Alle für den Bären
09.07.2021 Dintikon20 Dintiker kaufen den «Bären» und wollen dem Gasthof neues Leben einhauchen
Es ist eine einzigartige Sache. In Dintikon gründen 20 Leute eine Genossenschaft und kaufen die einzige Beiz im Dorf. Der Gasthof Bären wird nun auf Vordermann gebracht ...
20 Dintiker kaufen den «Bären» und wollen dem Gasthof neues Leben einhauchen
Es ist eine einzigartige Sache. In Dintikon gründen 20 Leute eine Genossenschaft und kaufen die einzige Beiz im Dorf. Der Gasthof Bären wird nun auf Vordermann gebracht und an einen neuen Pächter vergeben. So soll im Dorf wieder mehr Leben einkehren.
Stefan Sprenger
Jeden Samstag herrscht reger Betrieb. «Wie in einem Bienenhaus», sagt Stefan Gisi. Er ist Vizepräsident der Genossenschaft, die den Gasthof Bären gekauft hat und ihn jetzt renoviert. Immer samstags trifft man sich und renoviert den Grossteil der Liegenschaft auf eigene Faust. «Eine riesige Euphorie ist zu spüren. Ziel ist es, diesem Betrieb wieder neues Leben einzuhauchen. So gibt es frischen Wind im Dorf», erklärt der Elektroinstallateur, dessen Betrieb «Elektro Gisi» im Dorf ansässig ist.
Die Beiz kränkelte
Das Gebäude wurde 1834 gebaut und ist seit damals ein Gastrobetrieb. Seit 1921 ist es im Besitz der Familie Sommer. 80 Jahre lang hat die Familie selbst das Restaurant geführt. Um die Jahrtausendwende kamen zwei Pächter, die jeweils 10 Jahre lang blieben. «Der letzte Wirt», erzählt Gisi, «hat dann etwas schwierig gewirtet und die Dintiker blieben dem Gasthof fern.» Die einzige Beiz im Dorf kränkelte. Im März 2020 – zu Beginn der Coronapandemie – schliesst der «Bären» seine Türen.
Bis heute. Renato Gsell, Präsident der Genossenschaft, ist bestens vernetzt und ein Mann der Taten. Er suchte Leute, die mitziehen. Schnell wurde er fündig. 19 Dintiker und eine Dintikerin schlossen sich zusammen, gründeten die Genossenschaft «Freunde des Bären Dintikon» und kauften die Liegenschaft. Alle steuerten den gleich grossen Betrag bei. Am 18. Juni 2021 wurde der Kaufvertrag unterschrieben. Und jetzt wird umgebaut. «Es gibt einiges zu tun», erklärt Stefan Gisi. Ende Jahr soll der Gasthof Bären wieder öffnen. Die Genossenschaft hat für den neuen Pächter ein klares Konzept vorgesehen.
Die Beiz im Dorf lassen
Eine Genossenschaft von 20 Leuten kauft den Gasthof Bären
Sie haben ein gemeinsames Ziel. Die «Freunde des Bären Dintikon» spannen zusammen und kaufen die einzige Beiz im Dorf. Andere Interessenten wären vorhanden gewesen. Doch die Besitzer – selbst Ur-Dintiker – waren überzeugt von dieser starken und einmaligen Idee. So bleibt das einzige Gasthaus im Dorf erhalten.
Stefan Sprenger
«Ein Dorf braucht eine gute Beiz. Weil eine gute Beiz das Herzstück eines funktionierenden Dorfes ist.» Stefan Gisi, Vizepräsident der Genossenschaft «Freunde des Bären Dintikon», ist einer von 20 Leuten, die am 18. Juni 2021 das Gasthaus kauften. Es sind alles Einheimische, viele davon sind Unternehmer im Dorf. Der «Bären» (2500 m? grosses Grundstück) entging so dem Schicksal, zu einem Wohnhaus zu werden. «Drahtzieher» ist Renato Gsell, Präsident der Genossenschaft, der sein gutes Netzwerk ausnützte und mit seiner Idee begeistern konnte. Es ist eine romantische und einzigartige Idee. Einheimische kaufen ein Gasthaus, bringen es auf Vordermann und verpachten es an einen neuen Wirt.
In der Beschreibung der Denkmalschutzpflege des Kanton Aargau heisst es, das Gebäude sei ein «1834 erstelltes Gasthaus, das als spätklassizistisch-biedermeierlicher Mauerbau mit zeittypischer axialer Befensterung in Erscheinung tritt». Der Gasthof liegt an «strategisch günstiger Lage in der Langelen, wo sich die Alte Villmergerstrasse mit der Strasse nach Dottikon kreuzt». Im 19. Jahrhundert gab es viele Besitzerwechsel. Bis schliesslich 1921 die Familie Sommer die Liegenschaft kaufte. 80 Jahre lang wirtete die Familie selbst. Dann kam um die Jahrtausendwende ein Pächter, der zehn Jahre blieb. Der letzte Wirt schloss im März 2020 die Tür – und öffnete nicht mehr. «Der letzte Pächter hat viel Geschirr zerschlagen im Dorf», erklärt Stefan Gisi.
