Den Meister entthront
03.12.2019 SportDie RS Freiamt steht im Final
Die Freiämter Ringer bezwingen Kriessern auch auswärts. Vor 650 Zuschauern qualifiziert sich die RS Freiamt für den Final.
Drei Jahre lang in Folge hiess der Schweizer Meister im Ringen RS Kriessern. Diese ...
Die RS Freiamt steht im Final
Die Freiämter Ringer bezwingen Kriessern auch auswärts. Vor 650 Zuschauern qualifiziert sich die RS Freiamt für den Final.
Drei Jahre lang in Folge hiess der Schweizer Meister im Ringen RS Kriessern. Diese Serie ist vorbei. Die RS Freiamt gewinnt in einem packenden Kampf auswärts in der Ostschweiz mit 21:18 und steht zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder im Final. Gegner ist Willisau.
Neben der erfreulichen Nachricht gibt es auch eine Hiobsbotschaft. Leistungsträger Randy Vock fällt verletzt aus. --jl
Ein Moment entscheidet
Ringen, Nationalliga A, Halbfinal-Rückkampf: RS Kriessern – RS Freiamt 18:21 (6:13) – Freiamt steht im Final
Obwohl Randy Vock verletzt fehlt, kann die RS Freiamt die RS Kriessern in einem packenden Kampf vor 650 Zuschauern erneut bezwingen. Zum ersten Mal seit fünf Jahren stehen die Freiämter wieder im Final.
Josip Lasic
Die Halle in Kriessern ist rappelvoll. 650 Zuschauer auf engstem Raum feuern die Teams an. Es läuft der zweitletzte von zehn Kämpfen. Kriesserns David Hungerbühler und Freiamts Andrej Malzew sind auf der Matte. Noch führen die Freiämter mit 16:14. Doch das Duell Hungerbühler gegen Malzew gab es bereits im Hinkampf. Hungerbühler bezwang den 46-jährigen Greco-Trainer der Freiämter mit 12:5 und mit 3:1 nach Mannschaftspunkten. Der Ukrainer hat seine Leistung selbst als miserabel bezeichnet, sich bei Teamkollegen und Zuschauern entschuldigt. Jetzt müssen die Freiämter auf ihn hoffen. Die RS Freiamt droht alles zu verlieren. Den Vorsprung, den Kampf, den Finaleinzug. Es scheint, als treffe der Worst Case tatsächlich ein. Hungerbühler greift sich Malzew, überwirft ihn einmal, zweimal. Dann ist er kurz unachtsam. Der Routinier nutzt das gnadenlos aus. Malzew drückt Hungerbühler zu Boden. Schultersieg. 4:0. «Ich habe das nicht so geplant», sagt Malzew. «Die Bewegung kam reflexartig.»
Durch seinen Sieg steht die RS Freiamt im Final. Ein Teil der Freiämter war nicht mehr in der Halle während dem Kampf des Greco-Trainers. Jetzt stürmen sie alle hinein, stürzen sich auf den Ukrainer, haben Tränen in den Augen. Die Erleichterung ist riesig, die Ekstase ebenfalls. Die RS Freiamt hat den Krimi in Kriessern für sich entschieden und steht im Final. Und das, obwohl die Zeichen gegen sie standen.
Die Hiobsbotschaft
Der Kampf der Freiämter geht schon am Donnerstag los. Randy Vock verletzt sich im Trainingslager in Magglingen am Knie (siehe Artikel unten). Am Freitag ist klar, der EM-Bronze-Sieger fehlt den Freiämtern. Trainer Marcel Leutert muss seine Aufstellung umstellen. Er entscheidet sich für eine riskante Variante. Pascal Strebel ringt statt Vock gegen Dominik Laritz, Malzew tritt erneut gegen Hungerbühler an. Strebel hat nach einem halben Jahr Verletzungspause gerade sein Comeback gegeben, ist ein reiner Greco-Ringer und muss im Freistil gegen eines der grössten Schweizer Talente ran. «Andrej hat mir gesagt, dass er gewinnt. Ich habe ihm geglaubt und deshalb eingewilligt, dass ich gegen Laritz antrete», sagt Strebel lachend. Bei Malzew hiess es nach der Niederlage im Hinkampf, dass es vermutlich sein letzter Kampf als Aktiver gewesen ist. Seine Reaktion, als er erfahren hat, dass er wieder gegen Hungerbühler auf der Matte steht: «Für mich war das okay, wieder zu starten. Ich wusste, dass ich aus dem Hinkampf gelernt habe», sagt der ukrainische Routinier trocken.
