Flüchtlingen eine Struktur bieten
18.10.2019 BoswilJanine Heer ist in Boswil aufgewachsen und arbeitete in einem Flüchtlingszentrum in Hongkong
Hongkong ist auf der ganzen Welt präsent. Die politischen Unruhen, die Demonstrationen, zunehmend auch die Gewalt. Mittendrin ist die Boswilerin Janine Heer. Ein Jahr ...
Janine Heer ist in Boswil aufgewachsen und arbeitete in einem Flüchtlingszentrum in Hongkong
Hongkong ist auf der ganzen Welt präsent. Die politischen Unruhen, die Demonstrationen, zunehmend auch die Gewalt. Mittendrin ist die Boswilerin Janine Heer. Ein Jahr arbeitete sie in der Metropole. «Es ist alles so ganz anders als in der Schweiz», sagt sie. Was nicht heisst, dass es ihr nicht gefiel.
Annemarie Keusch
Eigentlich stand Hongkong gar nicht auf ihrer Favoritenliste. Also hat Janine Heer das Stelleninserat schnell wieder vergessen. Im Sommer vor einem Jahr schloss sie ihr Wirtschaftsstudium, mit dem Bachelor in Public / Nonprofit Management ab. «Dieser Bereich fasziniert mich seit Jahren. Ich wusste, dass darin meine berufliche Zukunft liegt», sagt Janine Heer. Berufsbegleitend absolvierte sie die Ausbildung und arbeitete dabei bei den sozialen Diensten der Gemeinde Cham. Aber sie wollte mehr, vor allem mehr von der Welt sehen.
Reisen ist seit Jahren die grosse Leidenschaft der 27-Jährigen. Hinzu kommt, dass sie Gutes tun will. Ein Engagement bei einer Hilfsorganisation war darum das, was sie suchte. Nur eben, eigentlich nicht in Hongkong. «Kambodscha, Laos, ein Entwicklungsland eben», nennt sie ihre damaligen Traumdestinationen. Erst als sie zum zweiten Mal über das Praktikumsinserat eines Werks der Entwicklungszusammenarbeit namens «Mission 21» mit Sitz in Basel stolperte, machte sich die Boswilerin intensiver Gedanken. «Hier in Westeuropa weiss man gar nichts davon, dass man im Nordwesten Asiens auf Hilfe angewiesen ist», sagt sie. Schnell war für sie klar: «Ich habe nichts zu verlieren.»
Grosse Gegensätze
Im November letzten Jahres gings los, letzten Samstag nun folgte die Rückkehr in die Schweiz. Ein Kulturschock sei es bei der Ankunft in Hongkong gewesen. Acht Millionen Menschen leben auf der Fläche des Kantons Uri. «Trotzdem gibt es schö- ne Parks, Strände und Wälder. Wer will, ist schnell im Grünen.» Gigantismus und Kapitalismus – es sind die zwei Wörter, die die Stadt laut Janine Heer bestens beschreiben. «Noch nie habe ich eine Gesellschaft erlebt, die mehr auf das Geld fixiert ist als Hongkong-Chinesen.» Trotzdem bezeichnet sie die Stadt als den absoluten Hammer. Die Vielfältigkeit sei riesig – vom Bankenviertel mit dem unglaublichen Geldfluss bis zu lokalen Vierteln mit Märkten und Kartonsammlern. Die Verbindungen im öffentlichen Verkehr seien hervorragend. Aber auch Negatives fällt ihr auf, die Bürokratie zum Beispiel. «Im Vergleich ist die Schweiz direkt heilig, was das betrifft.» Und Hongkong sei ausgesprochen sicher – zumindest war das in ihren ersten Monaten dort der Fall.
Demonstrationen tangieren Arbeit wenig
Ausnahmezustand. Viel mehr kann die junge Boswilerin nicht sagen. «Die letzten Monate brachten ein für Hongkong unerreichtes Ausmass an Gewalt mit sich.» Seit dem 12. Juni habe die Polizei bereits über tausend Tränengaspetarden und über 160 Gummigeschosssalven abgeschossen. «Gewalt geht von beiden Seiten aus, von der Polizei wie von den Demonstrierenden.» Es gebe abscheuliche Bilder, etwa wie Polizisten Demonstrierende verprügeln. Die Macht sei sehr ungleich verteilt. «Die Polizei hat die stärkeren Waffen und die ganze Staatsmacht hinter sich.» Komme hinzu, dass die meisten Menschen Zurückhaltung nicht von den Schwächeren, sondern von der Polizei erwarte.
Das Flüchtlingszentrum, in dem Janine Heer arbeitete, musste einige Male früher schliessen oder blieb ganz geschlossen. Am 1. Oktober, am 70. Geburtstag der Volksrepublik China, kam es in der ganzen Stadt zu Ausschreitungen. «Das gesamte Metronetz war lahmgelegt.» Trotzdem fügt sie hinzu, dass sie sich nach wie vor sehr sicher gefühlt habe. «Man kann die Proteste gut umgehen, muss weder Notvorräte anlegen noch verängstigt zu Hause bleiben.»
