Exotin im Eiskanal
21.01.2020 SportBobsport: Melanie Hasler aus Berikon ist auf dem Weg, eine Top-Pilotin im Eiskanal zu werden
Ihre Kraft öffnete der Freiämterin die Türen zum Bobsport. Die 21-jährige Melanie Hasler schaffte am Wochenende den ersten Podestplatz im Europacup. «Ich ...
Bobsport: Melanie Hasler aus Berikon ist auf dem Weg, eine Top-Pilotin im Eiskanal zu werden
Ihre Kraft öffnete der Freiämterin die Türen zum Bobsport. Die 21-jährige Melanie Hasler schaffte am Wochenende den ersten Podestplatz im Europacup. «Ich brauche das Adrenalin», meint sie. Die Berikerin träumt von den olympischen Spielen.
Stefan Sprenger
Ein Sturz mit über 100 Kilometer pro Stunde. «Das schmerzt», meint Melanie Hasler. Die aufgestellte Frau muss dabei aber lachen. In der letzten Saison ist sie oft gestürzt. Es ist ein Risiko, das sie gerne in Kauf nimmt, denn sie liebt es, in ihrem Bob den Eiskanal runter zu fliegen. «Es ist das, was ich will.»
«Ich dachte, es sei ein Witz»
Momentan absolviert sie die erste ganze Saison als Bobpilotin. Hasler zeigt dabei ihr riesiges Talent. Die Fortschritte sind gross. Am letzten Wochenende schafft sie es erstmals an einem Europacup aufs Podest. In Sigulda (Lettland) fährt sie im Zweier-Bob mit Jasmin Nef auf den 2. Rang. Und das trotz einer Grippe. «Wir konnten zeigen, was wir drauf haben», meint die Berikerin. Nun winkt die Teilnahme an der Europameisterschaft in wenigen Wochen. Das Fernziel sind die olympischen Spiele 2026 in Mailand. So wie Hasler voranschreitet, könnte auch schon Olympia 2022 in Peking ein Thema sein. «Wir schauen, wie es läuft. Hauptsache, alles geben», meint sie.
Genau mit dieser Einstellung hat es das sportliche Multi-Talent so weit gebracht. Denn vor zwei Jahren hatte sie noch eine Volleyball-Karriere im Auge. Sie spielte bei Steinhausen in der NLB und gleichzeitig war sie im Beachvolleyball auf dem Weg an die nationale Spitze. Als bei einem Leistungstest ihre ausserordentlichen Kraftresultate ans Licht kamen, wurde Christoph Langen, Trainer der Schweizer Nachwuchs-Bobfahrer, aufmerksam. Hasler wurde angefragt, mal im Bobsport zu schnuppern. «Ich dachte zuerst, es sei ein Witz», erzählt sie. Sie probierte es aus, fuhr den Eiskanal runter. «Als ich unten angekommen bin, war ich total begeistert und wollte gleich nochmals», sagt Hasler, die ihre besondere Geschichte bei einem Cappuccino im Café «Alexander» in Berikon ausführlich erzählt.
Im Eis brennt ihr Feuer
Bobsport: Melanie Hasler aus Berikon und ihr besonderer Weg, der in den Eiskanal führte
Ein sportliches Ausnahmetalent war Melanie Hasler schon immer. Sie tauschte den Volleyball gegen einen Bob-Schlitten und fährt nun immer schneller Richtung internationale Spitze. «Ich bin kein Wintermensch, aber im Bob wird mir heiss», sagt die 21-Jährige aus Berikon.
Stefan Sprenger
Das Gespräch mit Melanie Hasler scheint spannend zu sein. Im Café «Alexander» in Berikon spitzen die Tischnachbarn jedenfalls die Ohren und lauschen gerne, was sie für fesselnde Sachen aus ihrem Leben erzählt. Es ist so packend, dass ein Mann interveniert. Mit sympathischem Lächeln lehnt er sich herüber zum Tisch und sagt: «Entschuldigung, ich muss Sie unterbrechen ...»
Ein Multitalent
Melanie Hasler kommt als Jüngste von vier Kindern im Jahr 1998 zur Welt. Die Eltern Julia und Jürg fördern ihre Kinder Alejandra, Bryan, Chabeli und Melanie im Sport und der Musik. Laufen, Fahrrad, Ski. Und alle spielen in ihren jungen Jahren Volleyball auf dem Mutschellen. Chabeli Hasler spielt so gut, dass sie in die «United School of Sports» geht und höher hinaus will. Heute spielt sie aber nicht mehr. Melanie Hasler geht in die Jugi in Berikon, tanzt Hip-Hop, spielt gerne Klavier. Sie besucht die Schule in Berikon, beschreibt ihre Kindheit als «wundervoll».
Das Multitalent schafft es im Volleyball hoch hinaus, wird Mitglied der Jugendnationalmannschaft. Nach der Sport-Sekundarschule wechselt sie zur «United School of Sports». Die Schule in Zürich, deren Direktor Tobias Rohner aus Wohlen ist. Das war zwischen 2014 und 2018. «Eine Zeit, in der ich stark vorwärtsgekommen bin. Auch dank Tobias Rohner, der mich bei meinen Träumen stark unterstützte», sagt sie. Auch im Beachvolleyball nähert sie sich der nationalen Spitze an. Der Weg war frei für eine Volleyball-Karriere.
