Quer durch Russland
18.05.2018 WohlenWohlen: Philipp Schmid vor grosser Prüfung
90 Tage wird er auf dem Sattel verbringen. «Dabei werde ich alles geniessen», sagt Philipp Schmid vor der Reise durch Russland.
Eine Reise über acht Zeitzonen hinweg. Das ist ...
Wohlen: Philipp Schmid vor grosser Prüfung
90 Tage wird er auf dem Sattel verbringen. «Dabei werde ich alles geniessen», sagt Philipp Schmid vor der Reise durch Russland.
Eine Reise über acht Zeitzonen hinweg. Das ist beim Fliegen eine Selbstverständlichkeit. Philipp Schmid aus Wohlen macht einen solchen Trip mit dem Fahrrad. Quer durch Russland, von St. Petersburg ans japanische Meer nach Wladiwostok über insgesamt 10 000 Kilometer. Am 8. Juni geht es los. Am 10. September soll das Ziel erreicht sein. Insgesamt 22 Teilnehmer wagen sich an diesen Trip. Begleitet werden sie von zwei Reisebussen von Artists-Delight. Die Tourenleitung besteht aus sechs Personen. Tourenleiter ist Marcel Iseli aus Bad Zurzach.
Eine solche Tour hat es zuvor noch nie gegeben. Schmid, er wird im Juni 61 Jahre alt, hat diese Herausforderung seit über einem Jahr in seinem Kopf fix gespeichert. Der Russland-Trip sei die «Mutter aller Veloreisen», sagt er. Seine Vorfreude und Motivation sind riesig, die Nervosität steigt langsam. --dm
«Erlebnis fürs Leben»
Der Wohler Philipp Schmid beteiligt sich an der Trans-Russland über 10 000 Kilometer – 90 Tage auf dem Rad
Von St. Petersburg über Kasachstan und den Baikalsee nach Wladiwostok. Quer durch das riesige Land Russland. Durch acht Zeitzonen. Eine Strecke von 10 000 Kilometern. Purer Wahnsinn. Für Philipp Schmid ist das eine riesige Herausforderung.
Daniel Marti
«Im Alter von knapp 60 Jahren will ich nochmals etwas Grosses leisten.» Sagt Philipp Schmid und studiert dabei die Russland-Karte. Dann schaut er auf und betont: «Ja, ich will an meine physischen Grenzen gehen.» Und lacht. Locker und sympathisch sitzt er da und spricht von dieser grossen und einzigartigen Reise. «Ich fühle mich bereit.»
Von St. Petersburg quer durch Russland nach Wladiwostok. Auf dem Rad. 10 000 Kilometer. Aufgeteilt auf 90 Tage und aufgeteilt auf zehn Teilstücke. Was nach einer unfassbaren und anspruchsvollen Reise auf zwei Rädern klingt, ist eine riesige Herausforderung. Material und Logistik müssen im Einklang sein. Im Einklang mit dem Sportler.
Die Frau brachte ihn auf Mallorca auf den Geschmack
«Wenn mir einer sagt, ich sei eine Wildsau, dann schaue ich das halt als Kompliment an», erklärt Philipp Schmid, der den Start am 8. Juni in St. Petersburg kaum erwarten kann. «Gut», gibt er zu, «je näher der Start kommt, desto mehr spüre ich eine leichte Nervosität.» Denn Erfahrungen über diese Veloreise gibt es nicht. Es ist also auch ein Eintauchen ins Ungewisse. Organisiert wird dieser Top-Event von Ex-Weltmeister Max Hürzeler, Huerzeler Bicycle Holidays, bekannt für Veloferien auf Mallorca.
Und genau dort, auf Mallorca, liegt der Ursprung der gigantischen Veloreise. Letztes Jahr verbrachte Schmid mit seiner Ehefrau Yvonne ein paar Ferientage auf Mallorca. Sie machte ihn dabei auf einen Aushang des Russland-Abenteuers aufmerksam. «Das ist doch etwas für dich», sagte sie. «Ich kann doch nicht drei Monate weg», erwiderte er. «Doch», erklärte seine bessere Hälfte, «genau jetzt ist der ideale Zeitpunkt gekommen». Vor zehn Jahren hätte er wegen den Kindern nicht so lange weg sein können, und in zehn Jahren sei er zu alt für solche Strapazen, so die einleuchtende Begründung seiner Frau.
Trotz gesundheitlichem Rückschlag nun top vorbereitet
Am 19. Juni wird Philipp Schmid 61 Jahre alt (er wird seinen Geburtstag also in Russland auf der Tour feiern) und die drei Kinder sind inzwischen erwachsen. Die Trans-Russland ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und als er einen Vortrag von Tourenleiter Marcel Iseli hörte, war alles klar. «Das ist cool.» Und noch eine Erkenntnis ist ihm wichtig: «Meine Frau hat recht, jetzt ist der richtige Moment.»
