Aufregende Vorzeichen
22.11.2019 RingenAm Samstag (20 Uhr) wird die Bachmattenhalle in Muri beben. Die Ringerstaffel Freiamt empfängt im Halbfinal-Hinkampf der NLA-Meisterschaft Kriessern zu einem ausgeglichenen Duell. Ein Favorit ist nicht auszumachen. Die Tagesform wird entscheiden. Die Freiämter wollen mit den starken ...
Am Samstag (20 Uhr) wird die Bachmattenhalle in Muri beben. Die Ringerstaffel Freiamt empfängt im Halbfinal-Hinkampf der NLA-Meisterschaft Kriessern zu einem ausgeglichenen Duell. Ein Favorit ist nicht auszumachen. Die Tagesform wird entscheiden. Die Freiämter wollen mit den starken Fans im Rücken eine optimale Ausgangslage schaffen für den Rückkampf am 30. November in Kriessern. --red
Leutert und ein Dutzend Themen
Ringen, NLA: RS-Freiamt-Trainer Marcel Leutert vor dem Halbfinal gegen Kriessern (Sa, 20 Uhr)
Ein Trainer mit Charme, Härte und Coolness: Marcel Leutert. Vor dem ersten Halbfinal-Kampf zu Hause gegen Kriessern spricht er über zwölf Themen, die vor dem heissen Duell unter den Ringernägeln brennen.
Stefan Sprenger
Endlich geht es los. Das Qualifikations-Geplänkel ist vorbei. Es geht um die Ringer-Wurst. Was ist die wichtigste Geschichte vor dem Duell zwischen der Ringerstaffel Freiamt und Kriessern? Marcel Leutert, Trainer der Freiämter, sitzt im Restaurant Huwyler in Merenschwand. Beim Gespräch wird er immer wieder abgelenkt von Leuten, die ihn begrüssen, ihm viel Glück wünschen für Samstag. Leutert nennt einen für ihn sehr wichtigen Aspekt: die Freude. Das erste Thema, über das geredet wird. «Es herrscht eine riesige Vorfreude. Bei den Fans, bei uns Ringern. Und das ist auch elementar. Wir müssen mit Freude ran, ohne Druck.»
Der Schlüsselkampf, die Zwillinge, Pascal Strebel
Thema Nummer 2: der Schlüsselkampf. Randy Vock gegen Dominik Laritz. Das junge Mega-Talent aus Kriessern hat im letzten Duell vor rund drei Wochen EM-Bronzegewinner Randy Vock geschlagen. Leutert: «Es gibt Gegner, die liegen dir nicht. Bei Randy heisst dieser Gegner Laritz.» Doch die Pleite gab Erkenntnisse. «Randy ist bereit», sagt «Marsi» zuversichtlich.
Thema Nummer 3: die beiden Zwillinge des Trainers. Nils und Nino, beide 20 Jahre jung. Nino ist gerade in der Rekrutenschule, in der Sport-RS, die ersten drei Wochen Grundausbildung hat er hinter sich, er trainiert viel. «Er hat Freude, ist sehr fit», sagt Papa Marcel Leutert. Und Nils? Er plagt sich mit Verletzungen rum. Sein Einsatz am Samstag ist fraglich.
Thema Nummer 4 – wenn wir schon bei den Verletzten sind – heisst Pascal Strebel. Der Olympionike, das Aushängeschild, er ist seit Wochen verletzt. Ringt er am Samstag? Leutert sagt: «Wir schauen.»
Die Siegesringer, der Knall-Effekt und die Frau
Weiter im Text. Thema Nummer 5: Die Ringer, von denen man ganz sicher einen Sieg erwartet am Samstag. Marc Weber beispielsweise. «Der hat viel Selbstvertrauen, einen starken Lauf. Er wurde ein Tier», so Leutert. Auch dazu gehört Michael Bucher oder Roman Zurfluh. Die «guten Rössli im Stall», nennt Leutert diese. Und schiebt gleich nach: «Doch eigentlich habe ich nur gute Rössli.»
Thema Nummer 6: In einem Halbfinal auch immer wichtig sind überraschende Aktionen mit Knall-Effekt. Leutert weiss: «Kriessern ist für Überraschungen gut. Wir aber auch.» Natürlich lässt er sich nicht in die Karten blicken. Einen solch grossen Knall-Effekt hätte beispielsweise Magomed Aischkanow, der Russe, der ab und an für die RS Freiamt im Einsatz steht. Doch dieser sitzt in Russland fest und darf nicht in die Schweiz einreisen. «Er wäre eine Waffe. Aber er wird es auf den Halbfinal nicht schaffen», meint Leutert. Sind weitere Überraschungen möglich? «Nein, ich glaube nicht.» Sein Lachen verrät aber: Da ist noch was.
