«Nationalturnen ist zu kompliziert»
01.05.2026 Sport, Turnen, PorträtFreiämter Jakob Frischknecht ist der neue Präsident des Eidgenössischen Nationalturnverbandes (ENV) – Was sind seine Ziele?
Das Nationalturnen steht im Schatten des boomenden Schwingsports. Der traditionelle Sport hat seine glorreichen Zeiten hinter ...
Freiämter Jakob Frischknecht ist der neue Präsident des Eidgenössischen Nationalturnverbandes (ENV) – Was sind seine Ziele?
Das Nationalturnen steht im Schatten des boomenden Schwingsports. Der traditionelle Sport hat seine glorreichen Zeiten hinter sich. Der Freiämter Jakob Frischknecht will als neuer Verbandspräsident dem entgegenwirken. «Wir werden keine grossen Stadien füllen, wollen den Sport aber erhalten», sagt er im Interview.
Stefan Sprenger
Sie tanzen auf vielen Hochzeiten. Jetzt sind Sie neu der Präsident des Eidgenössischen Nationalturnverbandes. Wieso?
Jakob Frischknecht: (Lacht) Der Sport braucht Leute, die anpacken. Ich war und bin nach wie vor Kampfrichterchef beim Kantonalverband. Die Schweizer Meisterschaft in Villmergen im letzten September, als ich OK-Präsident war, hat dann den Deckel draufgemacht für das jetzige Präsidentenamt.
Das Nationalturnen hat seine glorreichen Zeiten hinter sich. Wie sehen Sie das?
Das ist so. Der Sport hat aber viel Tradition und eine grosse Vergangenheit. Mir ist bewusst, dass wir keine grossen Stadien füllen werden, aber wir wollen den Sport erhalten und auch voranbringen.
Wie wollen Sie das erreichen?
Aktuell sind wir an der Analyse. Stärken und Schwächen, Risiken und Chancen. So wollen wir eine kurz- und langfristige Strategie entwickeln.
Gibt es jetzt schon Ziele und Ideen?
Ja. Wir wollen mehr Sportler für das Nationalturnen gewinnen und stets genügend Funktionäre haben. Dazu müssen die Finanzen ordentlich geführt werden. Mithilfe von Anlässen wollen wir dafür sorgen, dass das Nationalturnen an Aufmerksamkeit und somit Mitgliedern gewinnt. Präsent zu sein, ist enorm wichtig, wenn man den Sport voranbringen will. Ein gutes Beispiel gab es jüngst in Erlinsbach. Dort haben wir einen Cup organisiert, und nun wird dort deswegen im nächsten Jahr die Aargauer Meisterschaft im Steinheben und Steinstossen durchgeführt. Das ist auch an anderen Orten möglich.
Im Freiamt ist das Nationalturnen populär. Im letzten Jahr war die Schweizer Meisterschaft in Villmergen. Und an diesem Wochenende sind die Kantonalen Meisterschaften in Dottikon.
Das Freiamt ist eine Nationalturn-Hochburg. Das hat mit unserem Leistungszentrum in Aristau zu tun und mit der starken Geschichte des Ringsports in der Region. Aber auch weil das Freiamt ein sehr traditioneller Fleck ist. Übrigens: Im nächsten Jahr sind die Kantonalen Meisterschaften dann in Boswil.
In der Westschweiz und im Tessin ist das Nationalturnen praktisch inexistent. Sehen Sie dort Potenzial?
Oh ja. Da bin ich dran. In der Westschweiz gibt es frühere Nationalturner, die sich das wünschen. Zudem bietet das nächste Eidgenössische Turnfest 2031 im Tessin eine grosse Chance für unseren Sport. Die wollen wir nutzen.
Das Nationalturnen steht im Schatten der boomenden Sportart Schwingen. Dabei sind doch beide urchige Sportarten, die es nur in der Schweiz gibt. Was ist der Unterschied?
Ich glaube, im Vergleich zum Schwingen ist das Nationalturnen zu kompliziert. Das spüren wir, das wissen wir. Das wollen wir ändern. Der Mehrkampf besteht aus Disziplinen wie Schnelllauf, Steinstossen, Steinheben oder Ringen und Schwingen. Für die Zuschauer ist es oftmals unklar, was gerade abgeht. Auch für die Kampfrichter ist es teilweise sehr herausfordernd. Um den Sport attraktiver und bekannter zu machen, müsste man wohl die Regeln vereinfachen. Zuletzt wurde der Antrag auf eine Vereinfachung der Regeln abgelehnt. Wir werden es erneut versuchen.
