Kollektiv schlägt den Einzelkämpfer
17.12.2019 SportHandball, 1. Liga: Handball Wohlen – TV Muri 20:26 (12:11)
Ein starker Sascha Rudi hält Wohlen im Freiämter Derby im Spiel. In der zweiten Halbzeit brechen die Gastgeber komplett ein. Muri ist cleverer und gewinnt das siebte Derby in ...
Handball, 1. Liga: Handball Wohlen – TV Muri 20:26 (12:11)
Ein starker Sascha Rudi hält Wohlen im Freiämter Derby im Spiel. In der zweiten Halbzeit brechen die Gastgeber komplett ein. Muri ist cleverer und gewinnt das siebte Derby in Serie.
Josip Lasic
Halbzeit im Freiämter Handballderby in der Hofmattenhalle. Wohlen führt gegen Muri 12:11. Ein Hauch Hollywood-Drehbuch liegt über dem Spiel. Die Hauptrolle hat Wohlen-Goalie Sascha «The Craken» Rudi. Dass die Gastgeber vorne liegen, haben sie in erster Linie ihm zu verdanken. Wird ausgerechnet Rudi in seinem letzten Derby zum Held? Gewinnt Wohlen dank ihm wieder ein Derby nach sechs Niederlagen in Serie?
30 Minuten später. Wohlen-Captain Manuel Frey wirft seine Getränkeflasche durch die Halle und flucht vor sich hin. Wohlen verliert mit 20:26. Das gewohnte Derbybild. Jubelnde Murianer, enttäuschte Wohler
Rudi bringt Leben ins Spiel
Im Vorfeld des Derbys wird bekannt, dass Wohlens Kultgoalie Sascha Rudi zum Saisonende seine Karriere beendet. Ihm fehlt das Feuer, sagt er. Im Derby gegen Muri ist er der Einzige, der ein Feuer entfachen kann. Eine Tristesse liegt über dem Spiel. Zu viele Faktoren nehmen dem Derby die Würze. Einerseits der Modus, durch den es um nichts mehr geht, andererseits Spielerabsenzen wie Muris Goalgetter Carlo Femiano und Wohlens Routiniers Andreas Stierli und Flavio Galliker. Das Derby droht zu einem besseren Testspiel zu werden.
So beginnt die Partie auch. Muri geht mit 2:0 in Führung. Kurz darauf steht es 5:2 für die Gäste. «Dann haben wir die Kontrolle über das Spiel verloren», sagt Muri-Trainer Claude Bruggmann. Beide Teams sind harmlos. Doch Rudi entschärft die Angriffe der Gäste. Es kommt Leben ins Derby. «Ich habe gesagt, solange ich noch spiele, gebe ich alles», meint Rudi. In der Zwischenzeit hat Wohlen eine Schwäche in der Muri-Abwehr gefunden. Die Gastgeber brillieren nicht, können aber mit gezielten Nadelstichen im Angriff die Partie drehen. Plötzlich führt Wohlen mit 6:5. Goalgetter Femiano scheint bei Muri an allen Ecken und Enden zu fehlen. Zur Pause sieht es mit der 12:11-Führung passabel aus für Wohlen.
Ein Wechsel und Wohlen bricht ein
Muris Abwehrturm Jerome Zucker sagt, dass die Wohler Führung zur Pause okay war. «Das hat uns geweckt», sagt Zucker. «Wir haben in der zweiten Halbzeit angefangen, unsere Angriffe konsequent zu Ende zu spielen.» Wohlen hingegen verliert jegliche Konsequenz. Die Gastgeber fallen in der Anfangsphase der 2. Halbzeit vor allem durch technische Fehler und Zeitstrafen auf. Muri nutzt die Überzahlsituationen gnadenlos aus. Zusätzlich wechselt Bruggmann Stammgoalie Tobias Wipf ein, der zu Beginn der Partie wegen Trainingsrückstand auf der Bank sass. «Kaum war er drin, wurden unsere Spieler unsicher», sagt Wohlen-Trainer Daniel Lehmann.
Am Ende ist ein Goalie der Held der Partie, aber nicht Rudi. Wipf hat am Ende eine Abwehrquote von 60 Prozent, während Rudi am Ende nur noch bei 34 Prozent ist. Mit Wipf wird auch die Murianer Abwehr sicherer. Allen voran die Abwehrhünen Jerome Zucker und Lukas Schwenkfelder. «Irgendwann haben wir versucht, über die beiden drüberzuschiessen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit», fasst Rudi die zunehmende Verzweiflung seiner Vorderleute zusammen. Kommen die Gastgeber an den beiden Türmen irgendwie vorbei, ist Goalie Wipf zur Stelle.
Auf die Routiniers angewiesen
Wohlen fehlen die Routiniers Stierli und Galliker. «Besonders in den Situationen in Unterzahl wären sie wichtige Optionen gewesen», sagt Lehmann. Mit Adrian Studerus und Manuel Frey auf dem Feld und Sascha Rudi im Tor sind Routiniers da, doch das reicht nicht. Je länger das Spiel dauert, desto stärker bricht auch die Abwehr der Hausherren ein. Bei Rudi läuft es nicht mehr. Er wechselt sich selbst aus. Mit ihm geht der letzte Funke Leidenschaft und Feuer vom Platz. Die Wohler zeigen sich fahrig und ohne Disziplin.
Auffällig: Wohlen ist zu abhängig von den Routiniers. Und das seit Jahren. Diese sollen durch Talente ersetzt werden. Das grösste Wohler Talent, Simon Eser, spielt wenige Minuten gegen Muri. Er sorgt gleich für Wirbel, erzielt sofort ein Tor. Trotzdem wird er von Trainer Lehmann wieder vom Platz genommen. «Er war im Militär und ist noch nicht bei seiner alten Leistungsstärke», erklärt Lehmann die geringe Einsatzzeit. «Ausserdem war er zuletzt häufig angeschlagen.»
Muri clever, Wohlen mit Sorgen
Wird ein Sieben-Meter gegen die Gastgeber gepfiffen, ist bei den Klosterdörflern das 17-jährige Talent Noel Angehrn zu Stelle. Sieben Tore erzielt er. Sechs vom Penalty-Punkt. Im restlichen Spiel teilen sich die Murianer das Tore-Schiessen auf und kompensieren so den fehlenden Femiano. Der TV Muri ist zu eingespielt, zu souverän, zu abgebrüht für die wackligen Wohler. Das Spiel nimmt seinen Lauf. Aus der 12:11-Führung für Wohlen wird ein 12:14-Rückstand, dann ein 15:20, ein 16:22 und zuletzt das 20:26. Muri siegt. Schon wieder.
Bruggmann blickt der Abstiegsrunde positiv entgegen: «Wenn alle Faktoren stimmen, sollten wir die Klasse halten können», so der Muri-Trainer. «Wir müssen aber diszipliniert bleiben.»
Grösser sind die Sorgenfalten bei Lehmann. «Wir hatten diese Saison in jedem Spiel mindestens zehn Minuten, in denen wir nicht schlecht, sondern sehr schlecht waren», so der Wohlen-Trainer. «Wir kriegen das nicht abgestellt. Ausserdem fehlen uns Spieler im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Zwischen den Routiniers und den Talenten klafft eine Lücke. Das wird jetzt und in der nächsten Saison ein Problem.»
Ein sehr grosses Problem sogar. Denn spielt Wohlen in der Abstiegsrunde so wie im Derby gegen Muri, sind sie definitiv ein Abstiegskandidat.