Die Herkunft, der Rütihof, der Tagesablauf
Thema Nummer 7: Wir kommen auf die persönliche Schiene. Leutert, von 2006 bis 2012 schon mal Trainer der RS Freiamt, ist seit dieser Saison wieder der Chef. Wie findet eigentlich seine Frau den Fakt, dass er so viel fürs Ringen weg ist? Etwas überrumpelt von der Frage antwortet «Marsi» ganz Gentleman: «Sie unterstützt mich riesig. Sie ist an jedem Kampf dabei und ist ein riesiger Fan.» Natürlich supportet sie auch die beiden gemeinsamen Söhne enorm.
Bei diesem Thema kommt ein spannender Fakt ans Licht. Thema Nummer 8: Marcel Leutert, Trainer der Ringerstaffel Freiamt, er ist eigentlich ein Zürcher. In Ottenbach geboren, in Ottenbach zu Hause, «und ich werde wohl auch für immer da bleiben», meint er. Ein Zürcher trainiert die Freiämter, gibt das nicht oft Sticheleien und blöde Sprüche? «Nein, gar nicht. Ich bin schon seit ich ein Kind bin total Richtung Freiamt orientiert.»
Er lebt mit der Familie auf dem Rütihof in Ottenbach. Thema Nummer 9: Der Maschinist betreut gleichzeitig noch einen Bauernhof. Tiere haben sie keine mehr. Momentan aktuell auf dem Bio-Hof: Getreide, Zuckermais, Erbsen, Bohnen.
Auf dem Hof wird er auch am Samstag sein, wenn die Spannung langsam steigt. Thema Nummer 10: sein Tagesablauf am Kampftag. «Ich werde am Hof etwas rumwerkeln», sagt er lachend. Das beruhige ihn. Am Nachmittag gehts in die Murianer Bachmattenhalle, wo er mit dem ganzen Team aufstellt für den grossen Fight am Abend. Das dauert rund 1,5 Stunden. Um 18 Uhr geht es in die Garderobe zum Wiegen. Er selbst könnte mit seinen 92 kg in der Gewichtsklasse bis 97 kg antreten. «Lieber nicht», meint er dazu lachend. Nach dem Wiegen tigert er in der Halle rum. Er spricht mit seinem Staff, mit Freistil-Coach Reto Gisler, mit Greco-Coach Andrey Maltsev. «Mein Staff ist absolut top. Das ganze RS-Freiamt-Umfeld ist grandios», sagt Leutert dazu. Dann gehts in die heisse Phase. «Irgendwann werde ich nervös. Dann weiss ich: Jetzt gehts dann los.» Um 19 Uhr wird die Liste abgegeben mit den definitiven Einteilungen der Ringer. Dann ist fertig spekuliert und alle Karten sind auf dem Tisch. «Eine spezielle Stunde, die ewig dauert», meint Marcel Leutert.
Der Kampf und die Chancen
Um 20 Uhr startet im Hexenkessel Bachmatten der Halbfinal gegen Kriessern. Auf diesen Zeitpunkt wartet man das ganze Ringerjahr. Thema Nummer 11: Endlich geht es los, der Kampf gegen Kriessern, der mit Spannung erwartet wird. In seinem eingezäunten Trainerbereich wird er versuchen, nicht zu extreme Emotionen zu versprühen. «Wenn ich zu heftig reingehe, dann helfe ich dem Team nicht.»
Zwischen 20 und 22 Uhr wird es dann auf der Matte abgehen. Thema Nummer 12: Die Final-Chancen der Freiämter, wie stehen sie? Leutert gibt sich diplomatisch und cool: «50 zu 50. Wenn jeder Ringer alles gibt, dann können wir uns nichts vorwerfen und sind zufrieden.» Ob das reicht gegen die Ringerstaffel aus Kriessern: «Wir werden sehen.» Sein Lächeln sprüht jedenfalls grosse Zuversicht und Coolness aus.
Bitte nicht wie im Vorjahr
Die RS Freiamt erlebt im letztjährigen Halbfinal die «Schmach von Kriessern»
Die RS Freiamt traf bereits im Vorjahr im Halbfinal auf Kriessern. Ambitioniert angetreten, waren die Freiämter nach dem Hinkampf bereits ausgeschieden.
Vor einem Jahr lief für die RS Freiamt im Duell gegen Kriessern so gut wie alles schief, was nur möglich war. Der Hinkampf beginnt denkbar schlecht. Nils Leutert eröffnet gegen Urs Wild. Er bestimmt den Kampf, geht mit 4:0 in Führung und macht einen kleinen Fehler. Routinier Wild nutzt diesen gnadenlos aus. Schultersieg. 4:0 für Kriessern. Es ist der Anfang vom Ende.
