Unerwartete Explosion
10.12.2019 RingenDie Ringerstaffel Freiamt bezwingt Willisau vor 1500 Zuschauern mit 18:17
Wer hätte das gedacht: Die Freiämter Ringer kämpfen den haushohen Favoriten nieder. Der Jubel am Ende sorgt für einen angenehmen Tinnitus.
Und plötzlich ...
Die Ringerstaffel Freiamt bezwingt Willisau vor 1500 Zuschauern mit 18:17
Wer hätte das gedacht: Die Freiämter Ringer kämpfen den haushohen Favoriten nieder. Der Jubel am Ende sorgt für einen angenehmen Tinnitus.
Und plötzlich schnuppert die Ringerstaffel Freiamt am Meistertitel. Nach dem, was am Samstagabend in der Murianer Bachmattenhalle abgegangen ist, scheint dies nicht mehr nur Wunschdenken zu sein. Zur Halbzeit lag das Team von Trainer Marcel Leutert 6:11 hinten.
Dann folgt die unglaubliche Wende im zweiten Durchgang. Marc Weber bezwingt WM-Bronze-Gewinner Stefan Reichmuth. Und dann läuft es für die Freiämter. Getragen von den 1500 Zuschauern folgen dann Kämpfe für die Geschichtsbücher der Ringerstaffel Freiamt.
Der Höhepunkt folgt zum Schluss. Yves Müllhaupt bezwingt den favorisierten Jonas Bossert. Der Willisauer verliert zum ersten Mal in der laufenden NLA-Meisterschaft. Dann explodiert die Stimmung in der Halle. Minutenlanger Jubel, Freudentränen und auch ein wenig Fassungslosigkeit. Denn mit diesen Vorzeichen und diesem Pausenresultat rechnete eigentlich niemand mehr bei der RS Freiamt. Freiamts Aushängeschild Pascal Strebel, sagt: «Ich habe es erst beim Einschlafen so richtig begriffen, was wir geschafft haben.» Am nächsten Samstag auswärts in Willisau kann Freiamt mit einem weiteren Sieg Schweizer Meister werden und den Favoriten vollends stürzen. «Wir dürfen, sie müssen noch mehr», so Strebel. --spr
Kraftwürfel zündet Hexenkessel
Ringen, NLA, Finale: Beim letzten Kampf von Freiamts Yves Müllhaupt platzt die Bachmattenhalle
Erst der letzte Kampf sorgt für die Entscheidung. Yves Müllhaupt, der Ostschweizer in Diensten der Freiämter, wächst über sich hinaus. Der Kraftwürfel verzaubert die Freiämter Ringergemeinde. Freiamt führt gegen Willisau mit 1:0.
Stefan Sprenger
Er ringt nach Luft. 30 Minuten nach seiner gigantischen Leistung schleppt sich Yves Müllhaupt zum Hinterausgang der Bachmattenhalle. Oben ohne. Freiamts Trainer Andrej Malzew gibt ihm einen Pullover. «Du kannst nicht oben ohne raus, sonst erkältest du dich. Wir brauchen dich nächste Woche noch.» Müllhaupt gehorcht.
Dann steht er hin. Sein Lächeln auf dem Gesicht ist breit. «Ich bin total durch», sagt er immer wieder. Mit seinen Kräften ist er am Ende. Selbst eine halbe Stunde nach seinem Kampf ringt er nach Luft, versucht das Geschehene zu verarbeiten. Müllhaupt ist noch immer vollgepumpt mit Adrenalin und positiven Gefühlen. «Das war mega spannend, auch für mich auf der Matte. So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt der 20-Jährige.
Im letzten Kampf kam es zum Showdown. Willisau führt mit 16 zu 15. Das Duell in der Kategorie 74 kg Greco entscheidet diesen ersten Final. Mit Jonas Bossert schicken die Luzerner einen starken Ringer auf die Matte. Er hat noch keinen Kampf in dieser NLA-Saison verloren. Für Freiamt tritt Yves Müllhaupt an. Lange war Trainer Marcel Leutert unschlüssig, wer antreten soll. Andrej Malzew oder Yves Müllhaupt? Die Entscheidung wird ihm mehr oder weniger abgenommen, weil Malzew Antibiotika schlucken muss und nicht vollends fit ist. So tritt Müllhaupt, der mit einer Doppellizenz auch für Weinfelden ringt, auf die grosse Ringerbühne.
Ein Hüfter und die Halle rastet aus
Wer das Duell gewinnt, holt sich den ersten Finalsieg. Müllhaupt oder Bossert? Der Willisauer ist Favorit. Doch der Märstetter, der für die RS Freiamt ringt, kämpft bis zum Umfallen. Er geht in Führung. Bossert wehrt sich. Schliesslich schafft Müllhaupt mit einem «Hüfter» die Entscheidung. Sieg mit 9:3. Das sind 3:1-Mannschaftspunkte für die Freiämter.
Und dann folgt das, was Müllhaupt kaum mit Worten beschreiben kann. «Ja, Wahnsinn. Boah. Das war schön.» Bossert ist stehend k. o. und die Sirene markiert das Ende des Kampfes. Mit einem riesigen Sprung bejubelt Müllhaupt seinen Erfolg. 18:17. Freiamt bezwingt den Favoriten. Die Überraschung ist perfekt. Der Kraftwürfel entzündet den Hexenkessel Bachmattenhalle. Alle 1500 Menschen rasten aus, abzüglich der rund 300 Willisau-Fans. Es wird laut, sehr laut. Die Emotionen sind riesig. Müllhaupt verlässt dann fluchtartig die Matte. Er kann nicht mehr. Im Geräteraum der Bachmattenhalle wirft er sich auf den Boden. Er braucht Luft. Doch er wird von seinen Teamkollegen begraben in einer Jubeltraube. Da muss man sich kurz sogar Sorgen machen um das Wohl des Ringers. Wenig später steht er auf. Er hat Schnappatmung. «Ich bin total durch», kann er stammeln, bevor er wieder zu den Fans geht, um zu feiern. «Unglaublich, diese Stimmung», so der Siegesbringer.
Was darf man nächsten Samstag erwarten?
Ob er sich selbst als Held sieht? Es folgt ein lang gezogenes «Neeeeeeiiiin». Er betont, dass es «alle im Team braucht, um so etwas zu schaffen». Dass er aber den letzten Kampf entscheidet und damit die Halle zum Ausrasten bringt, freut ihn natürlich. Und nun träumen er und die Ringerstaffel Freiamt von mehr. Am nächsten Samstag in Willisau braucht es nochmals einen Sieg, dann ist man Schweizer Meister. «Die Tagesform und Glück werden entscheidend sein», so Müllhaupt. In einer Woche wird er spätestens wieder genügend Luft haben. Was darf man dann von ihm erwarten? Er sagt nur lächelnd: «Ich habe nicht so gern schlechte Tage, also sorge ich dafür, dass ich wieder einen guten Tag erwische.»




