Der König auf Sand
19.11.2019 SportBeachsoccer: Der Freiämter Dejan Stankovic startet mit der Schweiz an der Weltmeisterschaft in Paraguay
Der Boswiler Dejan Stankovic steht mit der Schweiz vor seiner fünften Beachsoccer-WM. Vor zehn Jahren hat er das Team zum Vize-Weltmeister-Titel geschossen und ...
Beachsoccer: Der Freiämter Dejan Stankovic startet mit der Schweiz an der Weltmeisterschaft in Paraguay
Der Boswiler Dejan Stankovic steht mit der Schweiz vor seiner fünften Beachsoccer-WM. Vor zehn Jahren hat er das Team zum Vize-Weltmeister-Titel geschossen und geholfen, die Sportart weltweit bekannter zu machen. Diese Zeitung hat mit fünf Weggefährten der Beachsoccer-Koryphäe gesprochen.
Josip Lasic
Es wird ein kleines Jubiläum, wenn die Schweiz übermorgen Donnerstag ihr erstes Spiel an der Beachsoccer-WM in Paraguay bestreitet. Am 21. November, 21.50 Uhr, spielt das Team gegen die USA. Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren, am 22. November 2009, wurde die Schweiz in Dubai Vize-Weltmeister. Diesen Erfolg verdankt die Schweiz einem Mann: Dejan Stankovic aus Boswil.
Nationaltrainer Angelo Schirinzi erzählt: «Er hat uns im Alleingang in den Final geschossen.» Nach der 5:10-Niederlage gegen Brasilien sind die Schweizer enttäuscht. Für Trost sorgt Stankovic. «Dejan wurde als Torschützenkönig ausgerufen. Ich hatte Tränen in den Augen», so der Nati-Trainer. Plötzlich ertönt der Name des Boswilers erneut. Stankovic wird auch zum besten Spieler des Turniers gewählt. Alle Dämme brechen. «Wir haben geweint wie kleine Kinder», sagt Schirinzi und erklärt: «Wir waren eine verschworene Einheit. Im Vergleich mit Teams wie Brasilien, die komplett aus Profis bestehen, waren wir aber eine Durchschnittstruppe. Dann kommt Stankovic und macht unsere Träume wahr.»
In einer Reihe mit Éric Cantona
Es ist vielleicht der grösste Erfolg in der Karriere von Dejan Stankovic. Davon hat der 34-jährige Freiämter unzählige gesammelt. Stankovic spielt in der Türkei, der Schweiz, Russland, Italien, Polen, der Ukraine und Spanien. Er gewinnt zahlreiche Turniere und individuelle Auszeichnungen.
Jetzt hat es Stankovic in den Beachsoccer-Olymp geschafft. Die Fussballzeitschrift «France Football» nennt zehn Legenden des Beachsoccers. Darunter sind Leute wie Alessandro Altobelli, der 1982 auf Rasen mit Italien Weltmeister geworden ist, oder der Franzose Éric Cantona, der bei Manchester United berühmt wurde. Die Nummer 1 auf der Liste ist der Portugiese Madjer. Schirinzi sagt: «Ich gehe davon aus, dass die Liste nicht hierarchisch geordnet ist», so der Nati-Trainer. Auch Éric Cantona (4.) wird vor Stankovic (6.) geführt. «Dejan müsste eindeutig die Nummer 1 sein. Cantona hat mit seinem Namen auf Beachsoccer aufmerksam gemacht. Dejan hat aber in seinem kleinen linken Zeh mehr Beachsoccer-Talent als der Franzose.»
Die Fussballverrückten aus Boswil
Sasa Stankovic ist der Cousin von Dejan und ein bekannter Name im Freiämter Fussball. Zuletzt hat er bis Anfang September die U23 des FC Wohlen trainiert, davor jahrelang den FC Dottikon. «Für Dejan gab es immer nur Fussball. Zu Juniorenzeiten hatte er oft am Samstag ein Turnier. Am Abend war er müde und angeschlagen und hat am Sonntag trotzdem wieder gespielt.»
Der 37-jährige Sasa ist drei Jahre älter als Dejan. Ihre ersten Lebensjahre wachsen die beiden gemeinsam in Serbien auf, danach im gleichen Block in Boswil. «Dejan war wie ein kleiner Bruder für mich», sagt Sasa. «Wir sind die fussballverrücktesten Mitglieder der Familie.» Die ehemaligen FC-Muri-Junioren kratzen beide am Profi-Fussball. Sasa Stankovic erhält bei Wohlen eine Chance in der Challenge League, Dejan in Winterthur. «Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt», so Sasa Stankovic. «Dejan war aber der feinere Fussballer. Ich habe viel mit Willen und Kampfgeist kompensiert. Er hat alles, was man im Fussball benötigt. Technik, Übersicht, Spielintelligenz.»
Die Familie Stankovic ist stolz auf ihren Beachsoccer-König. «Ich erinnere mich, wie ihn sein Vater nach der WM 2009 vom Flughafen abgeholt hat. Wir haben eine Hütte gemietet und ein Familienfest gefeiert.» Vor einigen Wochen treffen sich die Cousins erneut an einem Familienfest. «‹Deki›, wie wir ihn nennen, hat sich trotz seinem Erfolg nie verändert. Er ist hilfsbereit geblieben, bescheiden, ein Mensch, mit dem man gern Zeit verbringt.»
Die Anfänge auf Sand
Jean-Claude Michel ist Sasas ehemaliger Juniorentrainer beim FC Wohlen. Er gründet mit zwei Kollegen den Beachsoccer-Club «Secondos». Über Sasa kommt Dejan Stankovic zum Team. An einem Turnier in Arlesheim, am Standort, wo heute die Schweizer Beachsoccer-Nati trainiert, schiesst Stankovic die «Secondos» zum Sieg. «Er war still», so Michel. «Dejan liess seine Leistungen sprechen.» Angelo Schirinzi ist beim Turniersieg der «Secondos» vor Ort und holt den Boswiler zur Nati.
