Glück im Stall am Dorfrand
13.09.2019 MuriMit einem kleinen Alpaufzug ziehen die Kühe der Familie Meier von der Gammerstallstrasse auf den Aettenberg um
Die Zeiten, als mitten im Dorf noch mehrere Bauernhöfe standen, sind definitiv vorbei – so auch in Muri. Herbert Meier, einer, der die letzten ...
Mit einem kleinen Alpaufzug ziehen die Kühe der Familie Meier von der Gammerstallstrasse auf den Aettenberg um
Die Zeiten, als mitten im Dorf noch mehrere Bauernhöfe standen, sind definitiv vorbei – so auch in Muri. Herbert Meier, einer, der die letzten Kühe im Dorf hielt, hat seinen Betrieb ausgesiedelt.
Sabrina Salm
«Ja, hallo, Emily. Du warst heute eine Freche», sagt Bauer Herbert Meier lächelnd und tätschelt die Kuh, die neugierig ihre Nase nach ihm streckt. «Sie wollte beim Alpaufzug ausbüxen», begründet er seine Aussage.
Emily zieht schon ihre x-te Runde durch den neuen Stall auf dem Aettenberg. Schnuppert jede Ecke ab, holt sich Streicheleinheiten bei den Stallbesuchern und testet die Boxen aus. Für die Milchkuh ist dieser Boxenlaufstall und sich somit im Stall frei bewegen zu können etwas Neues. Sie kennt sonst nur den Anbindestall. Der moderne Laufstall ist in einen Fress-, Liege- und Aussenbereich eingeteilt. Im Liegebereich steht für jede Kuh eine eingestreute Liegebox bereit. Welche Box sie haben will, darf jede selber aussuchen. Viel frische Luft und natürliches Licht sorgen für ein gutes Stallklima. «Die Kühe werden sich schnell an die neue Situation gewöhnen», ist sich Herbert Meier sicher. «Anders als der Bauer.»
Aettenberg ein Glücksfall
Für Herbert Meier und seine Familie ist die Umsiedlung seiner Tiere ein einschneidendes Erlebnis. «Es fällt mir nicht ganz leicht», erzählt der Landwirt. Seit 1926 sei an der Gammerstallstrasse immer ein Stall mit Kühen gewesen. «Dass ich jetzt diese Familientradition ändern muss, ist schade.» Doch die Platzverhältnisse am alten Standort waren zu eng. Eine Erweiterungsmöglichkeit oder gar ein Neubau war nicht möglich. Der Siedlungsdruck hat auch in Muri nicht halt gemacht. In einem Wohngebiet gibt es Interessenkonflikte. Lärm und Gerüche sind hier das häufigste Thema. «Mit unseren Nachbarn hatten wir ein gutes Einvernehmen und an ihnen ist der Ausbau an der Gammerstallstrasse auch nicht gescheitert», stellt Meier klar. «Es waren vielmehr all die Regeln, meist baurechtlicher Natur, die es einzuhalten galt. Die meisten konnten wir nicht erfüllen.» Er habe sogar mit dem Gedanken gespielt, als Landwirt aufzuhören. «Denn ich wusste, wenn ich den Landwirtschaftsbetrieb erhalten möchte, müssen wir effizienter werden. Das heisst, wir brauchen unbedingt Wachstum. Ansonsten können wir auf dem Markt nicht mithalten.»
Den Entscheid, ein Aussiedeln ins Auge zu fassen, haben Herbert Meier und seine Frau Sybille im Jahr 2006 getroffen. «Viele Stolpersteine mussten wir auf diesem Weg überwinden und viele Enttäuschungen wegstecken.» Der lange Atem hat sich ausgezahlt. 2016 hat sich dann die Lösung mit dem Land auf dem Aettenberg abgezeichnet. «Es ist ein Glücksfall, dass wir Land gefunden haben, das in der Nähe von unserem heutigen Hof ist.» Der Aufbau des neuen Standortes konnte beginnen.
Abteilung Landwirtschaft unterstützte Vorhaben
Von heute 23 Kühen will Meier auf 63 Kühe aufstocken. Der Stall bietet auch noch Raum zur Erweiterung. «Ich bin mir sicher, dass sich die Investition gelohnt hat. Meine Tochter zeigt heute schon grosses Interesse an der Landwirtschaft.» Vom neuen Stall beeindruckt zeigt sich auch Felix Peter von der Abteilung Landwirtschaft des Kantons. «So sollte heute ein Milchviehstall aussehen», lobt er das neue Zuhause der Meier-Kühe. Es sei ein Vorbild-Objekt. Die Abteilung Landwirtschaft habe Meier bei der Umsetzung geholfen. «Als ich 2001 meine Diplomarbeit über das Thema Aussiedlung unseres Hofes schrieb und Felix Peter diese las, hielt er das Ganze für unrealistisch», lacht Meier. Peter habe mit ihm dann die Strategie weiterentwickelt.
Umzug mit der ganzen Familie als nächsten Schritt
Das Thema Interessenkonflikte wie beim Hof der Meier kennt er gut. «Die grosse Aussiedlungswelle ist zwar schon vor längerer Zeit passiert. Trotzdem ist und bleibt es ein Thema.» Der Kanton versuche zu vermitteln, damit die Landwirte überleben können. «Es ist unsere Verantwortung, dass für Landwirtschaftsbetriebe Standorte, wie Herbert Meier einen gefunden hat, als Landwirtschaftsflächen erhalten blieben.» Wenn der Siedlungsdruck im Dorfzentrum schon mehrheitlich für die Wohnsiedlung spricht, sollen abgelegene Landflächen eine gute Alternative für die Bauern bleiben.
Noch ein wenig umständlich bleibt der Abstand zwischen Hof und Stall für Herbert Meier. Als zweiten Schritt wird die ganze Familie mit dem Rest der Tiere nach oben zu den Kühen ziehen. «Das dauert aber noch eine Weile.»
Langsam kehrt Ruhe bei der Kuhherde ein. Die eine frisst, die andere trinkt oder sie liegen im Stroh. Die Helfer und Familie Meier gönnen sich etwas vom Grill und geniessen den Abend. Die letzten «Glück im Stall» verhallen auf dem Aettenberg. Und so geht ein aufwühlender Abend für Familie Meier und ihre Kühe zu Ende.




