Es gibt nur einen «Koko»
24.04.2020 SportAls der FC Wohlen noch nicht in der Challenge League spielte, wurde der Pole Ryszard Komornicki der erste Profitrainer. Er schaffte auf der Paul Walser-Stiftung den Aufstieg in die 1. Liga und ebnete den Weg in die NLB. Im Jahr 2012 trafen sich der FC Wohlen und «Koko» in der ...
Als der FC Wohlen noch nicht in der Challenge League spielte, wurde der Pole Ryszard Komornicki der erste Profitrainer. Er schaffte auf der Paul Walser-Stiftung den Aufstieg in die 1. Liga und ebnete den Weg in die NLB. Im Jahr 2012 trafen sich der FC Wohlen und «Koko» in der «Todessaison» wieder. Der Mann mit dem besonderen Humor hatte erneut Erfolg. Doch verlängert wurde mit ihm damals nicht. --spr
«Das Spitzenfingergefühl»
Serie «die schillernden Namen des FC Wohlen»: Ryszard Komornicki
Hart, aber fair. Sarkastisch, aber humorvoll. Provokativ, aber doch ganz lieb. Ryszard Komornicki ist einfach anders. Die direkte Art des polnischen Fussballexperten bringt ihm viele Freunde und einige Feinde.
Stefan Sprenger
«Eine braune Zunge hatte ich nie», sagt Ryszard Komornicki. In der Fussballwelt, die er heutzutage als grösstenteils «herzlos und mit wenig Leidenschaft» beschreibt, war er nie ein Schleimer. Er ist kein Speichellecker, kein Heuchler. Komornicki wählt immer die direkte Variante. Vollgas aus seinem Kopf ins Gesicht des Gegenübers. Ohne Filter, einfach «Koko». Das brockt ihm immer wieder Probleme ein. Und hat womöglich auch eine grössere Trainerkarriere verhindert. Komornicki ist das – man ahnt es – völlig wurst. Er ist so, wie er ist. «Mein Charakter war schlecht für Leute, die einen schlechten Charakter haben», sagt er. Er selbst könne aber immer noch in den Spiegel schauen. Viele, die er auf seinem langen Fussballweg kennengelernt hat, können das wohl nicht mehr, wie er vermutet.
Rückrunde war «schrecklich»
Im Winter der Saison 1997/98 kommt ein polnischer Fussballer mit lichtem Haar erstmals auf die Paul Walser-Stiftung. Der FC Wohlen ist wenige Monate zuvor in die 1. Liga aufgestiegen und wurde Cupsieger. Doch in der Vorrunde passt nichts mehr und Trainer Arne Stiel wird gespickt. Komornicki marschiert ein und hat zwei klare Aufgaben: Als Spielertrainer den FC Wohlen in der 1. Liga halten und die Juniorenförderung vorantreiben. Dem Nachwuchs tut er gut. Der polnische Taifun wirbelt die Freiämter Fussballlandschaft durch. Der damalige FCW-Präsident Andy Wyder sagt: «Komornicki ist ein absolut kompetenter Fussballlehrer. Er führt junge Spieler mit steter Arbeit und viel Gespür an neue, höhere Aufgaben heran.»
Doch das mit dem Ligaerhalt klappt nicht. Komornicki erinnert sich. «Die Rückrunde war schrecklich. Die Namen der Spieler weiss ich nicht mehr. Sie waren aber alle keine guten Fussballer. Es gab viele Absenzen, viel Lustlosigkeit, diese Jungs sind nie miteinander zusammengesessen, haben nie gemeinsam ein Bier getrunken. Ein zusammengewürfelter Haufen, das war keine Mannschaft.» Der FC Wohlen steigt nach einem Jahr in der 1. Liga wieder ab.
Maradona wird Weltmeister, «Koko» verliert 0:3
Der damals 39-Jährige aus dem polnischen Dorf Scinawa, rund 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, ist der erste Profitrainer beim FC Wohlen. Und er kommt mit einem grossen Rucksack an Erfahrung. Zwischen 1984 und 1988 macht er 20 Spiele für die Nationalmannschaft Polens. Drei davon an der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko. Diego Armando Maradona packt die «Hand Gottes» aus und wird Weltmeister. Für Komornicki und sein Land ist das Achtelfinale schon ein Erfolg. Es gibt eine 0:3-Pleite gegen Brasilien. In der Schweiz wird der Mittelfeldspieler ab 1989 bekannt, als er zum FC Aarau wechselt. Fünf Jahre ist er auf dem Brügglifeld. Highlight: Der Meistertitel 1993. «Immer noch etwas vom Besten meiner Karriere», meint «Koko».
Zurück zum FC Wohlen. Nach dem Abstieg folgt eine euphorische Saison. 1998/99 holt das Team den Cupsieg, steigt in die 1. Liga auf. Komornicki schwärmt heute noch von dieser «tollen Mannschaft mit richtig guten Typen». Er erzählt von besonderen Spielern wie Salvatore Romano, Schibi Roth, Emilio Munera, Claudio Lo Nigro, Christian Scheibel oder Alessio Passerini. Oder an einen Beat Hubeli im Tor, der als Handwerker so begabt ist, dass er die Kabine in der Paul Walser-Stiftung repariert. Komornicki ist der Schleiffer aus dem Osten, der die Mannschaft komplett im Griff hat. «Ich war sehr hart zu den Spielern. Aber sie haben alles gegeben und wir hatten Erfolg.»
