Doris Leuthard auf Schulbesuch
17.01.2020 SchuleSpezieller Tag in der Wohler Privatschule «Lern mit». Gestern liess sich die frühere Bundesrätin die Schule zeigen und lernte die Macher kennen.
Altes und Neues kombinieren
Alt-Bundesrätin Doris Leuthard besuchte die Schule ...
Spezieller Tag in der Wohler Privatschule «Lern mit». Gestern liess sich die frühere Bundesrätin die Schule zeigen und lernte die Macher kennen.
Altes und Neues kombinieren
Alt-Bundesrätin Doris Leuthard besuchte die Schule «Lern mit»
Für das 20-Jahr-Jubiläum vor einem Jahr musste sie sich noch entschuldigen lassen. Nun holte Doris Leuthard ihren Besuch nach. Sie zeiget sich beeindruckt von der Privatschule. Und traf auf einen alten Bekannten.
Chregi Hansen
Vor 19 Jahren kreuzten sich die Wege der ehemaligen Bundesrätin und von Schulleiter Reto Helbling das erste Mal. Doris Leuthard, damals noch als Anwältin tätig, half der Schule bei einem Umnutzungsgesuch. Helbling hat im Archiv gekramt – und noch das Fax gefunden, mit dem er sich damals an Leuthard gewendet hat.
Inzwischen ist sehr viel passiert. Leuthard hat eine beeindruckende Politkarriere hingelegt, und «Lern mit» hat sich als Privatschule etabliert. Gestern nun informierte sich die Merenschwanderin aus erster Hand, wie in den ehemaligen Fabrikräumen der Belux unterrichtet wird. Begleitet wurde sie von ihrem ehemaligen Chef Kurt Fricker, der mit der Schule eng verbunden ist. Und gleich bei der Ankunft ging ein breites Grinsen über das Gesicht der ehemaligen Verkehrsministerin. Denn in der Schule «Lern mit» traf sie auf Philipp Galizia, den sie schon seit gemeinsamen Schulzeiten kennt. Der Murianer Kleinkünstler arbeitet seit gut zwei Jahren als Lehrer bei «Lern mit». «Wie hier Schule gemacht wird, ist einfach genial», schwärmt Galizia, der Leuthard, Fricker und Helbling beim Rundgang begleitete.
Klein, aber fein
Schulleiter Reto Helbling legte der prominenten Besucherin zu Beginn die Grundsätze dar, nach der bei «Lern mit» gearbeitet wird. Zu den Vorzügen gehört beispielsweise, dass die Klassen maximal 12 Schüler haben. «Würde ich rein unternehmerisch denken, müssten es mehr sein», erklärte er. «Aber wir versuchen hier den Spagat zwischen wirtschaftlichen und pädagogischen Interessen zu wahren.» Klein, aber fein will «Lern mit» sein.
Und natürlich will man innovativ sein. «Das sagt jedes Unternehmen von sich. Was aber versteht ihr genau darunter?», wollte die ehemalige Bundesrätin wissen. Für Helbling geht es darum, die modernen Mittel geschickt einzusetzen. «Die Schule ist im stetigen Wandel. Oft wird einfach alles Alte schlechtgeredet. Ich halte das für einen Fehler», machte er deutlich. Heisst: Der von ganz vielen Schulreformern so verschmähte Frontalunterricht könne durchaus Sinn machen. «Wenn es einem Lehrer gelingt, mit seinen Ausführungen die Schüler zu fesseln, ist das durchaus prägend.» Eine Aussage, die Leuthard aus eigener Erfahrung durchaus bestätigen kann.