Doch es kam anders. Melanie Hasler, eine Modell-Athletin, 1,78 m gross, 72 kg schwer – und eine enorme Sprungkraft für eine Frau. Ihre Sprungkraft bei einem Leistungstest wird als «überdurchschnittlich» eingestuft. Der deutsche Christoph Langen, zweifacher Bob-Olympiasieger (1998 und 2002) ist heute Nachwuchstrainer des Schweizer Bob-Teams. Und er beweist ein feines Gespür. Er kriegt die starken Resultate von Hasler mit und klopft bei ihr an. «Ich hatte keine Ahnung vom Bobsport», erzählt Hasler. Ihr wurde der Schlitten-Sport schmackhaft gemacht. Die Teilnahme an Olympischen Spielen, an Europa- und Weltmeisterschaften, «das hat mich sehr gereizt», erzählt sie. Sie fährt im Jahr 2017 erstmals einen Eiskanal hinunter – und ist begeistert. «Als ich unten angekommen bin, wollte ich gleich wieder hoch und nochmals runterbrettern», sagt die Frau mit Wurzeln in der Dominikanischen Republik. Für einige Monate spielt sie Volleyball und trainiert für den Bobsport. Dann fällt die Entscheidung. «Im Volleyball war die Motivation etwas erloschen.» Im coolen Eiskanal brennt fortan ihr inneres Feuer.
Erster Podestplatz geschafft
Hasler beginnt im Sommer 2017 als Anschieberin. Sie nimmt im Europacup und an der Junioren-Weltmeisterschaft teil. Anfang 2018 der nächste grosse Entscheid. Die Berikerin will selber fahren. In Sigulda rast sie zum ersten Mal als Pilotin herunter. In dieser Strecke in Lettland schaffte sie im Zweier-Bob zusammen mit Jasmin Näf am vergangenen Wochenende ihren ersten Podestplatz im Europacup und – wahrscheinlich – die Qualifikation für die Europameisterschaft im Februar. «Wir konnten zeigen, was wir drauf haben.»
Im Gespräch mit ihr spürt man die enorme Begeisterung für diesen Wintersport. Sie selbst sagt von sich: «Ich bin kein Wintermensch, ich mag die Kälte nicht sonderlich, aber im Bob wird mir immer heiss.» Warum mag sie es, mit dem Schlitten bei Spitzengeschwindigkeiten bis zu 140 km/h im Eiskanal hinunterzufahren? «Die Geschwindigkeit, das Adrenalin, die volle Konzentration bei der Fahrt, das alles fasziniert mich enorm. Ein kleiner Fehler hat Auswirkungen auf deine ganze Fahrt, das ist ein einzigartiger Kick – und zwar jedes Mal.»
Ihre Fahrten gehen nicht immer gut. In der letzten Saison stürzt sie oft. Es gab Prellungen und kleine Narben. «Nichts Schlimmes», sagt sie. Sie arbeitete hart an sich, an ihrer Technik. Im Sommer wechselte sie zwischen Training und Arbeit als Versicherungskauffrau bei der Allianz ab. Nun ist sie besser, viel besser. Das sagen sogar die Trainer von anderen Nationen. Die Exotin im Eiskanal versprüht einen Hauch von «Cool Runnings» im Europacup. Nach ihrem ersten Podestplatz im Europacup ist es wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Freiämterin im Weltcup an den Start darf. Ob sie an der Europa- und Weltmeisterschaft in wenigen Wochen teilnehmen darf, ist noch unklar. Die Chancen stehen aber gut.
«Ich versuche zuzunehmen, doch es ist schleppend»
Hasler steckt in der ersten ganzen Saison als Pilotin. Sie ist monatelang von ihrem Zuhause in Berikon weg. «Dafür sehe ich die Welt.» Motivation geben ihr die hervorragenden Zukunftsaussichten. EM, WM, Weltcup, dazu absolviert sie ab April die Spitzensport-Rekrutenschule in Magglingen, wo sie sicherlich nochmals einen gewaltigen Sprung nach vorne machen wird. Der Traum von den Olympischen Spielen 2022 in Peking oder spätestens 2026 in Mailand ist da. «Ich will das», meint Hasler.
Friede und Freude im Eiskanal? Nicht ganz. Natürlich gibt es auch Hürden. Mit 72 kg ist sie zu leicht. Ich brauche mehr Kilos. Ich versuche zuzunehmen, doch schaffe es nur sehr schleppend», so Hasler. Ein schwieriges Unterfangen ist auch die Sponsorensuche. Als «Kampf» beschreibt sie das. Stundenlang sitzt sie jeweils am Computer, telefoniert und versucht auf verschiedenen Wegen an Sponsoren zu kommen. Denn die Randsportart Bob ist grösstenteils selber finanziert. An den Rennen im Ausland werden ihr (nur) die Reisekosten und das Hotel bezahlt. Viele Ausgaben bleiben an der 21-Jährigen hängen. Ein Bob kostet beispielsweise rund 10 000 Franken – nur gemietet, versteht sich. «Einfach ist die Suche nicht, aber ich gebe mein Bestes», sagt Hasler.
«Schreiben Sie mir ein Mail»
Als sie von der schwierigen Sponsorensuche erzählt, ist es der einzige Augenblick im Gespräch, wo sich ihr Lächeln im Gesicht etwas dämpft. Der sympathische Mann vom Tisch nebenan interveniert: «Entschuldigung, ich muss Sie unterbrechen.» Sein Name ist Bernhard Tobler, er lebt in der Region. Er legt Melanie Hasler die Visitenkarte auf den Tisch und sagt: «Man kennt Sie in Berikon und ich finde es supertoll, was Sie machen. Schreiben Sie mir ein Mail, ich unterstütze Sie gerne.» Da strahlt sie wieder. Die Exotin im Eiskanal ist ihrem Traum einen Schritt näher.