Marcel Leutert, der damals noch zum Trainerstab von Adi Bucher gehört, sagt: «Nils hat verloren und die gesamte Mannschaft kam aus dem Konzept.» Im zweiten Kampf ist der Freiämter Adrian Wetzstein klarer Underdog gegen Ramon Betschart. Auch er verliert mit 0:4. Die Freiämter sind mit dem 0:8-Rückstand überfordert. Nino Leutert, Randy Vock, Michael Bucher, Nico Küng, Marc Weber, sie alle verlieren. Nur Reto Gisler, Pascal Strebel und Magomed Aischkanow gewinnen ihre Kämpfe. Sie geben allerdings auch Punkte ab. Am Ende steht es 24:13 für Kriessern. Ein Rückstand, der kaum noch aufzuholen ist.
Ein Unentschieden wie eine Niederlage
Die Freiämter geben im Rückkampf alles. Es reicht aber nicht einmal zum Sieg. 17:17 steht es am Ende. Der damalige Cheftrainer Adi Bucher sagt nach dem Rückkampf: «Wir haben gezeigt, was wir könnten. Schade, dass die Leistung nicht mit einem Sieg belohnt wurde. Das Unentschieden fühlt sich wie eine Niederlage an.» Die Moral zeigt das Team dann in den Kämpfen gegen Einsiedeln, wo es mit zwei ungefährdeten Siegen Bronze holt.
Hoffen, dass man aus den Fehlern lernte
Der Halbfinal gegen Kriessern glich aber einem Debakel, bei dem sich die ganze Mannschaft von einem kleinen Fehler von Nils Leutert komplett aus der Ruhe bringen liess und bitter dafür bestraft wurde. Bleibt für die Freiämter Ringer zu hoffen, dass man aus den Fehlern lernte und es bei der neuerlichen Auflage des Duells mit Kriessern positiver verläuft und so die Finalqualifikation in diesem Jahr gelingt. --jl
NACHGEFRAGT
«Freiamt ist unbere chenbarer als wir»
Hugo Dietsche nahm als Aktiv-Ringer an drei olympischen Spielen, holte 1984 die Bronzemedaille. Der 59-Jährige ist Coach der Ringerstaffel Kriessern, dem letztjährigen Schweizer Meister. Er gilt als Trainerfuchs und ist immer für Überraschungen gut.
Grüezi Herr Dietsche. Haben Sie am Samstag gegen die Ringerstaffel Freiamt Überraschungen bereit?
Hugo Dietsche: (Lacht) Ich denke, wir haben keine. Unsere Ringer sind alle fit und motiviert. Wichtig ist, dass die Einstellung stimmt.
Also haben Sie keinen Ringer, der überraschend auftaucht?
Wenn es so wäre, würde ich es nicht sagen.
Die Ringerstaffel Kriessern ist im Umbruch und hat viele junge Kämpfer im Team. Werden diese auch im Halbfinal gegen Freiamt zum Einsatz kommen oder reaktivieren Sie «alte» Kräfte?
Wir befinden uns in einem Generationenwechsel und setzen konsequent auf junge Ringer. Das wird auch im Halbfinal mehrheitlich so bleiben. Ich werde das Team so aufstellen, wie es am besten passt. Da macht man einige Überlegungen. Diese Gedanken machen auch die Freiämter.
Gibt es einen Schlüsselkampf?
Unser Dominik Laritz gegen Freiamts Randy Vock kommt dem Begriff Schlüsselkampf sicherlich am nächsten. Im Rückkampf noch ein bisschen mehr als jetzt im ersten Duell am Samstag. Das wird eine enge Sache.
Wer ist der Favorit?
Die Freiämter.
Wieso?
Sie sind unberechenbarer als wir. Mit Michael Bucher, Magomed Aischkanow und Pascal Strebel haben sie starke Ringer.
Sie rechnen mit einem Einsatz von Pascal Strebel?
Ja.
Was ist das Ziel von Kriessern?
Im ersten Kampf wollen wir möglichst viele Punkte sammeln. Im Rückkampf am Samstag in einer Woche wollen wir mit den Heimfans den Favoriten bezwingen. Es ist eigentlich eine einfache Rechnung: Wir wollen mehr Punkte machen als der Gegner. Ende Saison wollen wir eine Medaille in unseren Händen halten. --spr
Die letzten fünf Halbfinals
2014: Die RS Freiamt besiegt Willisau im Halbfinal mit 19:17 und 19:14. Im Final folgen zwei Siege gegen Kriessern. Freiamt ist Schweizer Meister. 2015: Mit dem 5. Rang in der Tabelle verpasst die RS Freiamt den Halbfinal. 2016: Im Halbfinal muss die RS Freiamt mit 15:17 und 15:18 zwei knappe Niederlagen gegen Hergiswil hinnehmen. Nach einer 17:19-Niederlage im Hinkampf gewinnen die Freiämter zu Hause mit 23:11 gegen Willisau und holen Bronze.