Reto Helbling betrachtet die sich anbahnenden Veränderungen mit dem Lehrplan 21 durchaus kritisch. «Es braucht Veränderungen. Ganz klar. Aber wir laufen Gefahr, dass wir den Kindern zu viel Verantwortung fürs Lernen zuschieben», sagt er. Das könne zu einer Überforderung führen. Kinder würden bis zu einem gewissen Grad Strukturen brauchen. «Lern mit» versucht mit einem gesunden Mix, all die verschiedenen Lehr- und Lernmethoden anzuwenden. «Da wir eine kleine Schule und ein Unternehmen sind, können wir neue Ideen schneller umsetzen», ist sich der Schulleiter der besonderen Situation bewusst.
Gerüstet für die Zukunft
Fasziniert zeigte sich Leuthard, die zu Beginn ihrer Bundesratszeit dem Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung vorstand, vom Grad der Digitalisierung. Alle Schüler und Schülerinnen werden geschult im Umgang mit den digitalen Medien und den verschiedenen Programmen. Ein iPad gehört zum Unterricht dazu. Später besteht die Möglichkeit, als Wahlfach das Programmieren zu lernen. Virtual und Augmented Reality wird gezielt im Umgang eingesetzt, und die Schule verfügt über einen 3D-Drucker. Das freut Leuthard, «denn dieser wird in ganz vielen Berufen schon bald dazugehören». Das bedeute aber nicht, so Helbling, dass das Buch ausgedient hat. «Wir wollen mit unserem Unterricht alle Sinne ansprechen. So gehört auch ein Bergwaldprojekt dazu, in welchem sich die Schüler und Schülerinnen in der Natur als Förster betätigen. Bei uns steht bei aller Moderne noch immer der Mensch im Mittelpunkt.»
Helbling ist sich bewusst, dass er in vielen Bereichen privilegiert ist. Wichtig ist ihm, dass auch andere Schulen von seinen Erfahrungen profitieren können. Ebenso wichtig ist auch, dass «Lern mit» über sehr gute Lehrer verfügt. Das sei keine Selbstverständlichkeit. «In Sachen Lehrerausbildung hat der Aargau einen Nachholbedarf», findet denn auch die frühere Bundesrätin. Und sowohl Leuthard wie Helbling stellen sich die Frage, ob wirklich jeder Lehrer einen Master-Abschluss haben muss. «Damit verhindert man, dass gut ausgebildete Berufsleute als Quereinsteiger in die Schule wechseln», meint Helbling. Das Beispiel Galizia zeige, dass auch Personen, die nicht an der Pädagogischen Hochschule studiert haben, gute Lehrer sein können.
Bleibende Erlebnisse
Auch wenn der Besuch der Privatschule «Lern mit» die Eltern etwas kostet: «Bildung kann man nicht kaufen», betont der Schulleiter. Als Schule könne man nur möglichst gute Voraussetzungen schaffen. So sei es zwar schön, auf einem Bild zu sehen, wie die Pyramiden im alten Ägypten aussehen. «Aber mit der VR-Brille kann ich diese Pyramiden quasi durchschreiten», so Helbling. Da bleibe viel mehr hängen.
Der Mix ist entscheidend
Auf einem Rundgang durch die Klassenzimmer konnte sich Leuthard dann ein Bild machen, was dies im Schulalltag konkret bedeutet. Und sie konnte feststellen, dass traditionelle Unterrichtsformen mit Frontalunterricht, Tafel und sogar Hellraumprojektor bestens neben VR-Brille und programmierbaren Lego-Robotern bestehen können. «Es ist der richtige Mix, der den Erfolg ausmacht», betont denn auch Helbling. Und die Fotowand der ehemaligen Schüler zeugt, dass hier bei «Lern mit» nicht einfach Eliteschüler «gezüchtet» werden – die meisten machen nachher eine handwerkliche Ausbildung. Ganz zur Freude der früheren Bildungsministerin. «Die Schweiz braucht natürlich gute Berufsleute, aber nicht alle auf allerhöchstem Level. Darum habe ich mich seinerzeit auch für die zweijährige Attestlehre eingesetzt, gegen einigen Widerstand», sagt sie, bevor sie das nächste Klassenzimmer besucht.



