Hanfduft über dem Freiamt
10.09.2019 Beinwil/FreiamtAuf rund 100 Hektaren wird im Freiamt Hanf angebaut – für unterschiedliche Verwendung
Die Landi Freiamt plant den Einstieg ins Hanf-Business. 13 Bauern pflanzen auf 20 Hektaren die Wunderpflanze an. Die Pure Holding AG arbeitet mit 24 Bauern zusammen – und ...
Auf rund 100 Hektaren wird im Freiamt Hanf angebaut – für unterschiedliche Verwendung
Die Landi Freiamt plant den Einstieg ins Hanf-Business. 13 Bauern pflanzen auf 20 Hektaren die Wunderpflanze an. Die Pure Holding AG arbeitet mit 24 Bauern zusammen – und baut auf 75 Hektaren an. Eine sinnvolle Sache. Einzig der «neue» Duft sorgt für Naserümpfen.
Stefan Sprenger
Ein feines Grasdüftchen schwebt über der Region. Besonders jetzt, wo die Blüte vollends ausgebildet ist, versprüht der Hanf viel Geruch. Wenn das Aroma in die Nase zieht, reagieren die Hanf-Fans freudig, andere stören sich und nennen es Gestank. Der Grossteil der Freiämter Bevölkerung steht neutral zum Hanf. Und das ist auch gut so, denn die Pflanze hat enorm viele Vorteile – und hat seit Jahren mit falschen Vorurteilen zu kämpfen.
Hanfdorf Fischbach-Göslikon
Im Freiamt gibt es zwei grosse Produzenten. Im Oberfreiamt baut die Landi Freiamt an. In Boswil, Kallern, Bünzen, Muri, Beinwil Freiamt und auch in Widen. Die bis zu vier Meter grossen Hanfpflanzen dienen mehrheitlich der Produktion von Öl, Protein oder Nüssen. «Unsere Felder geben Samen und riechen sehr dezent», sagt Daniel Appert, Hanf-Projektleiter der Landi Freiamt. Reklamationen habe es keine gegeben. «Nicht einmal in Kallern, wo direkt neben der Schule ein Feld steht», so Appert. Das Interesse der Bevölkerung sei aber gross – auch deshalb habe man Info-Tafeln aufgestellt.
In einem anderen Bereich baut die Pure Holding AG an. Die Firma, die im Fricktal ihren Sitz hat, arbeitet hauptsächlich mit dem Bauer Andreas Hufschmid aus Nesselnbach zusammen. Und dazu mit weiteren 23 Bauern in der Region Unterfreiamt, Wohlen und der Reussebene. Auf total 75 Hektaren werden 750 000 Pflanzen zur Blüte gebracht. Man erntet die Biomasse der Pflanze, extrahiert den CBD-Anteil und verwendet diesen für Kosmetika, Lebensmittel und im Pharmabereich. In Fischbach-Göslikon steht die grösste (legale) Indoor-Anlage von ganz Europa. Dort wird das Tabakersatzprodukt CBD hergestellt. Stevens Senn, CEO der Pure Holding AG, sagt: «Die Böden im Freiamt sind sehr fruchtbar.» Er wisse keine Firma schweizweit, die ein grösseres Anbau-Projekt hat als jenes der Pure Holding AG im Freiamt.
In der Freiämter Bevölkerung gibt es erste Leute, die – wortwörtlich – die Nase rümpfen. Fischbach-Göslikon nimmt die Bedenken ernst.
Wunderpflanze erobert das Freiamt
Nirgends in der Schweiz wird so viel Hanf angebaut wie in unserer Region – das passt nicht allen
Die Landi Freiamt und die Pure Holding AG entdecken das Freiamt als Hanf-freundliche Zone. Auf rund 100 Hektaren wird die Wunderpflanze angebaut. Das wirft einige Fragen auf.
Stefan Sprenger
Mit ihm könnte man wohl Stunden über die Thematik «Hanf» sprechen. Lukas Jansen, wortgewandter Gemeindeschreiber von Fischbach-Göslikon. Er ist so etwas wie ein kleiner Experte geworden. Denn Fischbach-Göslikon wurde zu einem Hanfdorf. Mehrere Felder stehen «outdoor» und zudem steht die grösste «Indoor»-Anlage Europas im 1700-Seelen-Dorf. Dort beleuchten 1000 Lampen à 1000 Watt die Pflanzen. «Es gab aus der Bevölkerung Fragen», sagt Jansen.
