Unglaublicher Fehlschuss
10.09.2019 SportFussball, 1. Liga classic: Schötz – FC Wohlen 2:1 (0:1)
Der FC Wohlen zeigt zwei Gesichter in Schötz. 1. Halbzeit: souverän, wach, wirblig. 2. Halbzeit: anfällig, müde, ineffizient. Und als grosses Schluss-Bouquet gibt es einen Fehlschuss, wie ...
Fussball, 1. Liga classic: Schötz – FC Wohlen 2:1 (0:1)
Der FC Wohlen zeigt zwei Gesichter in Schötz. 1. Halbzeit: souverän, wach, wirblig. 2. Halbzeit: anfällig, müde, ineffizient. Und als grosses Schluss-Bouquet gibt es einen Fehlschuss, wie man ihn nur selten zu sehen kriegt.
Stefan Sprenger
Da kann man sich nur durch die Haare fahren und ungläubig schauen. «Ich glaube, ich hatte einfach zu viel Zeit», sagt Davide Giampà. Der Stürmer des FC Wohlen verhaute in der 89. Minute eine sogenannte hundertprozentige Torchance. Doch dieser Fehlschuss war anders, es war eigentlich unmöglich, ihn nicht reinzumachen. Und so verliert der FC Wohlen 1:2 und holt keine Punkte.
Vom Superhelden zum Angsthasen
Vor rund 300 Zuschauern läuft es im ersten Durchgang eigentlich nur dem FC Wohlen rund. Schötz hat grossen Respekt und kaum Mut für die Offensive. Wohlen powert. Vor allem die rechte Seite ist sackstark. Gianluca Calbucci ist nur mit Fouls zu stoppen. Und Nicolas Künzli ist für seine 19 Jahre unheimlich abgeklärt. Nach 30 Minuten erobert eben jener Künzli mit Wachsamkeit den Ball. Seine Hereingabe in die Mitte ist perfekt. Ronny Minkwitz kommt frei zum Abschluss. Der Goalie pariert. Giampà staubt ab. 1:0 für Wohlen. Der gerechte Lohn für einen FC Wohlen, der defensiv stabil auftritt und offensiv wirbelt. Schötz findet nur ganz selten ein Mittel. Einzig kurz vor dem Seitenwechsel wird es brenzlig, doch Künzli rettet auf der Linie.
In der Pause verwandelt sich der FC Wohlen von einem mutigen Superhelden in einen ängstlichen Hasen. Zumindest eine Viertelstunde lang. 49. Minute: FCW-Goalie Olivier Joos reisst im Duell Mann gegen Mann den Schötz-Stürmer von den Beinen. «Ein klarer Penalty», sagt Joos, der Gelb kassiert für seine Attacke. «Er hat mich schön umspielt und ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich lasse ihn gewähren und er trifft ins leere Tor oder ich habe noch eine zweite Chance, wenn ich den Penalty halte», sagt der Torwart weiter. Labinot Aziri, vier Tore in vier Spielen, hämmert den Ball diskussionslos rein. 1:1.
Wenn der Goalie einfach stehen bleibt
Auf dem Fussballplatz Wissenhusen in Schötz, wo das Eintrittshäuschen eine alte Gondel-Kabine ist und man das Fussballspiel direkt aus der Stadionbeiz anschauen kann, dreht nun der Spielwind. Das Heimteam ist am Drücker. 59. Minute: Wiederum ist es der Kosovare Labinot Aziri, der nach einem Stellungsfehler der Wohler Abwehr eiskalt trifft. Sein 6. Saisontor. Dem FC Schötz genügen 15 Minuten, um die Partie zu kippen.
Und die Wohler? Die Absenzen von Vilson Doda (verletzt), Stefano Geri (gesperrt) und weiteren Akteuren scheint schwer zu wiegen. Doch die Freiämter können sich wieder fangen. Das Spiel wird nun hektisch und ruppig. Auch, weil der bis dahin souveränen Schiedsrichterin Esther Staubli das Spiel nun phasenweise aus den Händen gleitet. Der FCW probiert viel, doch man scheitert vor dem Tor.
Und dann folgt die besagte 89. Minute. Eckball Minkwitz. In der Mitte wird Esat Balaj an den Boden gezerrt. Schiedsrichterin Staubli gibt Elfmeter. Davide Giampà nimmt sich selbstbewusst den Ball. Er will sein 7. Saisontor erzielen. «Ich fühlte mich sicher, deswegen nahm ich den Ball sofort», so der 26-Jährige. Sein Plan: Er will die Kugel unter die Latte zimmern. «In 99 Prozent der Fälle springt der Goalie in eine Ecke», so Giampà. Doch Schötz-Goalie Dominic Stadelmann bleibt einfach stehen, lenkt den Ball mit den Fingerspitzen an die Latte. Der Abpraller landet direkt bei Giampà. Mit der Brust legt er sich den Ball auf den rechten Fuss und schafft dann einen Fehlschuss, wie es ihn nur selten zu sehen gibt. Aus zwei Metern Distanz knallt er per Vollspann über die Latte. «Der geht auf mich», sagt Giampà klar.
Für ihn war die Partie in Schötz sinnbildlich für viele Situation in der bisherigen Saison. «Wir betreiben einen riesigen Aufwand, um zu Chancen zu kommen. Wir spielen zwar schön, aber kommen zu selten vor das Tor. Und in der Defensive kommt unser Gegner viel zu einfach zu gefährlichen Aktionen. Vielleicht ist das ein Zeichen, dass diese Saison kein Selbstläufer wird.»
