Grösster Erfolg seit 1908
12.11.2021 SportWir schreiben das Jahr 2021. In Sarmenstorf, genauer auf dem Bühlmoos-Rasen, feiert die ansässige Fussballmannschaft ihre erfolgreichste Saison seit der Gründung im Jahr 1908. Es ist ein kleines Märchen. Der Meister der «Sarmi»-Kicker heisst Michael Winsauer. Der ...
Wir schreiben das Jahr 2021. In Sarmenstorf, genauer auf dem Bühlmoos-Rasen, feiert die ansässige Fussballmannschaft ihre erfolgreichste Saison seit der Gründung im Jahr 1908. Es ist ein kleines Märchen. Der Meister der «Sarmi»-Kicker heisst Michael Winsauer. Der sympathische Erfolgstrainer erzählt im Interview, wieso die Sarmenstorfer auf der Erfolgswelle reiten. --spr
«Eine Frau kam dazwischen»
Interview mit Erfolgstrainer Michael Winsauer vom FC Sarmenstorf
Es ist ein kleines Fussballmärchen: Der FC Sarmenstorf überrascht den Fussballkanton Aargau und wird Wintermeister in der 2. Liga. Den vollen Durchblick hat Trainer Michael Winsauer. Der 39-jährige Österreicher gibt Einblick ins Innenleben der Mannschaft und wagt einen Ausblick in die Zukunft.
Stefan Sprenger
Was passierte am 23. April 2019?
Michael Winsauer: Der FC Sarmenstorf spielte den Halbfinal im Aargauer Cup gegen den FC Mutschellen. Da sind Sie erstaunt, dass ich das noch weiss, gell?
Irgendwie schon. Es hat ja einen Grund, wieso ich das frage. Es war der Tag, an dem der erste Kontakt mit dem FC Sarmenstorf stattgefunden hat.
Richtig. Ich weiss noch, es waren etwa 500 Zuschauer da. Ich habe vom Fenster des Club-Häuschens zugeschaut und ganz viele Dinge gesehen und gespürt, die mir gefallen haben. Präsident Tobias Furrer und der damalige Sportchef Fabian Baumli haben mich dann bei einem Bierchen angesprochen, ob der FC Sarmenstorf ein Thema für mich wäre.
Und?
Es war ein erstes Beschnuppern. Wir haben uns ein paar Wochen später getroffen und alles besiegelt, bevor der FC Sarmenstorf noch in die 2. Liga aufgestiegen ist. Mein erstes Gefühl hat mich nicht getäuscht. Der FC Sarmenstorf ist etwas ganz Besonderes, hat mich extrem an meinen Stammverein SK St. Johann erinnert, und ich bin froh, hier Trainer zu sein.
Warum?
Es ist fantastisch, hier zu arbeiten. Ich lerne viel. Und der ganze Verein ist einfach positiv. Das Vereinsleben in Sarmenstorf ist vorbildlich für die ganze Schweiz: Der Turnverein oder die Schwinger kommen zu unseren Spielen, dafür werden sie von uns unterstützt. Ich verspüre keinen Neid unter den Vereinen. Als wir zu Beginn der Saison 2020/21 miserabel gestartet sind, kam keine schlechte Stimmung auf. Im Gegenteil. Es wurde noch konzentrierter gearbeitet.
Was passierte am 10. Oktober 2020?
Wir haben 0:2 gegen Wettingen verloren. Und dann folgte eine sehr, sehr erfolgreiche Zeit.
Ein Jahr lang musste der FC Sarmenstorf danach keine Niederlage mehr einstecken. Vom Provinzklub, der die 2. Liga als Abenteuer sah, wurde aus «Sarmi» ein Team, das tatsächlich vom Aufstieg in die 2. Liga interregional träumt. Wie ist diese Wandlung möglich?
(Lacht) Dieses Team kann so schnell nichts erschüttern. Es gibt viele Gründe für den Erfolg.
Schiessen Sie los.
Der Zusammenhalt hier ist sensationell. Alle Spieler sind aus der Region und gut befreundet. Man trifft sich auch abseits des Fussballplatzes. Alle Spieler bezahlen Mitgliederbeiträge, niemand kassiert einen Franken, niemand kriegt eine Extrawurst, alle werden gleich behandelt. Die Identifikation mit dem Verein ist gigantisch. Und das ist wunderschön.
Weitere Gründe.