2017: Mit 14:21 und 17:19 unterliegt die RS Freiamt im Halbfinal zweimal gegen Willisau. Im Kampf um Bronze gibt es zwei ungefährdete Siege gegen Einsiedeln. 2018: Mit 13:24 und 17:17 scheitern die Freiämter an Kriessern. Mit 22:16 und 21:13 wird Einsiedeln auf dem Weg zur Bronzemedaille wieder ungefährdet geschlagen. --jl
Der elfte Mann soll helfen
Ringen, Nationalliga A, Halbfinal-Hinkampf: RS Freiamt – RS Kriessern (Samstag, 20 Uhr, Bachmatten Muri)
Die Ausgangslage prickelnd, die Vorfreude gross, die Ringerstaffel Freiamt empfängt Kriessern zu einem spannenden Duell auf der Ringermatte. Man hofft im Hexenkessel Bachmatten auf laute Fans.
Stefan Sprenger
Euphorie bei den Ringern. 650 Fans kamen zuletzt gegen Willisau in einem bedeutungslosen Kampf. Davor waren es gegen Kriessern 500 Menschen. Im Halbfinal sollen es noch mehr sein. Bis zu 800 Fans werden erwartet, 100 davon aus Kriessern. Der elfte Mann, die Fans der Ringerstaffel Freiamt, sie sollen die Mannschaft zum Sieg pushen.
Vock: «Bin umso motivierter»
«Die Fans im Rücken zu haben, ist für uns enorm wichtig», sagt EM-Bronzemedaillengewinner Randy Vock. Er wird voraussichtlich einen Schlüsselkampf gegen Dominik Laritz bestreiten. Laritz fügte dem Niederwiler Vock die erste und einzige Pleite auf nationaler Ebene in diesem Jahr zu. «Das war ärgerlich, aber irgendwie auch gut», sagt Vock. Der Druck sei nun weg. «Nach dieser Niederlage bin ich umso motivierter. Jetzt erst recht», meint Vock. Der Leistungsträger der Freiämter spricht von einer engen Kiste gegen Kriessern. «Entscheidend ist wohl auch die Tagesform. Alles ist möglich.»
Was ist mit Pascal Strebel?
Ein wichtiger Faktor ist auch, wie die Ringerstaffel Kriessern aufstellt. Dessen Trainer Hugo Dietsche ist immer für eine Überraschung gut. Kriessern gilt in Ringerkreisen als Wundertüte.
So sieht es auch Nicola Küng, Interimspräsident der Freiämter Ringerstaffel. «Es wird ein spitzes Duell. Die Chancen stehen 50 zu 50. Jeder Punkt könnte entscheidend sein», meint Küng und betont, dass die Ostschweizer immer ein Ass im Ärmel haben. «Aber wir vielleicht auch», meint er augenzwinkernd. Nebst den Fans haben die Freiämter ebenfalls einen starken Trainer, der als riesiger Motivator gilt. «Marcel Leutert wird die Jungs heissmachen, das ist sicher», so Küng. Er hebt den Mahnfinger und erinnert an das letztjährige Halbfinal-Duell gegen den späteren Meister Kriessern. «Es kann schnell gehen und man ist aus dem Rennen raus. Das hat sich letztes Jahr gezeigt. Nun wollen wir es besser machen. Wir freuen uns sehr, dass es jetzt endlich losgeht. Volle Kanne Richtung Final.»
Ein Zünglein an der Ringer-Waage könnte Pascal Strebel sein. Ringt er oder ringt er nicht. Die Freiämter geben sich bedeckt – oder sie wissen es selber noch nicht. Strebel meint: «Wir werden sehen», und fügt an: «Wir können um den Sieg mitringen. Es braucht eine Top-Leistung und wir müssen um jeden Punkt kämpfen.» Eine enge Kiste wird es auf der Ringermatte. Eng soll es auch auf den Zuschauerrängen werden. Die Hütte wird voll sein und die Freiämter wollen den Grundstein legen für den Rückkampf in Kriessern in einer Woche. Strebel sagt: «Eine entscheidende Rolle spielen bestimmt unsere Fans. Wir brauchen die Fans, die uns zum Sieg pushen.»