«Etwas glücklicher Sieg»
Vor dem Cupspiel gegen das Super-League-Team aus Luzern (Sonntag, 16 Uhr) tut dies der Mannschaft vielleicht gut. «Am Sonntag habe ich die Chance, weitere Skorerpunkte zu sammeln – und das werde ich auch», so Giampà. Diese Aussage zeugt vom grossen Selbstbewusstsein des FCW-Stürmers – trotz seines unglaublichen Fehlschusses.
Und dass der Gegner Schötz auf seiner Facebook-Seite von einem «etwas glücklichen Sieg» spricht, zeigt auch, dass Wohlen mindestens ein Unentschieden verdient hätte. Doch die schwache Phase nach der Pause machte den Punktgewinn kaputt.
Zoff neben dem Feld
Ein Dutzend FC-Wohlen-Fans sind mit nach Schötz gereist. Sie wurden während des 1.-Liga-classic-Spiels von «Fans» des FC Schötz immer wieder verbal provoziert. Die Übeltäter sind nach Aussagen der FCW-Fans allerdings Anhänger des SC Cham, die mit Schötz eine «Fan-Freundschaft» haben. Nach dem Spiel eskaliert die Situation kurz. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Die Fans und die Verantwortlichen des FC Wohlen sowie einige FCW-Spieler, die diese Szenerie mitkriegten, versuchten die Situation zu schlichten. Schliesslich brachten die Wohlen-Spieler ihre Fans in die Garderobe – quasi unter Begleitschutz. Verantwortliche des FC Schötz sprachen davon, die Chamer Fans nicht mehr ins Stadion in Schötz zu lassen, da diese nicht zum ersten Mal für Probleme neben dem Fussballfeld sorgen. --spr
«Es gibt immer eine Chance»
André Richner, VR-Präsident des FC Wohlen, vor dem Cup-Spiel gegen den FC Luzern (Sonntag, 16 Uhr)
Der FC Wohlen ist für ein Spiel zurück auf der ganz grossen Fussball-Bühne des Landes. Der FC Luzern aus der Super League kommt – und rund 3000 Fans. «Und es soll ein Fest werden», sagt André Richner vom FCW.
Stefan Sprenger
Der FC Luzern kommt in die Niedermatten. Wie fühlen Sie sich?
André Richner: Ich freue mich wie ein kleines Kind auf dieses Spiel. Es soll so etwas wie ein definitiver Start sein in eine positive Zukunft. Wir wollen nach den zwei schwierigen Jahren nun Gas geben. Es soll auch Dank sein an alle, die trotz schwierigen Zeiten zum FC Wohlen gehalten haben.
Für Sie ist es das erste grosse Spiel seit Ihrem Amtsantritt 2018. Kommen Sie zurecht?
Nach der ersten OK-Sitzung dachte ich: «Das gibt ja gigantisch viel zu tun.» Wir haben uns danach gut organisiert und die Aufgaben in einzelne Teilbereiche aufgeteilt. Heute kann ich sagen, dass wir alles im Griff haben.
Wie viele Fans erwarten Sie?
Wenn 3000 Leute kommen, wäre ich zufrieden.
Wie viele Luzern-Fans kommen?
Rund 600. Ein Sonderzug wird am Wohler Bahnhof einrollen. Wir haben den Gästesektor etwas vergrössert. Die Kommunikation mit den Fanverantwortlichen des FC Luzern und der Polizei war hervorragend.
Haben Sie Angst vor Ausschreitungen der Luzern-Fans?
Nein. Ich glaube, der FC Luzern hat sehr vernünftige Fans. Wir wollen ein Fussballfest feiern, gemeinsam mit den Luzernern.
Das letzte grosse Cup-Spiel des FCW datiert vom September 2015. Wohlen verlor 0:1 gegen Zürich. Haben Sie die Zahlen von damals als Hilfestellung genommen?
Ja, wir haben diese Zahlen von früher. Dies half uns auch bei der Organisation. Bei der Verpflegung und der Sicherheit war es natürlich wichtig, dass man die Werte aus vergangenen grossen Spielen hat. Und wir konnten zudem viele Leute, die damals als Helfer im Einsatz standen, erneut begeistern, uns zu unterstützen. Eine sehr schöne Sache.
Was liegt sportlich drin?
Ach, das ist so eine Sache. Ich wünsche mir, dass sich die Mannschaft zusammenreisst, kämpft und gegen diesen Gegner aus der Super League voll dagegenhält. Ich will einen guten Match sehen. Und dann schauen wir, was rausschaut. Eine Chance gibt es immer, auch wenn sie eher klein ist.
Am Wochenende verlor das Team in der Meisterschaft mit 1:2 gegen Schötz. Wie soll man gegen den FC Luzern mithalten?
Irgendwie habe ich das Gespür, dass dieses Spiel gegen Luzern schon seit Tagen in den Köpfen der Spieler herumgeistert und sie halt unbewusst schon beeinflusst. Ich glaube, die 1:2-Niederlage hatte auch damit zu tun, dass die Köpfe einiger Spieler nicht ganz frei sind.
Also sind Sie auch froh, wenn das Luzern-Spiel vorbei ist?
Ich freue mich nun auf ein Fussballfest in den Niedermatten. Ich hoffe auf viel Support, viele «Hopp Wohlen»-Rufe und auf eine positive Stimmung. Wir sind bereit – sportlich und organisatorisch. Aber ja, ganz unglücklich bin ich nicht, wenn sich das Team dann wieder voll und ganz auf die Meisterschaft konzentriert.