Einreise ist ohne Visum möglich
Dass es in Hongkong Flüchtlinge hat, weiss in Europa kaum jemand. Janine Heer klärt auf: «Es ist die dritte grosse Flüchtlingswelle.» Nach der chinesischen Revolution und dem Vietnamkrieg sind es jetzt Flüchtlinge von überall her, die in Hongkong eine bessere Zukunft suchen. Jemen, Ägypten, Russland, Ruanda, Tschad, Sudan, Simbabwe, Indien, Sri Lanka, Pakistan, Somalia – die Liste der Herkunftsländer der Flüchtlinge ist lang. «Man kann ohne Visum einreisen.» Damit erklärt Janine Heer, dass Hongkong ein beliebtes Ziel von Flüchtlingen ist. Diese flüchten aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen, aber auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung.
Einfach sei es aber keinesfalls. «Die Verfahren dauern ellenlang. Sie warten teilweise bis zu 15 Jahren auf ihren definitiven Bescheid. Zudem ist Hongkong keine permanente Lösung, da die Stadt die UN-Flüchtlingskonvention nicht ratifiziert hat», sagt sie. Arbeiten sei den Flüchtlingen in dieser Zeit untersagt. Bis zu 130 000 Flüchtlinge leben in der grossen Stadt. Im Zentrum, in dem Janine Heer arbeitete, sind rund 800 von ihnen Klienten. «Alle leben in eigenen kleinen Wohnungen.» Das Zentrum füllt sämtliche Lücken an Gütern, die von der Regierung nicht zur Verfügung gestellt werden.» Die Organisation gliedere alles in vier Bereiche: Grundbedürfnisse, psychosoziale und mentale Unterstützung, Bildung und Befürwortung und Öffentlichkeitsarbeit.
Freunde, nicht Klienten
Janine Heer organisierte und koordinierte im Zentrum einige der über 45 Programme. «Die Ausbildung ist ein wichtiger Teil. Aber allgemein sorgen wir dafür, dass die Flüchtlinge einen geregelten Tagesablauf haben, wir geben ihnen eine Struktur.» Organisation, Sensibilisierung in der Bevölkerung, Aufklärungsarbeit bei Schulen und an Universitäten, das Koordinieren von Spenden oder das Rekrutieren von Freiwilligen, das seien ihre wichtigsten Aufgaben gewesen. «Es ist sehr abwechslungsreich. Kein Tag ist wie der andere. Die Geschichten der Klienten sind dramatisch und teils kaum fassbar. Es ist berührend, welch grosse Liebe ich von diesen Menschen erhielt.»
Die junge Boswilerin wurde immer wieder eingeladen. Oder beim Abschied wurde ein grosses Fest organisiert. «Ich sehe die Flüchtlinge nicht als Klienten, sondern vielmehr als Freunde. Ich bewundere all diese Menschen, ihre Willensstärke und ihre kämpferische Natur. Für mich sind sie Helden.»
Zurück in der Schweiz möchte sie sich trotzdem lieber im Hintergrund, beziehungsweise auf strategischer Ebene einer Nonprofit-Organisation oder im öffentlichen Bereich betätigen. «So könnte ich das Gelernte des Studiums noch intensiver umsetzen.»
Grosse kulturelle Unterschiede – in vielen Bereichen
Janine Heer fühlte sich wohl in Hongkong. Einmal wöchentlich besuchte sie Yoga-Stunden, sie verbrachte an den Wochenenden viel Zeit in der Natur, ging ins Kino, in den Ausgang, töpferte und lernte Kantonesisch. «Eine äusserst schwierige Sprache, weil sie aus neun Tönen besteht», erklärt sie. Alles andere als einfach sei auch die Wohnsituation gewesen. In den ersten sechs Monaten teilte sie sich mit zwei weiteren Mieterinnen eine Wohnung. Ihr Zimmer war sechs Quadratmeter «gross». In der zweiten Hälfte wohnte sie in einer Dachwohnung. «Die Sicht über die ganze Stadt war ein Highlight.» Trotzdem, der Platzmangel sei erschreckend. «Und es kommen immer mehr Leute dazu, die Stadt wächst. Eine Besserung ist also nicht in Sicht.»
Es sind die markanten Unterschiede, die Janine Heers Vorfreude auf die Heimat steigerten. Etwa, dass die Hongkonger alles andere als ein freundliches Volk seien. «Auf ein ‹Guten Morgen› kommt keine Antwort. Das ist hier völlig normal.» Aber es ist der interkulturelle Austausch, der ihr gefällt und der sie solche Unterschiede auch akzeptieren lässt. Darum ist für sie klar: Es wird nicht der letzte längere Aufenthalt im Ausland gewesen sein. Und ein Besuch in Hongkong im nächsten Jahr ist schon in Planung.