2005 feiert Dejan Stankovic sein Debüt im Nationaltrikot. Bis heute hat er 335 Mal für die Schweiz gespielt. Nur Moritz Jäggy (351) und Angelo Schirinzi selbst (354) waren häufiger in der Nati im Einsatz. 2005 wird Stankovic mit der Schweiz Europameister.
Der Wegbereiter für den Sport
Ab der WM 2009 wird Stankovics Ruf immer grösser. Er sorgt dafür, dass der Sport grösser wird. 2011 ist er einer der Gründer der Beachsoccer-Abteilung der Grasshoppers Zürich. Bis 2018 ist er im Verein tätig. Zuletzt als Spieler, Trainer und Präsident in Personalunion. Stankovic spielt gleichzeitig für Vereine in verschiedenen Ländern. Darunter für grosse Namen wie Barcelona oder Lokomotive Moskau. Der Wohler Tobias Weber ist die letzten zwei Jahre Co-Trainer von Stankovic bei GC. «Er ist ständig am Handy», erzählt Weber lachend. «Turniere in diversen Ländern und mit diversen Teams, dazu ein Job und eine Familie, das braucht Organisation», so Weber. «Deshalb wurde ich Co-Trainer. Dejan hat jemanden gebraucht, der bei GC die Leitung hat, wenn er im Ausland ist.»
2016 findet die Beachsoccer-EM in Serbien statt. Der in Belgrad geborene Stankovic ist Botschafter des Turniers. Er will mithelfen, den Sport im Land seiner Eltern zu pushen. Durch den Sport wird Stankovic im Ausland bekannt. Serbische Zeitungen berichten über ihn. Wenn die Nati in Russland ist, wollen Fans regelmässig Fotos mit dem Freiämter.
Auch menschlich eine Legende
Der Tägliger Sandro Spaccarotella hat mit Stankovic bereits bei Muri gespielt. «Spacca» hat 311 Länderspiele neben dem Boswiler bestritten. «Wir sind auf Reisen immer Zimmergenossen», erzählt «Spacca». Er war Captain bei GC unter Stankovic und ist dessen Nachfolger als Trainer geworden. «Wir haben uns zeitweise häufiger gesehen als unsere Familien», sagt der Tägliger lachend. «Im Spiel ist Dejan anders als im Alltag. Sehr ambitioniert, sehr ehrgeizig. Neben dem Platz ist er ein herzlicher, offener und unternehmungslustiger Mensch.» Tobias Weber: «Man merkt, dass Dejan Familienvater ist. Wenn ich aus familiären Gründen mal nicht ins Training kommen konnte, hatte er immer Verständnis.»
Der linke Fuss, dem der Untergrund egal ist
2016 hilft Dejan beim FC Dottikon auf Rasen aus, weil sein Cousin Sasa dort Trainer ist. «Wenn er in der Schweiz war und Zeit hatte, kam er in Dottikon kurzfristig ins Training. Er war jeweils sofort im Team integriert. Das ist sein Wesen», sagt Sasa Stankovic. Mit seinem Cousin und Tobias Weber spielt er 2014 auch in der Halle bei Futsal Wohlen und schiesst das Team aus der Nationalliga B in die Nationalliga A. Egal ob Rasen, Sand oder Halle, Stankovic ist ein Torgarant.
Technik, Spielintelligenz, geschickter Einsatz seines 1,87 m grossen und 87 kg schweren Körpers. All das sind Stärken, die ihm zugeschrieben werden. Seine grösste Waffe ist allerdings sein linker Fuss, mit dem er unabhängig vom Belag mehrere Spiele entscheidet. Sandro Spaccarotella erzählt vom Cup-Halbfinal 2018 mit GC Beachsoccer. «Wir lagen hoffnungslos mit 1:6 zurück. Dann hat Dejan losgelegt», berichtet «Spacca». Der Boswiler haut mit seinem linken Fuss einen Freistoss nach dem nächsten rein. Spacca: «Er hat das Spiel mit seinem linken Hammer gedreht und uns in den Final geschossen.»
Angelo Schirinzi ist stolz, dass er einen Teil zu Stankovics Karriere beitragen konnte. «Mit etwas Glück hätte er es auch auf dem Rasen schaffen können», so Schirinzi. «Der richtige Trainer zur richtigen Zeit, der ihn fördert, und aus Dejan wäre ein grosser Fussballer geworden.» Sasa Stankovic teilt diese Meinung. Nur Jean-Claude Michel ist skeptisch, ob Dejan Stankovic der richtige Mann für Rasenfussball gewesen wäre. Michel: «Dafür ist er der absolute König auf dem Sand. Ich denke, dass ihm das reicht.»
Die WM in Paraguay
Übermorgen Donnerstag startet die WM in Paraguay. Die Gruppengegner der Schweiz sind die USA, Japan und der Gastgeber. Neben Dejan Stankovic und Sandro Spaccarotella ist mit dem Dottiker Jan Ostgen ein weiterer Freiämter im Kader von Nationaltrainer Angelo Schirinzi. Schirinzi und «Spacca» sehen die Schweiz hinter Topfavorit Brasilien unter sechs Teams, die ungefähr auf Augenhöhe sind. «Aber auch Brasilien ist schlagbar», so Schirinzi. «Was mich besonders freut, ist, dass das SRF zwei Spiele live überträgt», sagt der Nati-Trainer. Schirinzi: «Zu dieser Wertschätzung der Sportart hat Dejan sicher beigetragen.» --jl