Rund um die Indoor-Anlage roch es vor Monaten etwas streng, das führte zu Reklamationen. «Dort hat man schnell reagiert und das hat sich erledigt», so Jansen. Die Pure Holding AG sorgte für schnelle Besserung. Doch auch für die Hanffelder, die unter freiem Himmel bewirtschaftet werden, gab es Anregungen und Reklamationen. «Einige stören sich am Geruch», so Jansen. Die Gemeinde nimmt dies ernst. «Doch es ist alles rechtens. Die Gemeinde hat keine direkte Rechtsgrundlage, um den Anbau einzuschränken oder zu verbieten.» Jansen sagt weiter: «Aber falls die Lebensqualität der Bewohner leidet, müssen wir die Sache wieder anschauen.»
Die Reklamationen seien aber an einem kleinen Ort, der Grossteil der Figöler stört sich nicht am Hanf, «und miteinander reden, hilft», so Jansen. Ganz nach dem Motto: «Leben und leben lassen.» Denn die Hanffelder in Fischbach-Göslikon und im ganzen Freiamt sind eine gute Sache.
Von Islisberg über Zufikon bis Wohlen und Villmergen
Es gibt zwei verschiedene Produzenten. Die Landi Freiamt und die Pure Holding AG. Bei beiden ist es kein Hanf, der berauschend wirkt. Die Pure Holding AG mit Sitz im Fricktal arbeitet eng mit Bauer Andreas Hufschmid aus Nesselnbach zusammen. «Solch ein grosser Anbau auf total 75 Hektaren ist Neuland und man muss noch dazulernen», sagt Bauer Hufschmid. «Es ist auf jeden Fall viel Aufwand», sagt er weiter. Ob der Hanfanbau für ihn lukrativ ist oder nicht, «wird sich noch zeigen». Neben Hufschmid sind 23 weitere Bauern aus der Region dabei, stellen ihr Land zur Verfügung und helfen teilweise bei der Pflege und der Ernte. Die Führung hat aber Hufschmid. Stevens Senn, CEO der Pure Holding AG, sagt: «Die Bauern werden wie Unternehmer bezahlt und nicht wie Bauern.» Die Felder stehen in folgenden Gemeinden des Freiamts: Nesselnbach, Niederwil, Fischbach-Göslikon, Dottikon, Wohlen, Villmergen, Zufikon, Bünzen, Hermetschwil, Islisberg, Oberlunkhofen und Waltenschwil.
Die Pure Holding AG produziert zum einen das Tabakersatzprodukt «CBD» und zum anderen erntet man die Biomasse der Pflanze, extrahiert den CBD-Anteil – und verwendet diesen in Kosmetika, Lebensmitteln und im Pharmabereich. «Der Hanf ist heute salonfähiger», sagt Stevens Senn. Der schlechte Ruf der Pflanze, in der viele nur die berauschende Wirkung sehen, ist etwas gewichen. «Das Hanf feiert ein Revival», so Senn. Vor 32 Monaten hat er die Firma gegründet und er hatte damit bislang grossen Erfolg. Momentan baut die Pure Holding AG im Fricktal einen neuen Firmensitz und hat bald über 100 Arbeitsplätze geschaffen.
«Diese Pflanze zu rauchen, bringt gar nichts»
Bald ist Erntezeit auf den Feldern der Pure Holding AG im Freiamt. Die Hanfpflanzen werden gehäckselt, getrocknet – um dann die Biomasse zu extrahieren. Das Produkt wird dann weltweit vertrieben. Szenekenner Senn kennt keine Firma, die ein solch grosses Projekt hat wie seine eigene hier im Freiamt. «Die Böden sind fruchtbar im Freiamt. Und mit Andreas Hufschmid haben wir einen sensationellen Partner gefunden, der sich in der Region auskennt.» Hufschmid produziert übrigens den Grossteil der Hanfstecklinge gleich selbst. Es sind insgesamt 750 000 Pflanzen.
