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11.08.2020 HilfikonSommerserie «Auf den Punkt» in Hilfikon
Der Pfeil führt zur Geschichte von Simone Graf, die schon als Nomadin in der kalifornischen Prärie gelebt hat. Trotz Schicksalsschlägen arbeitet sie immer weiter an ihrem Traum. ...
Sommerserie «Auf den Punkt» in Hilfikon
Der Pfeil führt zur Geschichte von Simone Graf, die schon als Nomadin in der kalifornischen Prärie gelebt hat. Trotz Schicksalsschlägen arbeitet sie immer weiter an ihrem Traum.
Chantal Gisler
«Der Pfeil steckt in der Pferdeweide», stellt Miriam Räber fest. Sie wohnt an der Dorfstrasse und sitzt gerade auf ihrer Lounge im Garten. Hund Balou guckt neugierig durch die Latten am Zaun und wedelt freudig mit dem Schwanz. Er freut sich über jeden Besuch. Die Weide befindet sich hinter dem grossen Bauernhaus, in dem Miriam Räber lebt. «Aber sie gehört nicht mir, sondern Stefan Brunner. Die Pferde gehören Simone Graf, die den Hof gerne übernehmen würde. Wir können mal schauen, ob sie zu Hause ist.» Mit Balou an der Seite geht es über die Strasse zu einem Bauernhaus. Miriam Räber geht hoch, klopft an die Tür und erklärt Simone Graf kurz, wie der Dartpfeil in der Wiese gelandet ist. «Das kann kein Zufall sein», sagt Graf und lacht. «Willkommen in der Villa Kunterbunt!»
Grafs temporäre Sommerresidenz besteht aus zwei 200 Jahre alten Gesellenzimmern. Fast alles besteht aus dunkelbraunem Holz. Über eine unebene Treppe gelangt man zu ihrer Wohnung. «Die Treppe betritt man auf eigene Gefahr», lacht Simone Graf. Die beiden Zimmer hat sie selbst renoviert und eingerichtet. Es wirkt gemütlich, die Wände wurden neu gestrichen, der Boden knarrt. Vom Fenster aus sieht sie die finnische Sauna und den kleinen Teich, den der Besitzer angelegt hat. Jeder Besucher wird von Hund Shilah begrüsst, einem acht Monate alten Wolfshund. Seit April leben Hund und Frauchen in Hilfikon. Miriam Räber lebt seit fast zwei Jahren hier, sie und Simone Graf sind gute Freunde geworden. Hund Balou und Grafs Wolfshund Shilah spielen gerne miteinander. Wie sie hierher kam, ist eine lange, aber spannende Geschichte. Simone Graf erzählt sie gerne auf dem Sitzplatz vor der Pferdeweide.
Einschneidendes Erlebnis
Simone Graf ist in Winterthur aufgewachsen. Sie ist ein spiritueller Mensch, der im Einklang mit der Natur lebt. «Ich hatte in meiner Jugend ein Erlebnis, das mich verändert hat», erzählt sie. Als Jugendliche wurde sie bei einem Überfall niedergestochen. «Ich hatte eine Nahtoderfahrung, die mich verändert hat.» Zwar war sie schon als Kind gerne in der Natur. Doch seither fühlt sie sich mit ihrer Umwelt noch mehr verbunden. «Ich übernachtete gerne im Wald. Einmal wachte ich auf und ein Reh schlief neben mir.» Ein absolut beglückender Moment. Das bewog sie als junge Erwachsene dazu, nach Amerika auszuwandern, in die Nähe der Blackfoot-Indianer. Dort lernte sie ihren späteren Mann kennen. «Wir lebten in Nordkalifornien im Tipi in der Prärie», erzählt sie. Einen Schlafsack und Wasser, mehr brauchten sie nicht zum Leben. «Wir sind Bären, Klapperschlangen und Pumas begegnet, doch wir konnten stets im Einklang mit der Natur leben.»
Sieben Jahre lebten sie so zusammen. Nach der Trennung beschloss Simone Graf, mit ihrem Kind in die Schweiz zu kommen. Hier eröffnete sie als ausgebildete Pädagogin eine Privatschule auf der Basis von Montessori- und Waldorfpädagogik für verschiedene Altersstufen, in der die Kinder respektvoll begleitet wurden. Sie blühte auf und widmete sich voll und ganz der Schule. «Im Nachhinein betrachtet habe ich mich überarbeitet», sinniert Graf. Wegen den Spätfolgend des Überfalls wurde sie krank, musste die Schule verkaufen und sich auf ihre Gesundheit konzentrieren. «Ich sah es als neue Chance, um mir den Traum von einem Horsemanship zu erfüllen.» Auf dem Pferdebetrieb können Menschen die Nähe zu den Tieren kennenlernen und auf geführte Ausflüge gehen. Das war in Solothurn. «Ich hatte auch Jugendliche aus dem Time-out-Projekt, die einfach eine Auszeit brauchten. Es hat super mit ihnen geklappt.» Aus dem Hof wurde ein Sozialprojekt für Menschen, die Mühe damit haben, sich in der Welt zurechtzufinden.
Während des Projekts reist Simone Graf ein Jahr lang nach Frankreich, wo sie einen Einsiedlerhof übernimmt. Dort nimmt sie ihren ersten Wolfshund bei sich auf. «Wolfshunde sind sehr eigenwillige, wilde Tiere. Ich wollte mich dieser Herausforderung stellen.» Auch hier baut sie ein Sozialprojekt auf. Zeitweise hat sie zwölf Pferde. Doch sie merkt nicht, dass sie sich überarbeitet. Dann passiert es. Auf dem Rücken ihres Pferdes wird sie ohnmächtig. «Eine Freundin führte das Pferd, sie erschrak und das Tier ebenfalls. Es trat auf meinen Hals und meinen Kopf.» In Frankreich wird sie behandelt, doch die Ärzte übersehen das Schädel-Hirn-Trauma. Graf fühlt sich nicht mehr wie sie selbst. Sie vergisst wichtige Dinge, fühlt sich gestresst, wenn man sie bei ihrer Arbeit unterbricht. «Ich spürte, dass etwas nicht stimmt. Aber ich habe es verdrängt und noch härter gearbeitet.» Es wird ihr zu viel, sie reist zurück in die Schweiz und lässt sich erneut untersuchen. Die Ärzte stellen das Trauma fest und raten ihr, aus der Führungsposition auszusteigen.
Reise abgebrochen
Graf sieht das als Chance, sich einen lang ersehnten Traum zu erfüllen: «Mit zwei Pferden nach Kasachstan, Tadschikistan und Kirgistan zu reisen.» Im Frühling sollte es losgehen. «Ich ging nach Graubünden, um die Pferde an das kühle Klima zu gewöhnen und sie auf die Reise vorzubereiten.» Doch dann kam Corona. Und Simone Graf beschloss, wieder zurück in die Schweiz zu kommen. «Ich wollte während dieser Pandemie bei meiner Familie sein. Denn man weiss ja nie, ob die Länder die Grenzen schliessen oder nicht.»
Freunde aus Villmergen erzählen ihr, dass es in Hilfikon einen Hof gibt, den sie übernehmen könnte. Sie lacht. «Ich kannte Hilfikon damals nicht, aber ich wollte der Sache eine Chance geben. Ich sah sofort das grosse Potenzial. Der Hof, der Stall und die grosse Wiese – es ist perfekt.» Hier möchte sie ebenfalls ein Sozialprojekt aufbauen. Einen Hof, der wesensgerecht ausgelegt ist. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Ausserdem muss Simone Graf jetzt nach ihren Pferden sehen.



