Silber mit viel goldenem Staub
24.12.2019 SportRingen, NLA, 3. Finalkampf: Die Ringerstaffel Freiamt verliert gegen Willisau 16:17 – Nico Küng war die tragische Figur
Was für eine riesige Dramatik. Nach 29 finalen Kämpfen auf der Matte entscheidet am Ende das allerletzte Duell über den ...
Ringen, NLA, 3. Finalkampf: Die Ringerstaffel Freiamt verliert gegen Willisau 16:17 – Nico Küng war die tragische Figur
Was für eine riesige Dramatik. Nach 29 finalen Kämpfen auf der Matte entscheidet am Ende das allerletzte Duell über den Meistertitel. Nach einem fragwürdigen Schiedsrichterentscheid zieht Freiamts Nico Küng gegen Jonas Bossert den Kürzeren. Freiamt verpasst das Gold-Märchen, Willisau wird Meister, Küng feiert trotzdem.
Stefan Sprenger
Es ist kaum auszuhalten. 2000 Fans erleben in der BBZ-Halle in Willisau einen Ringer-Krimi, wie es ihn selten zuvor gegeben hat. In der Final-Serie im «Best of three»-Modus steht es 1:1. Im dritten und entscheidenden Aufeinandertreffen der beiden Teams steht es nach neun von zehn Kämpfen 15:15. Dann findet die Dramatik ihren ultimativen Höhepunkt. Das letzte Duell in der Kategorie 74 kg Freistil entscheidet darüber, wer neuer Schweizer Meister wird.
Dem Favoriten alles abverlangt
Ein Kampf entscheidet also über die gesamte Meisterschaft 2019. Der grosse Favorit Willisau bringt den Internationalen Jonas Bossert auf die Matte. Die Freiämter Aussenseiter schicken eines ihrer jungen Talente ins Rennen: Nico Küng, 22 Jahre alt, aus Aristau. «Ich habe es in der Hand, ich kann es entscheiden.» Diese Worte gehen Küng wenige Sekunden vor seinem Kampf durch den Kopf. Nico Küng, ein ruhiger und freundlicher Typ, er ist Forstwart in der Forstgemeinschaft Wagenrain, genau wie sein Vater Leonz Küng. Dieser sagt ihm vor seinem Kampf, er solle «einfach ringen, Gas geben und das Beste daraus machen». Nico Küng tut das. Zur Kampfmitte liegt Küng mit 0:1 zurück. Das Drama spitzt sich noch mehr zu.
Atemberaubender Bucher, Prügel im Schwergewicht
Dass dieses Duell zwischen Freiamt und Willisau so unglaublich knapp wird, hat die Ringer-Schweiz nicht gedacht. Die Freiämter Ringer schaffen es in diesem dritten Finalkampf, den grossen Favoriten mit Teamgeist und Cleverness alles abzuverlangen. In der ersten Halbzeit überzeugen die Freiämter in den unteren Kategorien. Die Leutert-Zwillinge zeigen, was sie draufhaben. Nils gewinnt 2:1, Nino 2:0. Dazu kommt der atemberaubende Schultersieg von Michael Bucher direkt vor der Halbzeit. Bucher beweist sein gigantisches Kämpferherz und gibt seinem Team riesigen Aufschwung und Hoffnung auf die Sensation.
Bei den Schwergewichten sieht die Ringer-Welt aber ganz anders aus. WM-Bronze-Gewinner «Stifi» Reichmuth lässt Jeremy Vollenweider nicht den Hauch einer Chance. Der Willisauer siegt im 130-kg-Duell durch technische Überlegenheit mit 4:0. Eine Machtdemonstration. Ebenfalls unter die Räder kommt Freiamts Roman Zurfluh gegen den Willisauer Panzer Sandro Scherrer (97 kg Greco). Zurfluh wehrt sich und kämpft, bis er fast bewusstlos wird. Der Lohn: Scherrer gewinnt «nur» 3:0.