Idee der «Freunde des Bären» stiess auf Interesse
Die Familie Sommer suchte in diesem Frühjahr einen neuen Käufer. Interessenten waren vorhanden. Doch die wollten alles, nur kein Restaurant mehr führen. Die Idee der «Freunde des Bären» gefiel auch der Familie Sommer. «Und so konnten wir die Liegenschaft erwerben», so Gisi, der im Dorf selbst seit 25 Jahren ein Elektroinstallationsgeschäft führt.
Renato Gsell und seine Idee stiessen auf viel Resonanz. Alle Genossenschafter sind zu gleichen Teilen beteiligt – zusätzlich gibt es finanzielle Unterstützung einer Bank. «Wir vertrauen einander und glauben an unser Ziel.» Auf der Homepage heisst es: «Die Genossenschaft Freunde des Bären Dintikon bezweckt den Erhalt, Unterhalt, Vermietung und Verpachtung Liegenschaft, in gemeinsamer Selbsthilfe ihrer Genossenschafter.»
45 Jahre lang kaum etwas gemacht
Die 20 «Freunde des Bären» kommen aus den unterschiedlichsten Sektoren. Landschaftsgärtner, Banker, Sanitär, Maler oder Elektroinstallateur. Gemeinsam nutzt man nun die einzelnen Fähigkeiten aus und baut den Gasthof Bären (unentgeltlich) um. «Es gibt einiges zu tun», erklärt der 53-jährige Familienvater. Man will eine moderne Küche schaffen, eine harmonische Einrichtung, eine heimelige Gartenwirtschaft. Dazu wurde ein externer Berater (ebenfalls aus Dintikon) hinzugezogen. «Es gibt eine umfassende Renovation», die jeweils an den Samstagen vorangetrieben wird, sagt Gisi. Auch freiwillige Helfer und Freunde packen mit an. Es ist quasi ein Projekt des ganzen Dorfes. Wichtig: «Wir werfen kein Geld aus dem Fenster.» Und doch gibt es Investitionen, denn 45 Jahre lang wurde kaum etwas am Gebäude und an der Einrichtung gemacht. Es wurde höchste Zeit. Besonders die Küche braucht neue Gerätschaften. So wird beispielsweise aus dem alten Pferdestall ein Kühlraum. Gisi erklärt: «Nur wenn der Gasthof in guter Form ist, finden wir auch einen neuen Wirt, der bestens passt.»
Erste Interessenten gibt es schon. Eine engere Auswahl wurde bereits getroffen. Es gibt sogar schon einen Favoriten. Aber spruchreif ist noch nichts. Natürlich wünscht man sich einen Wirt aus der Region. «Jemanden, der giggerig ist», so Gisi. Doch der Vorstand der «Freunde des Bären» hat auch gewisse Auflagen und Vorstellungen an den neuen Pächter. «Wir wollen gewissen Einfluss nehmen», so Gisi.
Im Herbst soll der Umbau vollendet und der «Bären» so herausgeputzt sein, dass die Neueröffnung gefeiert werden und die Geschichte des Gasthofes weitergehen kann. «Unser Ziel und unsere Hoffnung sind, dass sich das ganze Dorf im ‹Bären› trifft.» Die Vereine sollen wieder ein «Zuhause» haben. Der riesige Saal im zweiten Stock eignet sich bestens für Generalversammlungen, denn hier wurden früher sogar die Gemeindeversammlungen von Dintikon abgehalten. «Es hat Platz für über 100 Personen», so Gisi und er zeigt den grossen Raum mit der hölzernen Decke. Ausserdem will man auch Menschen und Vereine aus Dottikon, Hägglingen, Villmergen oder Wohlen ansprechen und in den «Bären» locken. Auch grössere Anlässe wie Hochzeiten und Feste zum runden Geburtstag sollen im «Bären» wieder möglich sein. Es soll ein Ort sein, wo man gerne hingeht und feines Essen und gutes Ambiente geniessen kann. Ein kulinarischer und kultureller Treffpunkt. Kurz: Ein Mittelpunkt im Dorf.
Die Genossenschaft hat Grosses vor. Ob dies gelingt? Träume können in der Gastronomie schnell platzen. Gisi meint: «Wir sind positiv eingestellt, dass es klappt und wir bald eine neue Beiz haben. Alle, die hier mitmachen, sind topmotiviert. Es ist eine Herzensangelegenheit.» Und viele Stammgäste sind jetzt schon gebucht, wenn der «Bären» voraussichtlich im Dezember seine Türen wieder öffnet.