Kann das Nationalturnen vom Schwingen profitieren?
Ja, ganz sicher. Die Zusammenarbeit mit den Schwingern und auch den Ringern ist enorm wichtig. An der SM in Villmergen gab es am Sonntag den Jungschwingertag, das war ein voller Erfolg für beide Sportarten. Im nächsten Jahr werden wir zudem am Samstag vor dem Guggibad-Schwinget den nationalen Sägemehlringertag dort durchführen.
Das Nationalturnen wird von Männern dominiert. Will man den Sport für Frauen öffnen?
Ja, unbedingt. Mehr Mädchen und Frauen im Nationalturnen wäre toll. Es ist unsere Aufgabe, dies zu pushen.
An diesem Wochenende ist der Kantonale Nationalturntag in Dottikon. Ihre Gedanken?
Ich hoffe, es gibt ein tolles Fest, an dem erneut Begeisterung vermittelt wird und der Sport verbindend wirkt. Wir haben übrigens einen prominenten Gast in Dottikon dabei. Stefan Hofmänner, Sportkommentator beim Schweizer Fernsehen. Er ist ein Medienspezialist und Sportexperte. Hofmänner wird sich den Anlass ansehen und beurteilen. Ich als Präsident und der Hägglinger Daniel Schmid als Technischer Leiter des Eidgenössischen Nationalturnverbandes erhoffen uns von Hofmänner wertvolle Inputs für die Zukunft. Dabei geht es genau um die Thematik, dass das Nationalturnen zu kompliziert ist.
Ein Vollblut-Sportler
Jakob Frischknecht ist 60 Jahre alt, lebt in Rüstenschwil (Auw). Aufgewachsen ist er in Villmergen. Er arbeitet bei einem Stahl-Unternehmen in Emmenbrücke (dort ist er auch Fachexperte für das Seco), ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.
In seinem Leben hat er schon ganz viele Sportarten ausgeführt. Leichtathletik bei der LG Freiamt und dem TV Villmergen, Laufen bei der LR Wohlen, Handball beim TV Villmergen. Auch im Ringen hat er sich in jüngeren Jahren versucht. Seit 2018 übt er das Steinheben aus (beim STV Beinwil und dem TV Villmergen).
Er ist aktuell Kampfrichterchef des Kantonalen Nationalturnverbandes und seit wenigen Wochen Präsident des Eidgenössischen Nationalturnverbandes. Im letzten Jahr organisierte er die Schweizer Meisterschaft im Nationalturnen in Villmergen. Ein erfolgreiches Fest, das über das gesamte Wochenende mit Kreisspieltag und Nachwuchsschwingertag über 3000 Menschen anzog und für die Verhältnisse im Nationalturnen grosse Ausmasse annahm.
«Begeisterung durch Sport», das ist ein Credo von Jakob Frischknecht, das er stets vorlebt und sich als Funktionär in diversen Rollen dafür stark engagiert. --spr
Vier Anlässe
Es ist ein Konzept, das die Leute anziehen soll. Am Aargauer Nationalturntag morgen Samstag in Dottikon (Schul- und Sportanlage Risi) gibt es gleich mehrere sportliche Anlässe. Der Turnverein Dottikon organisiert wie jedes Jahr «De Schnellst am Maiengrün»: Kinder, Jugendliche und Erwachsene messen sich in unterschiedlichen Alterskategorien im Sprint über Distanzen von 20 bis 80 m. «De Schnellst am Maiengrün» läuft parallel zum Aargauer Nationalturntag, der um 8 Uhr startet. Die Finalläufe sind ab 13.15 Uhr. Um 14 Uhr ist zudem ein Showturnen der Jugendriege zu erleben. Für die Turner ist das nicht der einzige Höhepunkt. Ab 13 Uhr ist der «Schnääschnää-Cup», der auch jährlich vom TV Dottikon organisiert wird – ein Vorbereitungswettkampf. Wie «De Schnellst am Maiengrün» findet auch der «Schnääschnää-Cup» im Rahmen des Nationalturntags statt. Der Nationalturntag endet mit der Rangverkündigung ab 17 Uhr. Das sportliche Programm geht weiter: Um 18.30 Uhr beginnt das Plauschvolleyballturnier, das den Abschluss des Tages bildet. --red