«Ich bin nur ein dummer Pole und habe kein Geld»
Jene Saison ist der Grundstein für den späteren Aufstieg in die Nationalliga B. Es ist zwar über 20 Jahre her, doch wenn «Koko» von dieser Saison berichtet, ist man erstaunt, wie viel er noch weiss. «Es gab viele tolle Helfer. Hans Hübscher zum Beispiel, mein Gott, hat er Gas gegeben.» Komornicki erzählt lachend, dass er damals für rund 20 000 Franken eine neue Adidas-Ausrüstung für das Team eingekauft hat und Präsident Andy Wyder ihn deshalb beinahe feuern wollte. «Gutes Aussehen ist wichtig», meint Komornicki damals wie heute. Sein Humor ist legendär – und schräg.
Dieser Sarkasmus, diese Geradlinigkeit, manchmal etwas provokativ, manchmal etwas selbstbemitleidend, dies gehört zu Ryszard Komornicki – und sie steht ihm auch oft im Weg. «Ich bin nur ein dummer Pole und habe kein Geld», sagte er dieser Zeitung einst. Er meint es witzig, lacht dabei aber nicht. Seine ganz eigene Art ist nicht leicht zu verstehen. Sein Humor balanciert stets an der Grenze zu Ironie und Spöttelei – ist aber nur ganz selten böse gemeint. Andy Wyder, lang jähriger FCW-Präsident, pflegt bis heute eine Freundschaft mit Komornicki. Wyder sagt: «Er trägt sein (Fussballer-)Herz auf der Zunge. Direkt und unverblümt. Er ist eigenwillig und auch einzigartig authentisch. Das kommt nicht immer gut an. Manchmal steht er sich selber im Weg. Schade, für so viel Fussballlehrertalent.»
Richtig glücklich wird er nirgends
«Koko» verlässt im Sommer 1999 nach jener erfolgreichen Saison den FC Wohlen. So richtig glücklich wird er nirgends mehr. Er geht nach Solothurn in die NLB. «Im Nachhinein ein Fehler. Ich hätte in Wohlen bleiben sollen», sagt Komornicki heute zu seinem Abgang. Und: «Wohlen holte dann Martin Rueda, schaffte grosse Erfolge und hat mich nicht vermisst. Aber ich habe den FC Wohlen vermisst.» Auch die Wechsel zu Luzern und Chiasso würde er heute nicht mehr machen. «Bei beiden Vereinen herrschte Chaos.» In den darauffolgenden 20 Trainerjahren folgen viele Engagements. Durchschnittlich ist er nur 0,55 Jahre lang Trainer bei einem Verein. Nur ganz selten darf er eine ganze Saison zeigen, was er mit einem Team erreichen kann. «Es gab oft Leute, die gegen mich gearbeitet haben», sagt Komornicki. Seine Eigenart spielt dabei wohl eine entscheidende Rolle.
Die Fortsetzung in der «Todessaison»
Die Liste der Teams, die er coachte, ist lang: Wohlen (2-mal), Solothurn, Kickers Luzern (2-mal), FC Luzern, Zabrze (2-mal, Polen), Baden, Aarau, Wil, El Gouna (Ägypten), Chiasso, United Zürich, Olten, Siarka (Polen). Momentan ist der heute 60-Jährige bei GKS Tychy. Bei jenem polnischen Verein, wo er seine Profikarriere vor über 40 Jahren startete. Jetzt ist Komornicki der Sportdirektor dieses 2.-Liga-Vereins. Nach einer Entlassung ist er neuerdings auch der Trainer. «Es ist das erste Mal in der Fussballgeschichte, dass sich Trainer und Sportdirektor verstehen», sagt er – ohne dabei zu lachen.
Mit dem FC Wohlen hat Komornicki im Jahr 1998 eine Liebesgeschichte begonnen. Diese romantische Beziehung zwischen dem sympathischen Dorf klub und dem polnischen Arbeitstier mit besonderer Art findet im Jahr 2012 eine Fortsetzung. Es ist die «Todessaison». Von 16 Teams in der Challenge League wird auf zehn Mannschaften reduziert. Die neue Challenge League wird geboren. Es ist eine Zangengeburt. Und dem FC Wohlen flattern die ganze Saison die Nerven. Zwei Trainer sind bereits entlassen worden: Urs Schönenberger und Adrian Kunz. Der FCW engagiert zum Rückrundenstart Feuerwehrmann Komornicki. Zu Beginn läuft es harzig, die Siege bleiben aus, «Koko» muss viel Kritik einstecken. «Der Trainer ist immer der Depp, der Volltrottel, der Schuldige», meinte Komornicki damals.