Russe bezwingt die ungarische Maschine
Nach der Pause – es steht 8:8 – folgt gleich das Giganten-Duell des Abends (86 kg Freistil). Freiamt-Russe Magomed Aischkanow gegen den Willisau-Ungaren Gergely Gyurits. Der Ungare, eine Kampfmaschine, hat in der Vorwoche Freiamts Reto Gisler regelrecht von der Matte geklopft. Doch gegen den kaltblütigen Aisch kanow hat der athletische Gyurits grosse Mühe. Aischkanow hat ein Lächeln auf den Lippen, als er die Matte mit einem 3:1-Sieg verlässt. Zu diesem Zeitpunkt steht es 11:9 für die Freiämter. Und jetzt ist Champion, Olympionike und RS-Freiamt-Idol Pascal Strebel dran. Lange hält Pascal Strebel gegen Tobias Portmann dagegen. Doch am Ende verliert «Pasci» – auch wegen fragwürdiger Schiedsrichterentscheide.
In den nächsten Duellen geht kein Ringer mehr Risiken ein. Das führt dazu, dass die Ringrichter eine gewichtigere Rolle einnehmen. Marc Weber verliert gegen Andreas Vetsch 1:2. Die Ringrichter sind offensichtlich verunsichert, entscheiden wie schon im Kampf von Strebel eher für den Favoriten Willisau als für den Aussenseiter. Freiamts Routinier Andrej Maltsev bringt die Hoffnung zurück. Er bezwingt Michael Portmann 2:1. Auch hier sind die Schiedsrichter nicht über alle Zweifel erhaben.
Ein Fehler entscheidet
15:15. Nico Küng betritt die Matte. Er ist geladen und gewillt, den Sieg für die Freiämter zu holen. «Ich habe fest gehofft und geglaubt, dass Nico gewinnt», meint Vater und RS-Freiamt-Legende Leonz Küng. Zur Halbzeit des Kampfes steht es 0:1 für Gegner Jonas Bossert. Die Mannschaft – allen voran Pascal Strebel und Michael Bucher – stimmen die Fans ein. «Nico, Nico» klingt es aus Hunderten entscheidet über die ganze Meisterschaft», sagt Nico Küng. Er verliert am Ende 1:5. Der sympathische Aristauer ist nach dem Kampf untröstlich: «Ich hätte vielleicht mehr angreifen sollen. Ich hätte mich vielleicht mehr bewegen sollen. Ich hätte vielleicht mehr versuchen sollen. Es tut mir leid. Die Enttäuschung ist riesig.» Vater Leonz Küng meint: «Die Belastung für ihn war riesig. Deshalb war Nico wohl auch etwas gehemmt. Mit etwas mehr Erfahrung wäre mehr dringelegen.» Die Erfahrung und der Sieg sind in diesem Duell beim 29-jährigen Willisau-Routinier Bossert.
Küng: «Braucht Zeit und ein paar Bier»
Während die tragische Figur Nico Küng mit den Tränen kämpft, zeigt die Ringerstaffel Freiamt, was sie in dieser Saison so stark macht: ihr unglaublicher Teamgeist. Niemand ist Küng böse. Er wird mit Umarmungen und Schulterklopfern eingedeckt. Der verletzte Randy Vock hebt Küngs Faust in die Luft und zeigt symbolisch: Er ist trotzdem ein Held. Der Tenor seiner Teamkollegen lautet: «Scho guet, Nico, macht nüüt.» Und die Fans singen: «Nico, eine vo eus.»
Küng, der sich nach Knie- und Fussverletzungen in der Vergangenheit zurück auf ein starkes Niveau kämpfte, hört die Gesänge der Fans – und er weiss nicht, ob er nun lachen oder weinen soll. «Ich brauche etwas Zeit und ein paar Bier, dann geht es mir sicher wieder besser», meint er.
Eine Erkenntnis bleibt
Sein Team schaffte in diesem spannenden Final Gigantisches. Der Favorit Willisau musste zittern und braucht für den Titelgewinn auch eine Portion Glück. «Was wir in dieser Final-Serie gezeigt haben, war sensationell. Die ganze Saison war stark», sagt Nico Küng. Auch Vater Leonz meint: «Die Freiämter Ringer dürfen trotzdem zufrieden sein.» Die Ringerstaffel Freiamt verpasst ganz knapp das Ringermärchen. Die Enttäuschung war da, doch ist der Freude über den 2. Rang gewichen. Es bleibt die wichtige Erkenntnis: An dieser Silbermedaille klebt ganz viel goldener Staub.