Zurück zu Lukas Jansen, dem Gemeindeschreiber von Fischbach-Göslikon: Er hat gerade erst ein Hanffeld gerochen, als er zur Arbeit kam. Für ihn kein Problem. Das Aroma sei «gewöhnungsbedürftig, aber eher angenehm». Zumindest, wenn man es mit Raps oder Gülle vergleicht, was auch stark riecht – oder stinkt. «Der Hanf riecht sicherlich etwas länger und etwas intensiver», meint Jansen.
Ausser in Fi-Gö hat es im Freiamt keine Beanstandungen gegeben – jedenfalls nicht bei der Regionalpolizei Wohlen, die mehrere Gemeinden des Freiamts unter sich hat. «Wir haben gar nichts registriert. Weder Beschwerden noch Diebstähle», sagt Repol-Chef Marco Veil auf Anfrage.
Beide planen für 2020
In Boswil steht Daniel Appert mitten in einem Hanffeld. Er sagt, dass die Hanfdiebe mittlerweile kapiert haben, dass hier kein «Marihuana» mit berauschender Wirkung angepflanzt wird. «Diese Pflanze zu rauchen, bringt gar nichts», sagt Appert. Er ist der Hanf-Projektleiter der Landi Freiamt. 13 Bauern pflanzen auf 20 Hektaren die Wunderpflanze an. In Boswil, Kallern, Bünzen, Muri, Beinwil/ Freiamt und in Widen stehen die Felder. «Die Bauern sind mit Freude dabei, es geht nicht ums Geld», sagt Appert. Es geht zum Beispiel darum, Pflanzen zu kultivieren, die keine Kunstdünger und Pestizide benötigen. «Hanf ist sehr resistent», so Appert weiter. Die Landi Freiamt ist Anschubfinanziererin und übernimmt das wirtschaftliche Risiko.
Dieses Projekt ist schweizweit einzigartig. Und man ist stolz darauf. Die Landi Freiamt, die mit dem Freiämter «Hanfexperten» Roger Bottlang zusammenarbeitet, hofft, mit dem Projekt für ihre Landwirte eine langfristige Einkommensquelle zu erschliessen. Die Produkte sind Hanfnüsse, Hanfprotein und Hanföl. Aber auch die Fasern der Pflanze werden genutzt. Diese werden von einer externen Firma für Kleider genutzt. «Die Pflanze ist ganzheitlich nutzbar», so Appert.
Die Felder der Landi Freiamt werden diese Tage geerntet. Die Ernte der Pflanzen, die teilweise bis zu vier Meter hoch werden, ist gemäss dem 50-Jährigen «herausfordernd und aufwendig». Genauso wie die Aufklärungsarbeit, die mit dem Anbau der Pflanze einhergeht. Und da geht es der Landi Freiamt wie der Pure Holding AG. Beide haben Informations-Tafeln vor ihre Felder gestellt. «Hanf bedeutet nicht kiffen», sagt Appert. «Die Pflanze ist total in Verruf geraten, dabei ist sie vielseitig nutzbar und resistent.» Und gesund. Appert selbst isst regelmässig Hanfnüsse. «Die sind prima für die Verdauung», sagt er.
Bevor das Hanfprojekt der Landi Freiamt Bilanz ziehen kann, soll es für mindestens noch drei Jahre laufen. «Erst dann kann man sagen, ob es sich lohnt», sagt Daniel Appert weiter. Auch die Pure Holding AG wird 2020 im Freiamt ihre Hanffelder erneut anbauen. Beide Firmen werden also auch 2020 die Wunderpflanze im ganzen Freiamt anpflanzen. Und während der Grossteil die Schönheit und den Nutzen der Pflanze schätzt, werden wohl auch die «Naserümpfer» sich damit abfinden, dass Pflanzen riechen. Das Schlusswort gehört Lukas Jansen, Gemeindeschreiber des Hanfdorfes Fischbach-Göslikon. «Man muss nicht gleich in Panik verfallen, nur weil etwas neu ist.»
Für ihn ist es kein Neuland
Maurus Rosenberg aus Bünzen ist einer jener Landwirte, die Hanf anpflanzen
Alle drei Hanfsorten der Landi baut Maurus Rosenberg in Bünzen an. Es seien pflegeleichte Pflanzen, sagt der Landwirt. Der Hanfanbau ist für ihn kein Neuland. Und er könnte sich vorstellen, künftig eine grössere Fläche damit anzusäen.
