Jeder Schuss kein Tor
22.11.2024 Sport, HandballKometenhafter Aufstieg
Seraina Kuratli vor der Handball-EM
Sie ist erst 17 Jahre jung und hat vor zwei Wochen das definitive Aufgebot für das A-Nationalteam erhalten. Die Wohlerin Seraina Kuratli steht im Kader an der Heim-Europameisterschaft vom 28. ...
Kometenhafter Aufstieg
Seraina Kuratli vor der Handball-EM
Sie ist erst 17 Jahre jung und hat vor zwei Wochen das definitive Aufgebot für das A-Nationalteam erhalten. Die Wohlerin Seraina Kuratli steht im Kader an der Heim-Europameisterschaft vom 28. November bis 3. Dezember in Basel. «Das ist riesig», sagt die Torhüterin des NLA-Clubs GC Amicitia Zürich. Vor wenigen Tagen besuchte sie ihren Heimatverein Handball Wohlen und machte kleine Nachwuchshandballer glücklich. --spr
Handball, Frauen-Nati, Heim-Europameisterschaft: Die Wohlerin Seraina Kuratli hat einen rasanten Aufstieg hingelegt
Drei Freiämterinnen sind Teil des Schweizer Nationalteams an der Heim-EM in Basel (28. November bis 3. Dezember). Die erst 17-jährige Seraina Kuratli ist der Shootingstar im Tor. Sie besucht ihren Verein Handball Wohlen und erzählt, wieso sie auch an die Kämpfe der RS Freiamt geht.
Stefan Sprenger
16 Kinder nehmen Anlauf. Mit vollem Einsatz werfen sie den Ball auf das Tor. Seraina Kuratli, Torhüterin der Frauen-Nati, wehrt keinen Ball ab. Jeder Schuss der 8-jährigen Kinder ist ein Treffer, wenn er denn aufs Tor kommt. «Das war mega herzig. Und es freut mich sehr, unseren Nachwuchs so motiviert zu sehen», so Kuratli. Daneben erzählt ein 8-jähriger Junge seiner Mutter stolz, dass er gegen die Nati-Torhüterin ein Tor geschossen hat.
Stiefvater ist ein Ex-Ringer
Seraina Kuratli besucht ihren Verein, Handball Wohlen. Am Samstagmorgen ist Kinderhandball. Es ist erst vier Jahre her, da spielte sie selbst noch im Nachwuchs bei Wohlen. Und jetzt ist sie Torhüterin bei GC Amicitia Zürich in der höchsten Schweizer Liga. Und seit wenigen Wochen auch Torhüterin der A-Nati. Ein kometenhafter Aufstieg.
Seraina Kuratli muss lächeln und meint: «Ja, kann man so sagen.» Sie ist in Winterthur aufgewachsen, der Mann ihrer Lehrerin war Handballtrainer und so kam es, dass sie mit 7 Jahren bei Yellow Winterthur zum ersten Mal den Handballsport ausprobiert. Im Jahr 2017, als sie 10 Jahre jung ist, zügelt sie mit ihrer Mutter und Bruder Timo von Winterthur nach Wohlen. Der neue Partner von Mutter Daniela Kuratli heisst Martin Koch, war früher Ringer und ein Freiämter. Er ist auch der Grund, wieso Seraina Kuratli sooft es geht an den Kämpfen der Ringerstaffel Freiamt dabei ist. Wie beispielsweise im Halbfinal-Hinkampf gegen Kriessern. «Ich kenne auch die Leutert-Zwillinge», sagt sie. «Ringen ist so ein cooler Sport, die Stimmung ist jeweils fantastisch.»
Von der U14 in die NLA innert fünf Jahren
Auf eine fantastische Stimmung hofft sie auch in der St. Jakobs-Halle in Basel. An der Heim-Europameisterschaft trifft die Schweiz auf die Färöer (Freitag, 29. November, 18 Uhr), auf Dänemark (Sonntag, 1. Dezember, 18 Uhr) und auf Kroatien (Dienstag, 3. Dezember, 20.30 Uhr). Über 5000 Zuschauer werden dabei sein. Und Seraina Kuratli. Familie, Freunde, ihr Heimclub Handball Wohlen «und nahezu alle Menschen, die ich kenne, werden in der Halle sein. Ich freue mich riesig. Ich glaube, es wird euphorisch.» Kuratli nahm in den letzten Jahren mit der Schweizer Nachwuchsnati schon an Europameisterschaften teil. Aber jetzt ist sie in der A-Nati, und dann erst noch zu Hause. «Das ist eine andere Liga», sagt sie.
Als die Familie 2017 nach Wohlen zügelt, wechselt sie auch den Verein. Handball Wohlen ist ihre neue Handball-Heimat. U14. U16. U18. Und schliesslich in der 1. Liga. Wichtige Förderer waren Goalie-Legende Stephan Jaeggi, Trainer Stefan Maag und Trainerin Manuela Strebel. «Als Goalie war ich sehr gefragt, spielte in mehreren Teams, oft mit Mehrfach-Einsätzen an einem Wochenende. Meist war unsere Abwehr keine unüberwindbare Festung und ich hatte viel zu tun. Im Nachhinein war das aber enorm wichtig für mich.»