Das Risiko ist gross. Vocks Verletzung droht die Freiämter gleich in zwei Duellen wichtige Punkte zu kosten. Leutert: «Ich musste etwas riskieren. Das schien mir taktisch die sinnvollste Variante zu sein.» Die Freiämter gehen trotz dieser Ausgangslage mutig in den Kampf. Sie legen los wie die Feuerwehr. Nils Leutert gewinnt wie im Hinkampf gegen Dorien Hutter durch Technische Überlegenheit mit 4:0. Dann trifft Jeremy Vollenweider auf Jürg Hutter. Im Hinkampf hat Hutter noch mit 2:1 gewonnen. Vollenweider sagte im Vorfeld des Kampfes zu dieser Zeitung, dass er Revanche will. Die holt er sich. Schultersieg, 4:0. Die Freiämter liegen nach zwei Kämpfen mit 8:0 vorne. «Das war ein wichtiger Vorsprung, von dem wir lange gezehrt haben», so Trainer Marcel Leutert. Bis zur Halbzeit gewinnen auch Nino Leutert gegen Urs Wild und Michael Bucher gegen David Loher, sodass das 0:4 von Roman Zurfluh gegen Ramon Betschart kaum ins Gewicht fällt. Die Freiämter führen mit 13:6.
Dann beginnt das grosse Zittern. «Es war hart mit anzusehen, wie der Vorsprung langsam schmilzt», sagt Marcel Leutert. Yves Müllhaupt und Marc Weber verlieren gegen Fabio beziehungsweise Damian Dietsche. Pascal Strebel zeigt gegen Dominik Laritz einen guten Kampf, unterliegt aber mit 1:3. Das war so einkalkuliert. Und dann kommt Malzew. Der Routinier beginnt stark, holt eine 2:0-Führung und kämpft sehr taktisch. Dann greift ihn sich Hungerbühler und der entscheidende Konter fällt. Seine Routine war der Trumpf für den Ukrainer, der das lachend mit den Worten «Es ist nicht alles schlecht am Alter» kommentiert.
«Ich bin so stolz», sagt Marcel Leutert. «Das Team hat Charakter bewiesen. Sie haben sich nicht in die Hosen gemacht, weil Randy ausgefallen ist.»
David gegen Goliath im Final
Der scheinbar übermächtige Finalgegner (Samstag, 19 Uhr, Muri), heisst Willisau. Leutert: «Wir wollten, ja mussten schon fast die Finalqualifikation schaffen. Jetzt ist viel Druck von uns gefallen», so der Trainer. «Wir haben gezeigt, was wir als Team schaffen können. Wir werden noch einmal alles geben.»
Möglich ist, dass Routinier Malzew noch einmal ran muss. «Ich stehe zur Verfügung. Der Trainer entscheidet, wer ringt», sagt Malzew lachend. Als er nach der schweren Aufgabe gegen Willisau gefragt wird, sagt der Freiämter Greco-Trainer: «Der Rückkampf gegen Kriessern war doch auch eine schwere Aufgabe. Wir haben trotzdem gewonnen.»
«Der Sieg war für Randy»
Randy Vock verpasst Halbfinal und Final – Pascal Strebel springt gegen Kriessern ein
Der Olympionike und Greco-Ringer Pascal Strebel hat sich kurz nach seinem Comeback für das Team geopfert und ist im Freistil gegen Dominik Laritz angetreten. Randy Vock droht länger auszufallen. Die Teamkollegen haben den Sieg auch ihm gewidmet.
