Die Pionierinnen
15.07.2025 Sport, FussballFrauenfussball, EM: Die Ex-Nationalspielerinnen Sheila Loosli und Esmeralda Büchler zum Turnier
Alayah Pilgrim und Julia Stierli sind nicht die ersten Nationalspielerinnen mit Freiämter Bezug. Lange Zeit vor ihnen trugen Sheila Loosli und Esmeralda Büchler ...
Frauenfussball, EM: Die Ex-Nationalspielerinnen Sheila Loosli und Esmeralda Büchler zum Turnier
Alayah Pilgrim und Julia Stierli sind nicht die ersten Nationalspielerinnen mit Freiämter Bezug. Lange Zeit vor ihnen trugen Sheila Loosli und Esmeralda Büchler bereits das Nati-Trikot. Die beiden verfolgen das Turnier im eigenen Land mit Interesse und erzählen über die Unterschiede zu ihrer Nati-Zeit.
Josip Lasic
Es ist eine schöne Geste des Schweizer Fussballverbandes. Bevor die Tickets für die Europameisterschaft im eigenen Land in den Verkauf gingen, hatten ehemalige Nationalspielerinnen ein Vorbezugsrecht. Sheila Loosli und Esmeralda Büchler konnten bisher nur eingeschränkt davon Gebrauch machen. Die Bremgarterin Loosli war mit dabei am Eröffnungsspiel in Basel. Es wird ihr erst am Freitag im Duell gegen Spanien wieder möglich sein, ein Spiel der Schweizerinnen im Stadion zu verfolgen. Dann gemeinsam mit ihrer Tochter Sheryl, die Captain der Frauen des FC Mutschellen ist. «Ich freue mich sehr darauf», sagt Sheila Loosli. Büchler, die mehr als 20 Jahre für den FC Muri gekickt hat, gibt Schwimmunterricht und arbeitet als Fussballtrainerin an der Schule in Ottenbach. «Meine Arbeitszeiten lassen nicht zu, dass ich danach noch ins Stadion fahren könnte», so die 54-Jährige. «Aber ich sehe mir die Spiele im Fernsehen an.»
Loosli debütierte mit 27 Jahren im Nationalteam, bestritt zwischen 1999 und 2003 19 Spiele und erzielte ein Tor. «Dafür habe ich in der Nati umso mehr Assists gegeben», sagt die Polizistin, die zuletzt bei den (männlichen) Senioren des FC Muri/FC Bremgarten gespielt hat. Obwohl Büchler genauso wie Loosli Jahrgang 1971 hat, fand ihre Nati-Zeit einige Jahre früher statt. Zwischen 1989 und 1995 konnte sie über 20 Einsätze sammeln und ebenfalls ein Tor erzielen. Gemeinsam haben die beiden auch, dass ihnen nie eine Teilnahme an einer Endrunde eines grossen Turniers vergönnt war. Umso stärker gönnen sie den aktuellen Nationalspielerinnen ihre Erlebnisse an der Heim-EM.
Kleine Mädchen müssen mit erwachsenen Frauen spielen
Dass die Schweiz zur Zeit der beiden kaum eine Chance hatte, sich für eine EM oder WM zu qualifizieren, überrascht nicht, wenn die alt Internationalen von den damaligen Umständen im Schweizer Frauenfussball erzählen. Juniorinnen hatten keine Möglichkeit, mit gleichaltrigen Jungs zu trainieren. Loosli fing mit elf Jahren mit Fussball an – und musste gleich in einem Team mit erwachsenen Frauen spielen. Büchler war sogar erst neun. «Ich habe den Trainer angefleht, dass er mich spielen lässt. Er hat mich jeweils gegen Ende eines Spiels noch kurz eingewechselt, wo nicht mehr viel schiefgehen konnte, wenn ein so kleines Mädchen auf dem Platz steht.»
Heute gibt es spezifische Ausbildungszentren für Mädchen und Frauen. Bis 2013 war es in Huttwil, heute in Biel. Die Zusammensetzung der Schweizer Nationalliga A hat sich ebenfalls verändert. Früher spielten dort Vereine wie Schwerzenbach, Seebach, Staad, Sursee oder der DFC Bern. Diese selben Teams existieren heute als die Frauenabteilung des Grasshopper Club Zürich, die FCZ-Frauen, St. Gallen, Luzern und als die Young Boys. «Die grossen Vereine haben diese Teams integriert. So können sie unter besseren Bedingungen mit professionelleren Infrastrukturen arbeiten. Und ein Blick auf die Tabelle wirkt für den Laien auch attraktiver, wenn er die Namen der Schweizer Grossclubs liest», sagt Loosli.
