platz gemeinsam. Ersterer bittet mich, nicht an einem Freitag- oder Samstagabend zu kommen, da dann sehr viel laufe und sie keine Zeit ...
Sommerserie «Wenn es Nacht wird»: Einblick in den Campingplatz Sulz
Die Brüder Ivo und Hansjörg Kohler führen den Platz gemeinsam. Ersterer bittet mich, nicht an einem Freitag- oder Samstagabend zu kommen, da dann sehr viel laufe und sie keine Zeit für mich hätten. Also wird ein Donnerstagabend abgemacht. Ich bin um 19.45 Uhr vor Ort und merke gleich: «Das mit dem gemütlich wird heute nichts.» Denn das Camping-Restaurant Reussstübli ist voll mit Gästen. Meine Einschätzung sollte sich aber nur teilweise bewahrheiten. Denn einerseits hat Hansjörg Kohler, der heute Abend Dienst hat und den ich begleiten darf, wirklich sehr viel zu tun. Andererseits strahlen die Gäste Ferienatmosphäre aus, die ansteckend ist. Da ich früher als abgemacht ankomme, setze ich mich erst mal hin und bestelle einen Kaffee. Sofort wird klar, dass im «Reussstübli» nicht nur Camper einkehren, sondern immer wieder auch Einwohner aus Künten und Sulz. Im Juli und August hat das Restaurant an sechs Tagen bis 23 Uhr geöffnet. Nur am Sonntag schliesst es bereits um 22 Uhr. Das «Reussstübli» ist aber mehr als eine Beiz. Es ist Dreh- und Angelpunkt des Campings Sulz. Hier erfolgen die An- und Abmeldungen, werden rudimentäre Kioskartikel verkauft und alle Sorgen und Probleme der Camper an die Betreiber herangetragen. Wobei die meisten rasch gelöst werden können.
Möglichst viel selber machen
Mittendrin steht an diesem Donnerstagabend Hansjörg Kohler. Der Künter ist quasi auf dem Platz aufgewachsen, arbeitete später bei der Polizei und in der Schweizergarde in Rom. Davon zeugen vier Hellebarden und ein gemaltes Bild, auf dem zwei Gardisten in der traditionellen Uniform zu sehen sind. Aufgehängt sind sie im «Reussstübli». Sein Vater habe ihn zurückgeholt. Als er und sein Bruder den Betrieb übernahmen, beschlossen sie, möglichst vieles selber zu machen. Was das bedeutet, erlebe ich mit offenem Mund an diesem Abend. Hansjörg Kohler kocht, bereitet die Teller vor, wäscht und trocknet Geschirr ab, begrüsst neue Camper, rechnet diejenigen ab, die am Freitagmorgen wegfahren und bereits jetzt zahlen wollen, verlängert Anmeldungen. Er leiht Schlüssel aus, berät, plant die Lebensmittelbestellungen, spricht mit dem Journalisten – und das alles gleichzeitig. Für den Service ist eine Frau angestellt. Fast merkwürdig mutet es an, wenn Hansjörg Kohler zwischen all diesen Dingen erzählt: «Ich versuche, den Service zu entlasten. Denn dieser hat den meisten Kundenkontakt.» Nie wirkt er gestresst, eher konzentriert und dabei immer mit einem Lächeln auf den Lippen. «Die Küche ist klein, aber zweckmässig», erklärt er. Rein intuitiv scheint Hansjörg Kohler zu wissen, wann die Pommes frites, Fischknusperli oder Chicken Nuggets genügend lang im heissen Öl gebadet haben. «Wir kochen einfach und achten auf Qualität und darauf, dass viele Produkte aus der Region kommen», erklärt er die Philosophie des Campingplatzes.
Kommen und gehen, wann man will
Anmelden kann man sich im Camping Sulz, solange das Restaurant offen hat. Eigentlich aber, solange Kohler vor Ort ist. Einen Hag gibt es nicht. «Man kann kommen und gehen, wann man will», erklärt Kohler. «Das sind sich viele Camper nicht gewohnt, funktioniert hier aber super.» Auch mit der Küche ist Kohler flexibel. «Wenn jemand spät kommt und hungrig ist, koche ich auch nach 22 Uhr.» Ansonsten findet der grösste Ansturm zwischen 18 und 21 Uhr statt. Nur heute nicht. Später wird er mit seiner Servicekraft resümieren, dass heute Abend die Essen über eine längere Zeit, dafür wenig konzentriert bestellt wurden.
Vielfältige Kundschaft
Die Kundschaft ist an diesem Donnerstagabend sehr vielfältig. Es kommen Deutsche, Einheimische, Dauercamper, Kurzgäste, Gastarbeiter, die hier günstig nächtigen, Jugendliche, Familien und Pensionierte. Hansjörg Kohler findet zu allen einen Draht. Tätowierte sprechen über Tattoos, Einheimische tauschen den neusten Dorfklatsch aus. Auch eine Reiterin kommt mit ihrem Pferd vorbei und löst damit Diskussionen aus, ob das am Rand des Restaurants platzierte Tier erwünscht ist oder nicht.
Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, beschäftigen die beiden Brüder weiteres Personal. Einiges rekrutieren sie aus der eigenen Verwandtschaft. Ein paar Neffen kommen an diesem Donnerstagabend vorbei. Sie kündigen ihren Hunger an und bestellen ihr Essen auf 22 Uhr. Dazwischen wollen sie in der Reuss baden. Erst gegen 22.15 Uhr stellt sich Hansjörg Kohler einen Salatteller zusammen. Er setzt sich zu seinen Neffen und kann zum ersten Mal durchatmen. «Ende August bin ich jeweils froh, wenn der grösste Stress vorbei ist», erklärt er. Sechs Tage in der Woche arbeitet Kohler, wobei er meist am siebten Tag ebenfalls noch etwas für den Campingplatz erledigt. «Ich sehe meine Familie am Morgentisch und beim Mittagessen. Oft kommt sie auch hier vorbei», so der Künter. Die Wochenenden seien nicht einfach für seine Frau, da sie dann alleine ist. Dafür hätten sie unter der Woche mal gemeinsame Zeit.
Persönliche Tragödien
Um 23 Uhr kassiert seine Servicekraft ein. Kohler schliesst den Rollladen beim Kiosk. Er schnappt sich ein Getränk und wir setzen uns zu einem Engländer. Dieser erzählt aus seinem abenteuerlichen Leben. Wir erfahren von Tragödien und Schicksalsschlägen. Hansjörg Kohler hört ihm aufmerksam zu, stellt Fragen und versucht zu trösten. Gegen Mitternacht stelle ich ein paar Fragen zum Betrieb. Dann schliesst er das Restaurant definitiv. Beim obligaten Schlussrundgang über den Campingplatz lasse ich ihn alleine. Er wird schauen, ob noch irgendwo ein lauter Fernseher läuft, und bei Bedarf freundlich bitten, diesen leiser zu stellen. Ab sieben Uhr wird Hansjörg Kohler wieder telefonisch erreichbar sein. Ab acht Uhr ist er wieder vor Ort.
Auf der Heimfahrt lasse ich den Abend Revue passieren. Ich bewundere den Platzwart für seine Ruhe, Ausdauer und Freundlichkeit. Und ich bin dankbar, diesen einmaligen Blick in eine mir bisher fremde Welt erhalten zu haben.