Am Donnerstag verletzt sich Randy Vock am Knie. Am Freitag wird klar, dass er definitiv nicht gegen Kriessern ringen kann. Am Samstag sitzt Vock in der Halle in der Ostschweiz. «Ich will den Jungs helfen, so gut es geht», sagt der 25-Jährige. Die Verletzung hat er sich im Trainingslager in Magglingen am Innenband zugezogen. «Mit grösster Wahrscheinlichkeit ist es gerissen», sagt Vock. Wie lange er ausfallen wird, ist noch unklar. Die Wahrscheinlichkeit, dass er gegen Willisau mittun kann, ist sehr gering.
Pascal Strebel springt für ihn in die Bresche und kämpft gegen Dominik Laritz. «Dafür, dass ich nie Freistil trainiere, war das eigentlich gar nicht so schlecht», sagt Strebel über sein Duell. Der Captain der RS Freiamt musste sich gegen das Ostschweizer Freistil-Talent mit 1:3 geschlagen geben. «Das war das Minimum, das ich rausholen wollte.» Die Entscheidung, den frisch genesenen Greco-Spezialisten auf Laritz treffen zu lassen, war eine taktische Massnahme von Trainer Marcel Leutert und die Reaktion auf den Ausfall von Randy Vock.
Die Schönheit des Ringens
«Als wir mitbekommen haben, dass Randy ausfällt, ging das grosse Rechnen los», so Strebel. «Von der Gewichtsklasse hatten wir nicht so viele Optionen, wer gegen Laritz antreten könnte. Ich bin es mit dem Trainerstab mehrfach durchgegangen. Wir mussten bei den meisten Varianten einen 4:0-Sieg für Laritz befürchten.» Leutert geht davon aus, dass Strebel dem Ostschweizer Paroli bieten kann. Und wie er das kann. Strebel geht schnell mit 4:0 in Führung. Dann beginnt die Aufholjagd von Laritz. Diese läuft schleppend. Er sammelt Punkte, weil die Kampfrichter regelmässig auf Passivität von Strebel entscheiden. Strebel verkauft sich teuer gegen Laritz. Gegen Ende des Kampfes reisst dem Freiamt-Captain aber der Geduldsfaden. «Laritz war nicht aktiver als ich. Ausserdem hat er mich permanent am Kopf gezogen und das nicht gerade sanft», sagt Strebel. «Habe ich das Gleiche getan, hiess es, ich solle fair kämpfen. Ich hab dann den Schiedsrichtern meine Meinung gesagt.» Der Freiamt-Captain kriegt eine Strafe. Laritz kann weitere Punkte erzielen und gewinnt mit 3:1. «Ja. Ich hätte meinen Mund halten sollen», so Strebel. Ein 2:1 für Laritz wäre dem Kampfverlauf entsprechender gewesen, ein 2:1-Sieg für Strebel im Rahmen des Möglichen.
Am Ende spielt es keine Rolle. Leuterts Plan geht auf. Strebel verhindert eine 0:4-Pleite gegen Laritz. «Das ist das Schöne am Ringen», so Strebel. «In einem Moment liegst du hinten und eine Sekunde später bist du der Sieger. Und am Ende braucht es alle zehn Ringer, um ans Ziel zu kommen. Wenn es so läuft, opfere ich mich gerne für das Team.»
Vock mit Tränen in den Augen
Vock hat nach dem Kampf Tränen in den Augen. Er hat am Rand mitgelitten. «Es wäre mir lieber, wenn ich auf der Matte eingreifen könnte. Jetzt müssen die Jungs liefern und ich helfe im Hintergrund, so gut ich kann», so der EM-Bronze-Sieger. Vock ist im Einzelklassement auf Rang 10. Ihm und dem Team ist bewusst, dass er während der Saison viel für den Finaleinzug beigetragen hat. Captain Pascal Strebel: «Randy ist durch und durch Sportler. Ich verstehe, dass ihm die Verletzung jetzt schwer fällt», so Strebel. «Aber wir sind ein Team. Wir kämpfen jeder für jeden. Der Sieg war auch für Randy.» --jl