Wenn eine 0:5-Niederlage ein Erfolg ist
Diese Entwicklung gab es weltweit. Auch in Deutschland findet man mittlerweile Teams wie Bayern München, VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt in der Bundesliga und nicht mehr Turbine Potsdam, Heike Rheine oder Bad Neuenahr. Trotzdem war das deutsche Team schon zu Zeiten von Loosli und Büchler sehr stark. «Sie konnten dem Militär beitreten und professionell trainieren. Diese Option hatten wir nicht», sagt Loosli. «Sie hatten bereits Trikots mit eigenem Nachnamen drauf. Wir spielten in ausrangierten Trikots der Männer.» Büchler: «Wir hatten überhaupt keine Priorität. Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es sogar Trikots mit Frauenschnitt», sagt sie augenzwinkernd.
Dementsprechend war der Leistungsunterschied enorm. Büchler erinnert sich an Spiele gegen Deutschland. In der EM-Qualifikation 1995 wurden die Schweizerinnen auf der Murianer Brühl mit 0:5 vom nordischen Nachbarn abgeschossen. Deutschland ist in der Gruppe mit der Schweiz, Kroatien und Wales mit sechs Siegen und einer Tordifferenz von 55:0 durchgerattert. Das Resultat in Muri war ein Erfolg – für die Schweiz. «Wir haben das beste Ergebnis gegen sie erzielt.» Besonders in Erinnerung geblieben ist Büchler die spätere deutsche Nationaltrainerin Silvia Neid als Gegenspielerin. «Sie war so gut. Das hat mich damals geerdet und geholfen, die eigenen Leistungen besser einordnen zu können.»
Schöne Zeiten im Nationaltrikot
Beide möchten ihre Zeit in der Nati nicht missen. Loosli trat 2003 nach einer Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber zurück. «Rückblickend vielleicht zu früh. Als ich wieder gesund wurde, hatte ich noch paar gute Jahre im Verein.» Büchler: «Das Nationalteam hat mir ermöglicht, an Orte zu reisen, die ich sonst nie gesehen hätte. Natürlich war es eine happige Zeit. Wir waren alle voll berufstätig und hatten niemals die Regeneration, die nötig gewesen wäre. Aber schön, dass daraus gelernt wurde und die heutige Generation bessere Bedingungen hat.»
Dass mit Alayah Pilgrim und Julia Stierli erneut zwei Freiämterinnen im Nationalteam spielen, erfüllt Loosli und Büchler mit Stolz. «Es zeigt, dass auch Mädchen aus kleinen Regionen ihre Träume erfüllen können», sagt Loosli. Dementsprechend werden die Freiämter Nati-Pionierinnen der Schweiz am Freitag gegen Spanien die Daumen drücken. «Es besteht ein Klassenunterschied zu Spanien. Aber wenn sich die Schweizerinnen richtig entfalten können, traue ich ihnen alles zu», sagt Loosli, die mit ihrer Tochter im Stadion sein wird. Büchler musste ihren Jubel nach dem Tor gegen Finnland, das die Schweiz in den Viertelfinal gebracht hat, unterdrücken. «Nicht, dass ich das ganze Quartier wecke.» Sie wird das Spanien-Spiel erneut vor dem Fernseher verfolgen. Vielleicht gibt es danach Grund und Möglichkeit, etwas lauter zu jubeln.
Ein historischer Krimi
Die Schweiz steht im Viertelfinal
Ein Unentschieden hätte den Schweizerinnen im Spiel gegen Finnland gereicht, um zum ersten Mal in der Geschichte in den Viertelfinal einer EM einzuziehen. Das Team mit den beiden Murianerinnen Julia Stierli und Alayah Pilgrim hat es aber spannend gemacht. Lange sah es nach einem 0:0 aus. Nach einem Foul von Viola Calligaris bekamen die Finninnen aber einen Penalty in der 77. Minute und gingen mit 1:0 in Führung. Das wäre das Aus für die Schweiz gewesen. Rund 27 000 Zuschauer in Genf zitterten bis zur Nachspielzeit, ehe Riola Xhemaili zum Ausgleich traf und die Schweiz in den Viertelfinal schoss. Dort trifft das Team am Freitag, 21 Uhr, in Bern auf die amtierenden Weltmeisterinnen aus Spanien. Eine harte Nuss für das Schweizer Team, das aber bereits EM-Geschichte schreiben konnte. --jl