Annemarie Keusch
Der Input kam vor gut zwei Jahren von seiner Frau. Sie sah im Internet, dass auf Hanfbasis Nahrungswürfel für Pferde produziert werden. Maurus Rosenberg nahm mit den Verantwortlichen Kontakt auf. Weil diese zusätzliche Flächen suchten, stieg er in den Hanfanbau ein. «Jetzt haben sie keinen Bedarf mehr. Dass die Landi nun Ackerflächen für Hanf suchte, war für mich ein Glücksfall», sagt der Bünzer Landwirt.
Auf einer Fläche von total einer Hektare hat er im Frühling Hanf angesät, alle drei Sorten, die die Landi anbaut. Rund hundert Tage sind die Pflanzen nun gewachsen und bald erntereif. «Eine Sorte probierten wir schon mit dem Mähdrescher zu ernten. Es war aber noch zu früh», sagt er. In den nächsten Tagen und Wochen wird es so weit sein. Weil Rosenberg neben dem Ackerbau und der Pferde- und Schafhaltung auch ein Lohnunternehmen führt, ist er mit seinem Mähdrescher auf allen Hanffeldern der Landi Freiamt unterwegs. «Im Ausland gibt es dafür spezielle Maschinen. Wir ernten mit dem herkömmlichen Mähdrescher, noch.» Der Nachteil: es braucht einen Arbeitsschritt mehr. Der Vorteil: es müssen keine teuren neuen Maschinen angeschafft werden.
Unkraut als Herausforderung
Eine schwierige Kultur sei der Hanf nicht, betont Rosenberg. «Der Boden darf nur nicht zu verdichtet sein, dann wächst die Pflanze», sagt er. Kein Dünger, kein Pestizid und kein Herbizid kam zum Einsatz. «Wir haben die Samen gesät und sie dann einfach wachsen gelassen.» Die Kultur sei vergleichbar mit Mais, was den Anbau und die Wachstumsdauer betreffe. Herausfordernd sei es allerdings, das Unkraut im Zaum zu halten. «Die Vorgabe der Landi war es, den Hanf nicht zu spritzen, darum ist das nicht einfach.» Gegen Schädlinge hingegen müsse in den Hanffeldern nicht gekämpft werden.
«Leute sind es sich gewohnt»
Reaktionen auf den Hanfanbau bekam Rosenberg kaum. «Weil ich die Pflanze schon im dritten Jahr ansäe, sind es die Leute gewohnt», meint er. Im ersten Jahr habe er sich sicherheitshalber im Vorfeld bei der Polizei gemeldet, um unangenehme Situationen zu umgehen. Skepsis brachte ihm niemand entgegen, vielmehr war es Neugier. «Vereinzelt fragten mich Passanten, ob sie eine Pflanze haben dürften für ihren Balkon», erklärt Rosenberg. Die Leute wissen, dass diese Hanfpflanzen nicht in Raucherware umgewandelt werden. Darum beantworte er solche Anfragen gerne positiv. «Solange so nicht die Hälfte der Pflanzen wegkommt», meint er schmunzelnd.
In der Versuchszeit zahlt die Landi Freiamt den anbauenden Landwirten einen fixen Beitrag pro Hektare – unabhängig vom Ertrag. Ändert sich dies in den nächsten Jahren, kann sich Rosenberg durchaus vorstellen, noch mehr Hanf anzupflanzen. «Hätte mir das vor Jahren jemand gesagt, hätte ich es wohl nicht geglaubt.» Auf seinen Feldern sei der Ertrag gut. «Es sieht nicht schlecht aus.» Rund 800 bis 1200 Kilogramm wird pro Hektare erwartet.
Gegenüber anderen Kulturen sei der Wertertrag nicht zuoberst. Dennoch ist Rosenberg überzeugt, dass Hanf eine gute Alternative ist. «Bei anderen Kulturen ist der Markt mehr als gesättigt. Viele Landwirte sind froh, um neue Anbauideen.» Hanf passe bestens in die Fruchtfolge. Und die Nüsse davon passen bestens in den Salat oder ins Müesli. «Bis jetzt ist das für uns eine rundum gute Sache», sagt Rosenberg.





