Neues Leben für alte Laptops
07.04.2020 MerenschwandDer Merenschwander Tobias Schär will mit «Wir lernen weiter» bedürftigen Familien helfen
Wenn alle Mitglieder einer Familie zu Hause am PC arbeiten und lernen müssen, wird das für viele Familien zum Problem. Einen Laptop für jedes Kind ...
Der Merenschwander Tobias Schär will mit «Wir lernen weiter» bedürftigen Familien helfen
Wenn alle Mitglieder einer Familie zu Hause am PC arbeiten und lernen müssen, wird das für viele Familien zum Problem. Einen Laptop für jedes Kind können sich viele Eltern nicht leisten. Hier will Tobias Schär helfen. Er sucht alte PCs und Laptops, richtet sie her und verteilt sie Bedürftigen.
Annemarie Keusch
Nein, ein Theoretiker ist Tobias Schär nicht. Lieber packt er an, setzt Ideen schnell um. So erstaunt es auch nicht, dass keine Woche verging, bis aus den ersten Gedanken die funktionierende Plattform «Wir lernen weiter» entstanden ist. Es war am Freitagabend im Online-Feierabendbier, als der 26-jährige Merenschwander die Idee hatte. «Ich bin in der privilegierten Lage, dass ich selbst in der jetzigen schwierigen Situation per Videotelefonie meine Freunde treffen und meine Ausbildung in leicht abgeänderter Form trotzdem erhalten kann. Das können längst nicht alle», sagt er. Kam hinzu, dass Schär jetzt während dem Lockdown viel Zeit hat und diese sinnvoll nutzen will.
Auf die Idee, ausrangierte und alte Laptops und PCs zu sammeln, neu aufzusetzen und zu verteilen, kam er ganz spontan. Schär ist Unternehmensberater, studiert nebenbei Wirtschaftsinformatik. «Ich bin jemand, der ein, zwei Sachen über Computer und deren Handhabung weiss», sagt er schmunzelnd. Diese Stärken will er in der Krisensituation anderen zugänglich machen. «Es soll ein Projekt für alle sein, denen selber aufgrund finanzieller Not der Anschluss in die digitale Welt verwehrt bleibt.»
Anfragen prüfen, so gut es geht
Die Idee von «Wir lernen weiter» ist ganz simpel. Wer einen funktionstüchtigen Windows- oder Mac-Laptop, Bildschirme mit Kabeln oder auch Tastatur oder Mäuse nicht mehr für den Eigengebrauch benötigt, kann auf der Homepage ein Spendeformular ausfüllen. Auch beispielsweise Laptops, die nur noch im Netzbetrieb funktionieren, eignen sich gut. «Vieles, was für den einen als nicht mehr zumutbar wahrgenommen wird, ermöglicht für andere ganz vieles.» Nach einer initialen Prüfung können die Geräte an Tobias Schär geschickt werden. Danach werden sie aufbereitet und jenen kostenfrei zur Verfügung gestellt, die diese Hilfe auch anfordern. Anträge können hierbei direkt selbst auf der Website erstellt werden, aber auch durch einen Stellvertreter – beispielsweise einen Klassenlehrer.
Dass dieses Angebot nicht ausgenützt wird, das liegt Tobias Schär am Herzen. «Ich rufe die Gesuchsteller an und frage nach ihrer finanziellen Situation. Meine Intuition wird mir helfen, herauszufinden, wer sich eigentlich auch selber beispielsweise einen Laptop kaufen könnte.» Trotzdem, mit einem niedrigen Prozentsatz an Missbrauch des Angebots muss er rechnen. «Aber wenn dieser unter zehn Prozent ist, wäre es vertretbar.»
Zusammenarbeit mit Schulen
Tobias Schär nimmt den möglichen Betrug in Kauf, um jenen zu helfen, die es wirklich brauchen. Und er weiss, dass die Hemmschwelle gross sein kann, sich mit einem solchen Anliegen an ihn zu wenden. Er arbeitet auch eng mit Schulen zusammen, um via Klassenlehrpersonen in Kontakt mit bedürftigen Eltern zu kommen. «Bereits jetzt liegen zahlreiche Hilfeanfragen vor – und dies, obwohl die Plattform noch nicht lange existiert.»
«Wir lernen weiter» ist eine Non-Profit-Organisation. Verdienen will Tobias Schär damit gar nichts. Im Gegenteil, die aufgewendete Zeit für das Aufbereiten der Geräte und das Porto für das Verschicken berappt er selber. «Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Der 26-Jährige fühlt sich privilegiert. Arbeiten, studieren, Zeit mit der Freundin oder Freunden verbringen, als Ausgleich Töff fahren. Entsprechend ist es eine Herzensangelegenheit für ihn, ein solches Projekt zu realisieren, damit auch andere einen Lichtblick in diesen fordernden Zeiten erleben dürfen.
Hilfe zur späteren Selbsthilfe
Neun Geräte bekam Tobias Schär schon zur Verfügung gestellt, sechs sind einsatzbereit. Kontakte zu Schulen oder sozialen Diensten gibt es schon. Und der 26-Jährige rechnet damit, dass die Nachfrage in den nächsten Wochen steigen wird. «Bei vielen macht sich die Krise finanziell erst im Laufe der Zeit bemerkbar. Darum glaube ich auch, dass die Hilfe über die Coronazeit hinaus in Anspruch genommen wird.» Eine zeitliche Limite, wie lange er «Wir lernen weiter» am Leben erhalten will, gibt es aktuell nicht. Was er aber weiss: «Es darf nicht sein, dass sich die Armut auf die Bildung auswirkt.»
Wichtig ist ihm auch, dass nicht nur die Geräte verschickt werden, sondern dass mittels kurzer Anleitungen die Handhabung des Computers oder Laptops erklärt werden kann. «Es ist aber das Ziel, dass die Nutzer lernen, dass sie sich Hilfe auch selber im Netz holen können», betont Schär. Denn er will nicht, dass die neuen Besitzer der Geräte in Abhängigkeiten geraten, sondern, dass sie möglichst schnell selber mit den Geräten klarkommen. «So haben in kurzer Zeit Leute Zugriff zur digitalen Welt, denen diese Tür sonst verschlossen bliebe.»
Mehr Infos: www.wir-lernen-weiter.ch