2020 wechselt sie zu LK Zug in den Nachwuchs, schafft es in die Nationalliga B. Im Sommer 2023 folgt der Wechsel zu GC Amicitia Zürich in die Nationalliga A. Im Frühling dieses Jahres war sie mit ihren zahlreichen Paraden daran beteiligt, dass GC Amicitia Zürich im Play-off-Final die Favoritinnen von Brühl St. Gallen beinahe stürzten. Es fehlte nur ein Sieg.
Kuratli, die erst seit fünf Jahren im Tor steht (vorher war sie Feldspielerin), ist in so jungen Jahren schon so erfolgreich und prägend. In der NLA und in der Nati erstaunt sie mit ihren starken Leistungen. Wie ist das möglich? «Ich wurde seit meinen ersten Einsätzen im Tor als Talent gehandhabt. So wurde mir das Gefühl gegeben, dass ich es weit schaffen kann. Ich gehe in jedes einzelne Training mit der Einstellung, dass ich besser werden will. Und ich glaube, das ist der Grund, wieso es so rasant vorwärtsging.»
Ziel vom Ausland
Kuratli besuchte die Bezirksschule in Wohlen und die Sportschule in Buchs. Seit Sommer 2022 ist sie an der Handball-Akademie «OYM» in Cham, macht dort die sportliche KV-Lehre. Dort wird nicht jeder Nachwuchssportler aufgenommen, es ist ein Privileg. Kuratli weiss das: «Ich kenne Handballerinnen, die es leider nicht geschafft haben. Auch für all jene beisse ich mich durch und gebe Vollgas.» Nach der Ausbildung am «OYM» möchte sie die Berufsmatur machen, eventuell den Weg als Physiotherapeutin einschlagen. «Aber Profihandballerin ist Plan A», meint sie. Ihr Traum ist es, in Ungarn zu spielen. «Die Handball-Akademie ist finanziell für mich respektive meine Familie eine grosse Herausforderung. Ich investiere viel Zeit in den Sport, in meine Ziele. Und ich will, dass sich dieser ganze Aufwand auch lohnt und etwas zurückkommt.» Mit dem Aufgebot der A-Nati kam da schon etwas ganz Grosses zurück. «Als ich das Aufgebot erhalten habe, war es eine grosse Bestätigung. Auch für meine Mutter und mein Umfeld, das mich immer riesig unterstützt.»
Ausgleich zu Hause in Wohlen
Am 7. November erhielt sie das Aufgebot und wusste, dass sie definitiv an der Heim-EM in Basel dabei sein darf. In den Wochen zuvor war Kuratli schon bei ihrer A-Nati-Premiere an einem Turnier in Rumänien dabei. «Es hiess, wenn ich es gut mache, steigen meine Chancen auf ein Aufgebot.» Und Kuratli überzeugt auf ganzer Linie.
Lea Schüpbach ist die Nummer 1 im Tor der Schweizerinnen. Dazu Kuratli und Manuela Brütsch. Sie ist 40 Jahre alt und spielt schon seit 20 Jahren in der Nati. Während der Weg von Kuratli erst losgeht, endet die Karriere von Brütsch wohl langsam. «Doch ein absolutes Karriere-Highlight ist die EM für uns beide», sagt Kuratli.
GC Amicitia/Zürich. Nationalteam. «OYM»-Akademie. Handball. Handball. Handball. Hat sie noch andere Hobbys? Kuratli überlegt. «Ja, schlafen und ausruhen», sagt sie lachend. «Manchmal ist es zu viel. Ich achte aber immer darauf, dass ich einen Ausgleich finde.» Jener Ausgleich findet sie in ihrem Zuhause in Wohlen, bei ihrer Familie, ihren Freunden. Sie sei «sehr ehrgeizig, oft auch etwas zu verbissen und perfektionistisch», wie sie sagt.
Es ist ihr etwas unwohl dabei
Kuratli – die aktuell das Autofahren erlernt – steht im Kinderhandball-Training nochmals zwischen die Pfosten. Nachdem sie zuerst diplomatisch jeden Wurf der U9-Kinder ins Tor durchlässt, wird sie nun gebeten, doch einmal «richtig» ins Tor zu stehen. Die Kids werfen erneut mit vollem Einsatz auf die Kiste, einige stehen bei der Schussabgabe weit im Torkreis, doch Seraina Kuratli pariert jeden einzelnen Wurf. Sogar jene, die sowieso neben das Tor geflogen wären. Jeder Schuss kein Tor. Faszinierend. Es ist ihr aber etwas unwohl, dass die Kinder nicht mehr zum Torjubel ansetzen können. Also gibt es noch eine Runde, wieder mit einer zurückhaltenden Torfrau. Ihre Topleistung bewahrt sie sich lieber für die Europameisterschaft auf.
Die beiden anderen Freiämterinnen in der A-Nati (Nora Snedkerud aus Widen und Daphne Gautschi aus Muri) werden in den kommenden Ausgaben porträtiert.



