Eigentlich gegen seine Natur
19.04.2024 Merenschwand, Region UnterfreiamtThomas Veidt vertritt die Schweiz im September an den WorldSkills in Lyon
Er gewann 2022 Gold bei den Schweizer Berufsmeisterschaften im konventionellen Drehen. Nun steckt der Polymechaniker Thomas Veidt mitten in den Vorbereitungen für die World-Skills im ...
Thomas Veidt vertritt die Schweiz im September an den WorldSkills in Lyon
Er gewann 2022 Gold bei den Schweizer Berufsmeisterschaften im konventionellen Drehen. Nun steckt der Polymechaniker Thomas Veidt mitten in den Vorbereitungen für die World-Skills im CNC-Drehen. Ein total anderer Teilbereich seines Berufs. Der Ehrgeiz aber wächst mit jedem Tag.
Annemarie Keusch
Es war eine der Fragen. Damals, vor eineinhalb Jahren. Als Thomas Veidt als einziger Freiämter mit Gold von den SwissSkills nach Hause kam. «Dass konventionelles Drehen an einem solchen Wettkampf gemacht wurde, war eine totale Ausnahme», sagte er damals. EuroSkills oder gar WorldSkills waren für ihn weit weg. Gestört hat ihn das nicht, damals. Stattdessen kündigte er an, ein Jahr später wieder bei den Schweizer Ausscheidungen antreten zu wollen, um sich vielleicht beim CNC-Drehen für internationale Wettkämpfe zu qualifizieren.
Nun sitzt Thomas Veidt im kleinen Büro, direkt neben der Werkstatt der Signode Switzerland GmbH. «Ich konnte diesen Zwischenschritt überspringen», sagt der 19-Jährige und lacht. Und das völlig unerwartet. Der Berufsverband habe entschieden, die Gewinner der drei Polymechaniker-Kategorien an die WorldSkills zu entsenden. Obwohl einer im Bereich Automation, einer beim CNC-Fräsen und eben Veidt beim konventionellen Drehen antrat – also niemand beim CNC-Drehen, das an den WorldSkills gefragt ist. «Natürlich, das ist bei allen Polymechanikern Teil der Ausbildung und trotzdem überraschte mich die Selektion. Aber sie freute mich natürlich in erster Linie.»
Grosse Unterstützung des Lehrbetriebs
Seit letztem Sommer weiss Veidt, dass er im September die Schweiz an den WorldSkills in Lyon vertritt. Steht er seither quasi nur noch vor der CNC-Drehmaschine? Thomas Veidt lächelt. «Schon öfters.» Das sei aber im vierten Lehrjahr auch so vorgesehen gewesen. «Dennoch, es ist sicher intensiver.» Zumal sein Lehrbetrieb, die Signode Switzerland GmbH, extra die Maschine angeschafft hat, an der Veidt in Lyon arbeiten wird. «Sie hätten sowieso eine Maschine ersetzen wollen, wegen mir erfolgte der Kauf aber früher. Und damit ich quasi rund um die Uhr an der Maschine üben kann und die Produktivität trotzdem gegeben ist, haben sie die alte Maschine noch behalten», erzählt Veidt. Er sei unglaublich dankbar für die Unterstützung seines Lehrbetriebs. Auch dass er auf Arbeitszeit trainieren könne, sei überhaupt nicht selbstverständlich.
In drei Tagen drei ganz unterschiedliche Werkstücke anfertigen, das ist die Aufgabe in Lyon. Jeweils eine Viertelstunde Zeit hat er, um sich die technischen Zeichnungen anzuschauen, 45 Minuten, um das NC-Programm mit Hilfe eines CAM-Programmes zu erstellen, und drei Stunden und 15 Minuten später muss das hochkomplexe Werkstück auf der CNC-Maschine masshaltig hergestellt worden sein. «Das schafft eigentlich niemand», weiss Veidt. Auf Schnelligkeit hinarbeiten, auch wenn diese ab und zu auf Kosten der Genauigkeit geht, das muss Thomas Veidt noch lernen. «Es nicht ganz genau zu nehmen, das geht einem Polymechaniker völlig gegen die Natur», weiss er. Wobei es bei Toleranzen von weniger als einem Hundertstel Millimetern für alle immer noch sehr genau wäre.