Es gibt noch einige (lacht). Die Lernbereitschaft der Jungs ist riesig und immer konstruktiv. Das ganze Kader zieht mit. Was mich sehr freut, ist die Trainingsbeteiligung. Denn die ist fantastisch. Das ist wohl auch der Hauptgrund, wieso wir keine muskulären Verletzungen und grundsätzlich wenig Ausfälle hatten. Diese Trainingspräsenz führt dazu, dass die Spieler topfit sind. Und das wiederum verschafft uns in der Endphase von vielen Partien einen wichtigen Vorteil gegenüber unseren Gegnern. Ausserdem ist das Verhältnis von Trainerteam und Mannschaft top. Letztere weiss genau, wann man mit den Trainern auf ein Bier gehen kann, aber auch wann man wieder Gas geben muss, um besser zu werden.
Welche Rolle spielt Ihr Co-Trainer Schibi Roth? Er ist ja früher eine riesige Nummer im Freiämter Fussball gewesen.
Er ist enorm wichtig. Schibi Roth überzeugt mit fussballerischem Fachwissen und passt menschlich wie die Faust aufs Auge zum FC Sarmenstorf. Ein Glücksfall für uns.
Was passierte am 23. Oktober 2021?
Nach über einem Jahr haben wir wieder verloren. 1:2 in Brugg.
Wie konnte der FC Sarmenstorf eine solche Serie schaffen? Was ist Ihr Geheimrezept?
Wir arbeiten alle defensiv. Solidarisch und diszipliniert. Von Goalie Silvan Sigg bis Stürmer Fabio Huber. Die Automatismen greifen auf dem Platz. Jeder weiss, was zu tun ist und was wir Trainer von ihnen erwarten. Dann braucht es manchmal nur noch die richtigen, motivierenden Worte von uns Trainern, um das letzte Quäntchen aus den Spielern rauszukitzeln.
Stürmer Huber hat ja eine Traumbilanz. 17 Tore hat er in der Vorrunde erzielt.
Eine brutale Quote. Und er war übrigens der Trainingsfleissigste.
Das heisst?
In der Vorrunde hatten wir 27 Trainingseinheiten. 26-mal war er dabei. Sooft wie kein anderer.
Wie oft kommt der 38-jährige Routinier Alain Schultz ins Training?
(Lacht) Er ist auch immer dabei, war aber für eine kurze Zeit verletzt. Schultz ist und bleibt ein Phänomen für mich.
Warum?
Er will immer spielen. Er verspürt eine unglaubliche Freude am Fussball. Er ist ein riesiges Vorbild. Auch in Sachen Laufbereitschaft. Was er mit seinen 38 Jahren abspult, ist schon eindrücklich. Und er ist natürlich auf dem Rasen immer für einen Geniestreich gut und hat die nötige Ruhe und Übersicht am Ball. Die Jungs profitieren von einem Spieler wie ihm, und trotzdem ist das Kollektiv unser grösster Trumpf.
Was passierte am 24. Juli 2010?
Boah. Jetzt wirds schwierig. Damals könnte ich vielleicht mein erstes Spiel beim FC Wohlen gemacht haben. Stimmts?
Richtig. 1:2-Pleite in Delémont. Und ein Österreicher, der aus Neuseeland zum FC Wohlen wechselte, feierte seine Premiere im FCW-Dress. Was bedeutet Ihnen der FC Wohlen heute?
Der Verein ist der Grund, wieso ich hier bin. Es war eine schöne und intensive Zeit beim FC Wohlen.
In Ihrem ersten Interview mit dieser Zeitung im Sommer 2010 sagten Sie, der FC Wohlen sei für Sie «eine Durchgangsstation».
(Lacht laut) So kann man sich täuschen. Ich dachte mir damals, dass ich noch ein, zwei Jahre als Profifussballer tätig bin und dann zurück in die Heimat nach Tirol gehe. Daraus wurden 4 Jahre beim FCW. Eine Frau, ein Ring und zwei Kinder kamen mir dann dazwischen (lacht noch lauter).
Jetzt sitzen Sie fest hier.
Ja. Aber gerne (lacht immer noch).
An welchem Datum haben Sie Ihre Frau Sandra geheiratet?
Das war am 25. Oktober 2013. Hallo? Denken Sie, ich vergesse den schönsten Tag meines Lebens? (Lacht). Die Geburten meiner Kinder Fabio und Mara sind natürlich auch unvergesslich.
Sie wohnen in Waltenschwil und sind dort Lehrer. Werden Sie an der Schule auf den Erfolg des FC Sarmenstorf angesprochen?