Nach der schwachen Anfangszeit gelingt die Wende. Nur die grössten Optimisten glaubten noch an den Sprung in die Zehnerliga. Im Saisonendspurt holt der FC Wohlen 13 Punkte in fünf Spielen. Komornicki hat sich «den Arsch aufgerissen». Seiner akribischen Arbeit ist es zu verdanken, dass dieses kleine Fussballwunder passiert und Wohlen unter den besten 20 Teams der Schweiz ist.
«Mit Meier wäre es nicht gegangen»
Über das Team damals spricht er in höchsten Tönen: «Da waren tolle Typen dabei. Ein sackstarker Matteo Tosetti, der heute in Thun spielt. Ein Alban Pnishi, der eine starke Karriere hat. Und mit Michael Winsauer einen würdigen Captain. Und da war noch dieser Stürmer, Gaspar hiess er. Bewegen war nicht seine Stärke, aber er war ein Goalgetter. Ich hatte das Team im Griff, ausser den verrückten Torwart Giovanni Proietti, er lebte in seiner eigenen Welt.»
Die letzte Partie auswärts gegen Bellinzona geht mit 0:5 verloren. Ein komisches Bild: Trotzdem jubeln die Wohler. Der Klassenerhalt ist in letzter Sekunde geschafft. Ebenfalls skurril: Der Trainer ist enttäuscht. Nach Spielschluss sitzt Ryszard Komornicki mit dem Sportjournalisten dieser Zeitung auf die Trainerbank und erklärt eine Stunde lang, warum er trotz Ligaerhalt traurig ist. Der Grund: Fehlende Wertschätzung von einigen im FCW-Umfeld.
Ein Name fällt bei «Koko» diesbezüglich oft: René Meier. Damals war Meier Verwaltungsratspräsident und Ehrenpräsident. Die beiden hatten das Heu nie auf derselben Bühne. «Koko» sagt, dass Meier ihm in seine Arbeit und die Aufstellung reinreden wollte. Meier dementiert stets. Das Ergebnis: Trotz geschafften Ligaerhalt wird mit «Koko» nicht verlängert. Der damalige Verwaltungsrat, bestehend aus Andy Wyder, René Meier und Lucien Tschachtli, entscheidet sich mit 2:1 Stimmen gegen Komornicki und für einen Neustart. Wyder, der gerne mit dem Polen weitergearbeitet hätte, trägt den Entscheid mit und überbringt seinem Freund die enttäuschende Nachricht. Wyder bezeichnet die damalige Saison als «Husarenstück von Komornicki» und ist «sehr dankbar, was er geleistet hat», wie er im damaligen Vereinsmagazin «KickOff» schreibt. Komornicki sagt heute dazu: «Es war wohl besser so. Mit Meier wäre es nicht gegangen.»
«Busse und Tritt in den Arsch»
Komornicki ist rückblickend im 16-jährigen Challenge-League-Märchen des FC Wohlen ein sehr bedeutsamer Faktor. Noch vor der Jahrtausendwende legt er als erster Profitrainer die Basis für den späteren Aufstieg in die NLB. Und in der «Todessaison» 2011/12 sorgt er mit seinen Fähigkeiten dafür, dass der FC Wohlen den Sprung unter die besten 20 Profiteams der Schweiz schafft.
Und heute? Ryszard Komornicki sitzt in einer 2-Zimmer-Wohnung in Polen. Das Land hat wegen des Coronavirus eine Ausgangssperre verhängt. Langweilig wird ihm nicht. Und den Humor hat er erst recht nicht verloren. «In der Schweiz darf man noch vieles tun. Hier in Polen ist es anders. Wenn man sich ohne Grund draussen bewegt, gibt es zuerst eine Busse und dann einen Tritt in den Arsch», meint er. Seine Familie ist in der Schweiz. Und er wartet als Trainer und Sportdirektor von GKS Tychy darauf, dass der Fussball wieder rollt und er sich wieder in die Arbeit stürzen kann.
Im letzten Jahr fast wieder in Wohlen gelandet
Wenn er an den FC Wohlen denkt, dann fühle er sich wohl. «Ein toller, familiärer Verein, der mir viel bedeutet.» Und Komornicki wird nicht vergessen auf den Niedermatten. Als Trainer Piu vor einem Jahr entlassen wurde, ist «Koko» ein Thema für dessen Nachfolge. Er wäre gerne gekommen, doch er hatte in Polen ein anderes Engagement. «Wenn ich kann, wenn ich darf, wenn es sich ergibt, dann werde ich vielleicht irgendwann wieder beim FC Wohlen sein», meint Komornicki. «Wer weiss.»
Der FC Wohlen ist für ihn aber auch der Ort, wo er einen wunderbaren Menschen kennenlernte. Mit Andy Wyder hat er «einen ewigen Freund» gefunden. «Wyder hat einfach Klasse, hat sich nie eingemischt, hat Mut bewiesen und Charakter.» Mit polnischem Falschaussprecher sagt er: «Wyder hat das richtige Spitzenfingergefühl.» Etwas, das ausgerechnet dem direkten «Koko» in gewissen Situationen ein bisschen gefehlt hat.



