Träne des Glücks
08.11.2019 RingenNach über drei Jahren gibt Stephan Strebel ein besonderes Comeback bei der RS Freiamt
Vor über drei Jahren schrammte Stephan Strebel am Tod vorbei. Nach einem Arbeitsunfall liegt er wochenlang im Koma. Was damals niemand für möglich gehalten hat, ist am ...
Nach über drei Jahren gibt Stephan Strebel ein besonderes Comeback bei der RS Freiamt
Vor über drei Jahren schrammte Stephan Strebel am Tod vorbei. Nach einem Arbeitsunfall liegt er wochenlang im Koma. Was damals niemand für möglich gehalten hat, ist am letzten Samstag geschehen: Strebel gab sein Comeback auf der Ringermatte. «Es war viel mehr als nur ein Kampf», sagt der Aristauer.
Stefan Sprenger
«Wie in einem Film», beschreibt Stephan Strebel den vergangenen Samstag. Die Zuschauer in der Bachmattenhalle stehen auf, viele haben wässrige Augen. Sie applaudieren und hören kaum damit auf. Es ist ein besonderer Augenblick. Auf der Ringermatte steht Stephan Strebel. Viele Emotionen bewegen ihn. Seinen Kampf gegen Raphael Bättig hat er gewonnen. «Ich bin stolz», sagt der 33-Jährige. Denn er hat in diesem Moment mehr als nur einen Ring-Kampf gewonnen. Es ist ein kleines Wunder, was hier gerade abgeht.
Aus Koma zurückgekämpft
Rückblick. 1. Juli 2016. Stephan Strebel hat einen Arbeitsunfall. Der Zimmermann fällt aus vier Metern Höhe vom Dach. Er erleidet schwere Kopfverletzungen. Ein Helikopter fliegt ihn ins Spital. Von da an ist alles anders. Strebel wird ins künstliche Koma versetzt. Diagnose: Schweres Schädel-Hirn-Trauma. Aufgrund des Drucks auf das Gehirn muss die Schädeldecke geöffnet werden. Er blieb im künstlichen Koma. Tage. Wochen. Die Ärzte sagen, er könne sterben oder zum Pflegefall werden. Fast einen Monat schläft er. Als er aufwacht, kann er nicht mehr sprechen und hat Lähmungserscheinungen. Doch der Kämpfer Stephan Strebel gibt nicht auf.
Etwas, was ihm immer Kraft gibt, ist der Sport. Strebel entstammt einer Ringerfamilie, lebt in einer Ringerregion und hatte fast ausschliesslich Ringerfreunde. Sein Bruder Pascal Strebel war 2012 an den Olympischen Spielen und ist das Aushängeschild der RS Freiamt. Stephan Strebel selber wurde 2005 Schweizer Junioren-Meister im «Greco». Der Vollblut-Ringer kämpfte für das NLA-Team der RS Freiamt. Das Ringen ist für ihn mehr als nur Sport. Es ist eine Lebenseinstellung.
Bruder und Trainer helfen vom Mattenrand
Durch den Unfall scheint die Ringer-Karriere beendet. Ein Comeback von Stephan Strebel auf der Matte, daran glaubte niemand so wirklich. Ausser er selber. «Ich wollte beweisen, dass ich es noch kann», sagt er. Und er kann es noch. Am vergangenen Samstag, beim letzten Kampf der zweiten Mannschaft der RS Freiamt in der 1. Liga, steht er im Duell der Kategorie 70 kg Greco auf der Matte. Er hat nicht vielen Menschen von seiner Rückkehr aufs Ringer-Parkett erzählt. Trotzdem ist die Unterstützung riesig. Am Mattenrand stehen sein Bruder Pascal Strebel und Trainer Ivan Kron. «Er machte einen guten Kampf. Er hat seine Stärken beibehalten und dem Gegner seinen Stil aufgezwungen», so der stolze Bruder Pascal. Stephan Strebel war froh um die Hilfe von aussen. «Es ist mir prima gelaufen», sagt er. Doch während des Kampfes ging ihm die Luft etwas aus. «Ich hörte dann nur noch auf die Anweisungen von Pasci und Ivan.»
Mit Erfolg. Er gewinnt mit 12:2. Und das, obwohl ihn zusätzlich Hüftprobleme plagten. Trotz der 3:1-Mannschaftspunkte von Strebel verlieren die Freiämter mit 13:19 gegen Hergiswil. Das spielt aber absolut keine Rolle. Denn was während und nach seinem Kampf in der Halle abging, wäre bester Stoff für einen Hollywood-Film. «Die Leute haben ihn mega unterstützt und es gab Standing Ovations», sagt Bruder Pascal Strebel. Die Ringer-Fans in der Bachmatten-Halle realisieren, dass gerade Grosses geschieht. Nach über drei Jahren ringt Stephan Strebel wieder. Ein Comeback, das ihm enorm viel bedeutet. «Es hat mich sehr berührt, wie die Leute mich unterstützt haben. Ich hatte Hühnerhaut.» Nach dem Kampf gibt es viele Gratulationen und die Ringer zollen ihm grossen Respekt für seine Leistung.
Ein heftiger Unfall und wochenlanges Koma. Strebel konnte nicht mehr sprechen, hatte Lähmungserscheinungen. Dazu Komplikationen im Jahr danach. Er meisterte alle diese Hürden (und noch viele mehr) und kämpfte sich zurück auf die Ringermatte. Zweimal pro Woche ging er zuletzt ins Ringer-Training, dazu morgendliches Training mit Hündin Qara. Oft machte er die Ringer-Einheiten nicht bis zum Ende mit, da er schneller müde wird als früher. «Von nichts kommt nichts», sagt Strebel lachend. Nach seinem Comeback am späten Nachmittag strahlte er stundenlang. Am Abend war er aber so müde, dass er beim NLA-Match zwischen Freiamt und Kriessern nicht mehr dabei sein konnte.
Macht er weiter?
«Ich habe mir ein Ziel gesetzt und das habe ich nun erreicht», sagt er. Und nun will er noch mehr? Strebel, der in Nottwil ein Praktikum zum Reha-Techniker absolviert, meint: «Je nachdem, wie meine Hüfte mitmacht.» Wer ihn und seine Leidenschaft zu diesem Sport kennt, der weiss, dass ihn kaum etwas stoppen kann.
Nach seinem Kampf wird er gefeiert. Die Fans machen eine Welle. Strebel feiert mit riesigem Lachen mit. Die Emotionen sind riesig, die Stimmung elektrisierend. Eine Träne kullert Stephan Strebel die Wange hinunter. «Eine Träne des Glücks», sagt er. Es ist die Träne eines riesigen Kämpfers und eines Sportlers, der niemals aufgibt und ein sagenhaftes Comeback schaffte.