Ein paar Lehrerkollegen und Eltern verfolgen das und sprechen mich manchmal an, ja. Es ist schön, dass unsere Leistung beachtet wird.
Was spüren Sie in Sarmenstorf während den Heimspielen?
Die Erwartungen sind gestiegen. Vor ein paar Monaten wäre man mit dem Ligaerhalt zufrieden gewesen. Heute wurmt es die Fans, wenn wir gegen Wettingen nur Unentschieden spielen. Dann heisst es schon: «Hey. Was war den mit euch los?» Das zeigt aber nur, wie leidenschaftlich auf der Bühlmoos der Fussball gelebt wird. Es herrscht Euphorie pur. Wirklich.
Wie zeigt sich das?
Kommen Sie an ein Heimspiel. Die Muff-Kurve mit den lautstarken Fans ist einfach der Wahnsinn. Wir haben viele treue Zuschauer, die uns immer anfeuern. Dieser Rückhalt ist toll. Und er ist einzigartig in der 2. Liga.
Dieses Team hat Geschichte geschrieben. Noch nie in der Vereinshistorie war eine Sarmenstorfer Mannschaft so gut. Der Wintermeistertitel ist der Lohn. Und es ist zu hören, dass Sie als Trainer hervorragende Arbeit leisten und womöglich vor einer grossen Karriere an der Seitenlinie stehen.
(Lacht) Ich bin aktuell daran, dass UEFA-A-Diplom zu machen. Der zeitliche und finanzielle Aufwand dafür ist sehr gross. Aber damit dürfte ich in der Schweiz lediglich ein Team aus der 1. Liga Promotion trainieren. In Österreich kann man damit auch in der zweithöchsten Liga trainieren.
Sie haben doch grössere Ambitionen?
Ich bin infiziert mit dem Fussballgen. Trainer zu sein, macht mir riesigen Spass. Es ist ein Ausgleich für meinen Lehrerjob und das Familienleben als Vater und Ehemann.
Floskeln haben Sie anscheinend auch drauf, denn Sie reden um den heissen Brei.
Ja (lacht).
Konkret: Sie sind mit Ihren 39 Jahren ein Jungtrainer. Können Sie sich vorstellen, einmal im bezahlten Fussball tätig zu sein?
Das könnte ich mir vorstellen, ja. Wenn es sich mit Schule und Familie vereinbaren lässt. Ich könnte mir durchaus vorstellen, mich «aus dem sicheren Hafen» hinauszubewegen und alles auf die Karte Fussball zu setzen.
Haben Sie schon Angebote von anderen Teams?
Nein. Es wäre aber auch kein Thema. Ich bin bis Sommer 2022 beim FC Sarmenstorf und will hier noch Grosses erreichen.
Und dann?
Dann schauen wir weiter.
Ich habe noch ein Datum für Sie.
Gerne.
11. Juni 2022.
Oha. Blick in die Kristallkugel.
Der FC Sarmenstorf spielt dann das letzte Spiel der Saison zu Hause gegen Lenzburg.
Und wir sind hoffentlich noch vorne mit dabei und standen am 26. Mai 2022 im Aargauer Cupfinal. Das wäre gigantisch und richtig lässig.
Bei einer Aufstiegsfeier würde Sarmenstorf wohl explodieren.
Davon ist auszugehen (lacht). Der Wintermeister ist ja eine sensationelle Sache, aber beim Slalom bringt es dir ja auch nichts, wenn du nach dem ersten Durchgang führst und dann im zweiten Durchgang beim dritten Tor einfädelst. Wir müssen jetzt ganz ruhig bleiben. Mitte Januar beginnen wir die Vorbereitung zur Rückrunde, die Mitte März startet. Wir müssen da die Basis legen, damit die ganze Saison erfolgreich wird. Es braucht weiterhin harte Arbeit, Demut und Freude am Fussball.
Die Schlussfrage dreht sich ums Feiern. Am letzten Wochenende gab es die historische Wintermeister-Party. Die Spieler feierten im «Wave» in Muri. Wo war Trainer Winsauer?
Ich stand vorher vier Stunden in einer Eiseskälte am Spielfeldrand und musste mich schnell aufwärmen (lacht). Ich bin gemeinsam mit Co-Trainer Schibi Roth und Alain Schultz in Wohlen etwas essen und trinken gegangen. Ich ging es etwas ruhiger an. Wissen Sie, ich bin nicht mehr der Jüngste.