Seit etwas mehr als einem Jahr ist das Projekt fest in seinem Kopf gespeichert. An jedem Tag ist der Russland-Trip sein Begleiter. «Es müssen einige Sachen stimmen und einige Personen ihr Okay geben: Familie, Geschäft, Gesundheit, Training, Kondition, Kosten.»
Begleitfahrzeuge wie bei Helene Fischer
Alles ist geregelt, alles lief nach Plan. Bis zum vergangenen Dezember, da lag er gesundheitlich für drei Monate flach. «Das war ein grosser Rückschlag und die Vorfreude ging auf ein Prozent runter.» Aber im März konnte Schmid, wieder bei Kräften, sein Vorbereitungsprogramm aufnehmen. Mittlerweile hat er seither 2500 Trainingskilometer auf dem Rennrad in den Beinen. Pro Jahr legt er im Durchschnitt jährlich 6000 Kilometer zurück – meistens mit den Kollegen des VMC Wohlen. Inzwischen ist er absolut bereit.
In Blaubeuren in Deutschland wurden alle 22 Teilnehmer eingekleidet und mit einem massgeschneiderten Bike ausgerüstet. Am 8. Juni ist der Start in St. Petersburg. Zwischen den zehn Teilstücken gibt es jeweils ein oder zwei Tage Pause – dann mit Übernachtungen in bereits gebuchten Hotels. Sonst übernachten die Russland-Fahrer in den beiden Begleitfahrzeugen. Die Tour wird über die ganze Dauer der Reise durch zwei topmoderne und komfortable Reisebusse von Artists-Delight begleitet. Übrigens begleitet Artists-Delight die deutsche Starsängerin Helene Fischer und andere Mega-Künstler auf ihren Tourneen.
Die Busse verfügen über Schlafplätze, Aufenthaltsbereiche, Duschen, Toiletten. Beide Busse sind je mit einem Anhänger unterwegs, in einem ist die Werkstatt eingerichtet, im anderen die Küche. «Wir führen 6000 Liter Wasser mit und eine halbe Tonne Nudeln», nennt Schmid nur zwei Beispiele. «Die Logistik dieser Reise ist eine Wahnsinnsleistung, schliesslich wird allen 22 Teilnehmern auch ein möglichst hoher Komfort geboten.» Inklusive Satelliten-TV, schliesslich will man die Spiele der Fussball-WM auch in Russland mitverfolgen können.
Nun läuft der Countdown. Schmid fiebert dem 8. Juni entgegen. Nur worin steckt der Reiz, eine solche Herkulesarbeit zu meistern? «Es geht nicht um die Kilometer», entgegnet er, «es geht um die Reise durch ein unbekanntes Land.» Und die Herausforderung bestehe darin, jeden Tag aufs Rad zu steigen, bei jeder Witterung, und die durchschnittlich über 110 Tageskilometer zurückzulegen. Das hat bisher in dieser Art noch niemand zuvor bewerkstelligt. «Das braucht eine besondere Motivation», so Schmid.
Fehlende Privatsphäre als Ungewissheit
Und er verspricht noch etwas anderes: «Andere gehen ins Kloster, um zu meditieren. Ich will auf dem Rad die Weiten, die Landschaft von Russland bewundern. Ich werde die 10 000 Kilometer zu hundert Prozent geniessen.» Einzige Ungewissheit sei die Tatsache, dass rund drei Monate lang jegliche Privatsphäre fehlen werde. Nach den Stationen wie St. Petersburg, Perm, Omsk, Novosibirsk, Irkutsk, Tschita, Swobodny, inklusive ein Teilstück über Kasachstan, wird am 8. September nach ziemlich genau 10 000 Kilometern Wladiwostok, Russlands wichtigste Hafenstadt am Pazifik, erreicht. «Pünktlich wird die Radsportgruppe dann auf einem zentralen Platz in Wladiwostok eintreffen», verspricht Tourenleiter Marcel Iseli in der Ausschreibung.
Alles ist also angerichtet und organisiert. Philipp Schmid kümmert sich jetzt nur noch um Details. Die Wetterprognose für den Zielort hat Schmid seit Monaten auf seinem Handy eingerichtet, das Gepäck, maximal 22 Kilogramm, ist vorsortiert. Die acht Zeitzonen sind notiert. «Ich werde auf dieser Veloreise siebenmal die Uhr um eine Stunde vorstellen, das ist doch faszinierend», verrät er ganz viel Vorfreude.
«Das ist die Mutter aller Veloreisen», fasst der Unternehmer seine Eindrücke zusammen. «Das ganze Projekt ist ein riesiges Abenteuer und eine Herausforderung bezüglich Ausdauer, tägliche Motivation, Teamfähigkeit, Kommunikation mit Einheimischen, Logistik, Navigation. Und es ist ein Erlebnis für das Leben.»