Arbeit auch im mentalen Bereich
Mit Misserfolg umgehen, es ist das, was Thomas Veidt im Hinblick auf die WorldSkills noch am meisten lernen muss. «Es wird dort niemandem perfekt laufen. Wichtig ist, trotzdem den Fokus zu bewahren, trotzdem weiter das Beste zu geben, beim Programmieren und an der Maschine», weiss er. Zusammen mit dem restlichen SwissSkills-Nationalteam wird Veidt auch im mentalen Bereich trainiert. «Grundsätzlich sehe ich das als eine meiner Stärken, aber es gibt noch einiges an Potenzial, das es auszuschöpfen gilt.» Geschwindigkeit, Multitasking – es sind weitere Teilbereiche, in denen sich Veidt noch verbessern will. Und das, obwohl er die Werkstücke, die er aktuell anfertigt, immer zeitig und mit nur wenigen Massen ausserhalb der Toleranz hinbekommt. Obwohl es nicht die Disziplin ist, in der er damals die SwissSkills gewann, ist sein Ehrgeiz längst geweckt – oder deswegen vielleicht gar noch mehr.
Keine Platzierung als Ziel
Thomas Veidt hat zwei intensive Blockwochen hinter sich. Zwei Wochen, in denen er täglich ein bis zwei Werkstücke unter Prüfungsbedingungen anfertigte. Und das stets mit Unterstützung von Simon von Moos, seinem Coach, der gleichzeitig als Schweizer Experte ebenfalls Teil der WorldSkills sein wird. «Seine Unterstützung ist enorm. Über hundert Werkstücke hat er für mich zusammengestellt, die meisten selber gezeichnet. Via Videotelefonie besprechen wir jeweils die Zeichnungen, weil es ganz viele Formen und Rundungen sind, die ich vorher noch nie gesehen habe. Er gibt mir wertvolle Tipps.» Gleiches erhielt Veidt kürzlich auch von einem ehemaligen WorldSkills-Teilnehmer im CNC-Drehen. «Es sind Nuancen, aber genau diese können Mitte September in Lyon entscheidend sein.»
Thomas Veidt kennt den Weg dorthin. Er beschreitet ihn mit 45 anderen jungen Menschen, die zum «SwissSkills National Team» zählen. In 41 verschiedenen Berufen werden sie in Lyon um Medaillen kämpfen. An verschiedenen Veranstaltungen lernen sie sich kennen, tauschen sich aus. Veidts Weg führt aber vor allem über weitere Übungswerkstücke. Er weiss, dass diese laufend schwieriger werden, dass er sie zeitlich bald nicht mehr schaffen wird. Programmieren, die Maschine bedienen, reagieren, wenn etwas nicht stimmt. Stressresistent muss Thomas Veidt sein, um reüssieren zu können. Welche Ziele hat er? Er, der in seiner Freizeit gerne Ausdauersport und Leichtathletik betreibt, sagt: «Ich setze mir nicht gern Ziele, die von anderen abhängig sind.» Er vertraue sich und seinen Fähigkeiten, wisse, dass es gut komme. «Natürlich wollen alle gewinnen, aber ich will vor allem zufrieden sein mit meiner Leistung. Ich will sagen können, dass ich das Beste gegeben und Fehler weggesteckt habe. Wenn dann andere besser waren, dann ist das so.» Die Voraussetzungen dafür stimmen, die Unterstützung ist riesig, der Weg, den er, sein Coach, sein Lehrbetrieb eingeschlagen haben, passt.
Verbindung zu Frankreich
Nur eine Frage bleibt: Inmitten der Vorbereitungen schliesst der 19-Jährige noch seine Lehre als Polymechaniker EFZ ab. «Das geht schon nebeneinander», ist er überzeugt. Wenn er vor den Prüfungen das Training für die WorldSkills etwas reduzieren müsse, dann gebe er nachher erst richtig Vollgas. Denn Thomas Veidt will bereit sein, wenn am 10. September die World-Skills starten. «Dass diese in Frankreich stattfinden, freut mich umso mehr. Hier verbrachte unsere Familie oft Ferien.» Ihm gefalle Frankreich, er möge das dort typische Essen. Aber in Lyon war Veidt noch nie. «Also freue ich mich auch darauf, auch wenn ich es wohl erst nach dem Wettkampf richtig werde geniessen können.»