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15.12.2023 SportBasketball: Der Freiämter Nationalspieler Laurent Zoccoletti über sein Leben als Profisportler in Island
Laurent Zoccoletti wechselte aus der höchsten Liga der Schweiz nach Island. Dort erlebt der 24-Jährige sportlich schwierige Zeiten, dafür ...
Basketball: Der Freiämter Nationalspieler Laurent Zoccoletti über sein Leben als Profisportler in Island
Laurent Zoccoletti wechselte aus der höchsten Liga der Schweiz nach Island. Dort erlebt der 24-Jährige sportlich schwierige Zeiten, dafür erlebt er neben dem Basketball-Feld unvergessliche Dinge. Kulinarisch kommt er an seine Grenzen.
Stefan Sprenger
Alle Kinder in Island lieben es. «Ich habe keinen Bissen runtergekriegt», erzählt Laurent Zoccoletti. Er probierte eine Wurst, bei der jenste tierische Innereien zusammengepresst werden und dann mit Skyr gegessen wird. Skyr besteht aus entrahmter Milch und Bakterienkulturen, die für die Fermentation notwendig sind. «Sehr gewöhnungsbedürftig», lacht der Freiämter. Kulinarisch habe er etwas Mühe in Island. Die isländische Küche ist sehr einfach, geprägt aus der Vergangenheit. Sie widerspiegelt die harten und natürlichen Bedingungen am Polarkreis, unter denen die Isländer jahrhundertelang ums Überleben kämpften. «Eingelegter Fisch, total versalzen und trocken. Ich probiere alles, aber mit dem traditionellen Essen hier kann ich mich nicht anfreunden», sagt der Küntener.
20 Stunden Nacht
Im Sommer wechselte Zoccoletti vom NLA-Team Massagno (mit dem er den Ligapokal gewann) nach Island in die zweithöchste Liga zu Armann Karfa. Ein Abenteuer im Ausland sollte es werden. Eine neue Erfahrung. Und das ist es geworden. «Hier treffen Kulturen aus aller Welt aufeinander.» Er teilt sich die Wohnung in der Hauptstadt Reykjavík mit zwei Teamkameraden, einem Amerikaner und einem Schweden. Aktuell sind die Tage sehr trist. Das Wetter ist eisig, windig, bitterkalt. Und dunkel. Im Winter sind die Nächte 20 Stunden lang, die Tage 4 Stunden kurz. Um 11 Uhr geht die Sonne auf und um 15 Uhr wieder unter. «Damit habe ich Mühe», sagt Zoccoletti, der sich regelmässig Vitamin-D-Tabletten einwirft. «Aber wenn es ein schöner Tag ist, die Sonne scheint, dann hat man während dieser vier Stunden ein ständiges Abendrot. Wunderschön.»
Preise teuer, Frauen locker
Auch wenn er die Stadt mal verlässt und das Land erkundet, haut es ihm den Unterkiefer runter. «Diese Geysire, diese Wasserfälle, diese Landschaft. Ich bin als Schweizer ja schöne Landschaften gewohnt, aber hier in Island ist das also nochmals eine Liga höher.» Viel herumreisen kann er aber nicht. Er kann es sich nicht leisten. Die Preise in Island sind noch höher einzuordnen als hier in der Schweiz. «Und das will etwas heissen. Es ist wirklich sehr teuer hier.»
Ein grosser Pluspunkt sind die Menschen. Denn die Isländerinnen und Isländer sind superfreundlich. «Sehr offen, hilfsbereit und wirklich durch das Band nett», sagt er. Die Frauen sind oftmals gross, blond, blauäugig. «Und sie sind sehr locker und offen, das ist ganz anders als bei uns in Zentraleuropa.»
Die Badekultur in Island ist für Laurent Zoccoletti ein grosses Highlight. Die Menschen gehen fast täglich in Freibäder – wo das Wasser aus einer warmen Quelle kommt – und quatschen miteinander. «Ich habe mich bereits daran gewöhnt und bin auch fast jeden Tag da. Bei 38 Grad liege ich ins Wasser und diskutiere mit wildfremden Menschen über Gott und die Welt. Ich liebe das. Das ist wahnsinnig toll.»
Sportlich läuft es schwierig
Persönlich ist es ein grosses Abenteuer, das ihn weiterbringt. Sportlich sieht es etwas anders aus. Zoccoletti trainiert jeden Tag (mit Ausnahme des Samstags) beim 2.-Liga-Team Armann Karfa. Zu Beginn der Saison fehlte er noch aufgrund einer Fuss-OP. Bei seinem Comeback holt sich das Team gleich den ersten Sieg. Der 24-Jährige ist mit seiner Erfahrung als Schweizer Nationalspieler und in der NLA der absolute Leistungsträger des Teams. «Ich habe hier eine viel wichtigere Rolle als zuletzt bei Massagno. Ich darf und muss mich viel mehr einbringen.» Das Team ist sehr jung, erlebte viele Wechsel. Die Clubphilosophie hat Zoccoletti noch nicht ganz durchschaut. «Es ist ein wenig wild, die Strukturen fehlen und deshalb fehlt es auch an der Konstanz.» Armann Karfa ist im unteren Tabellendrittel. Ziel sind die Play-offs. Um das zu erreichen, muss man unter die besten neun Teams (von zwölf) kommen. «Das ist sicher möglich», sagt Zoccoletti. «Ich will das Team in die Play-offs führen», so der Profibasketballer weiter.
Der 2,03 m grosse Freiämter – der die Bezirksschule in Bremgarten und die Fachmittelschule in Wohlen absolvierte – begann seine Karriere in Tägerig. Vor seiner NLA-Zeit bei GC, Nyon, Luzern und Massagno spielte er auch eine Zeit lang beim Basketballclub Wohlen. Jetzt trägt er die Heimspiele in einer riesigen Halle in Reykjavík aus. «Das Stadion ist wirklich riesig und ausgelegt für internationale Spiele. Und auch wenn wir ein paar Hundert Fans pro Spiel haben, wirkt das, als wäre die Halle leer.» Er macht einen Vergleich: «Es ist fast so, als würde der Basketballclub Wohlen seine Heimspiele im Zürcher Hallenstadion austragen.»
Er wird wohl wechseln, «wo die Sonne mehr scheint»
Er erlebt in Island eine spannende, aufregende und tolle Zeit. «Mir geht es bestens. Ein paar Dinge sind gewöhnungsbedürftig. Aber für mich persönlich, als Mensch und Sportler, ist es eine sehr gewinnbringende Erfahrung.» Er bereut den Schritt, nach Island zu gehen, nicht. Trotzdem wird er wohl in der nächsten Saison einen Wechsel vollziehen. Am liebsten in eine sportlich möglichst starke Liga in Europa. «Vielleicht etwas mehr im Süden, wo die Sonne mehr scheint», sagt er lachend.
Doch zuerst wird er an Weihnachten seine Familie in Künten besuchen. «Die Sonne, das Wetter, das Essen, meine Freunde und meine Familie – ich freue mich auf all diese Dinge sehr.» Nur die Thermalbäder wird er in dieser Zeit sehr vermissen.


