Umstrittenes Projekt umgesetzt
30.07.2019 Kelleramt«Zeitzeugen»: Josef Gumann und Richard Maurer prägten die Reusstalsanierung mit
Zwischen 1972 und 1982 wurde die Landschaft südlich von Bremgarten für 120 Millionen Franken umfassend umgestaltet. Josef Gumann aus Oberlunkhofen und der ehemalige ...
«Zeitzeugen»: Josef Gumann und Richard Maurer prägten die Reusstalsanierung mit
Zwischen 1972 und 1982 wurde die Landschaft südlich von Bremgarten für 120 Millionen Franken umfassend umgestaltet. Josef Gumann aus Oberlunkhofen und der ehemalige Kantonsverantwortliche Richard Maurer blicken auf eine intensive Zeit zurück.
Roger Wetli
Die Begrüssung der beiden ist äusserst herzlich. Lange ist es her, dass sie sich zum letzten Mal gesehen haben. Josef Gumann feiert dieses Jahren seinen 88. Geburtstag. Richard Maurer liess sich vor bald zehn Jahren pensionieren. Die allerletzten Arbeiten der Reusstalsanierung waren um 1992 abgeschlossen. «Viele, die das Projekt in den Kommissionen, im Grossrat und in den Gemeindebehörden mitgestaltet haben, weilen heute nicht mehr unter uns», weiss Maurer. Er wurde 1972 extra für die Umsetzung der Reusstalsanierung beim Kanton angestellt. Das Projekt beschäftigte ihn zehn Jahre intensiv. Danach gab es noch ein weiteres Jahrzehnt Nachbesserungen.
«Klagemauer»-Sitzungen
Josef Gumann war Förster von Zufikon und Unterlunkhofen. 27 Jahre setzte er sich als Gemeindeammann von Oberlunkhofen für die Allgemeinheit ein und sass auch im Grossen Rat. In diesen beiden Funktionen begleitete er die Sanierung. Nach 1982 wurde die Projektleitung aufgehoben und eine Reusstalkommission gegründet, deren zweiter Präsident Gumann war. «Unsere Aufgabe war die Begleitung der Aufgaben nach der eigentlichen Umsetzung», erinnert sich der Oberlunkhofer. Während dem Bau gab es zweimal pro Jahr eine Sitzung, an der die lokalen Behörden und die Landwirte eingeladen waren. «Sie hiess wohl Konsultativ-Kommission, hatte aber den Übernamen Klagemauer», weiss Gumann, der an diesen Treffen ebenfalls dabei war. «Unsere Anliegen wurden da sehr ernst genommen.»
Pläne seit 1648
Beide sprechen von intensiven Auseinandersetzungen und dem Aufeinanderprallen von verschiedenen Interessen. Das Konzept der Reusstalsanierung beinhaltete die Melioration für die Landwirtschaft, den Hochwasser- und Naturschutz und den Neubau des Kraftwerkes Bremgarten-Zufikon. Auslöser dafür waren grosse Überschwemmungen 1954. «Der Schutz vor Hochwasser war mindestens seit 1648 immer wieder ein Thema im Kelleramt. 1840 wurden erste Massnahmen umgesetzt», weiss Richard Maurer. 1963 gab es in der Bevölkerung einen Aufschrei, als zwischen Windisch und Luzern der Bau von 15 Wasserkraftwerken vorgeschlagen wurde. Die Gegner gründeten die Stiftung Reusstal und reichten eine Volksinitiative ein, die eine «Freie Reuss» ohne Kraftwerke forderte. Diese wurde mit einer ¾-Mehrheit angenommen. Das Konzept mit den vier Elementen wurde 1969 beschlossen und ab 1972 umgesetzt.
«Die Bevölkerung war grundsätzlich positiv eingestellt, dass etwas gegen das Hochwasser und für die Landwirtschaft gemacht wird», so Maurer. «Diskussionen gab es darüber, wie viele Restflächen Naturschutz zum Schluss übrig bleiben sollten. Ein Vorschlag besagte eine bis zwei Hektaren. Der Naturschutz forderte dagegen über 250 Hektaren», erklärt Maurer. Und Gumann ergänzt: «Ich habe der Bevölkerung immer erklärt, worum es geht. In vielen Teilen schienen mir die Forderungen des Naturschutzes vernünftig.»
Umstrittenes Kraftwerk
Trotz des Beschlusses von 1969 war die anschliessende Umsetzung alles andere als einfach. «Bei der konkreten Planung gab es sehr harte Diskussionen. Oftmals ging es um emotionale Aspekte», so Maurer, der als Kantonsvertreter für die übergeordneten Interessen einstand. «Wir wurden damals auch schon mit einem Beil oder einer Motorsäge bedroht.» Zumal sich auch die Naturschützer nicht immer einig waren. «Einige wollten das Kraftwerk Bremgarten-Zufikon abreissen, ohne einen Ersatz zu bauen. Damit wäre aber der Grundwasserspiegel in der Reussebene gesunken und darum wären die Feuchtgebiete verschwunden.» Mit dem Neubau und der Stauung des Wassers entstand der Flachsee, der vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet. «Unterlunkhofen musste für den Flachsee neun Hektaren Wald roden», so Gumann. «Die Gemeinde klagte dagegen beim Bundesgericht und verlor.» Die Stimmung sei aber immer besser geworden, je weiter die Umsetzung fortschritt. «Die Landwirte erhielten durch das Projekt viele entwässerte Flächen und Flurwege», weiss Maurer.
Die Reusstalsanierung wurde gar zum Vorzeigeprojekt. «Im September 1979 wurden die Massnahmen an der dritten Europäischen Ministerkonferenz für Umweltschutz 21 Umweltministern vorgestellt», erinnert sich Maurer, der für die Exkursion verantwortlich war. «Nach einer langen Schönwetterperiode war Regen vorausgesagt, weshalb den Ministern schliesslich in Bremgarten Fotos über einen Diaprojektor gezeigt wurden.» Richtig gefeiert wurde der Abschluss des Grossprojektes nicht. «Es gab eine kleinere Feier im «Emaus» in Zufikon mit Behördenvertretern», blickt Gumann zurück. «Die Bevölkerung war daran aber nicht beteiligt.»
«Katastrophenlücke» als Grundlage
Die Reussdämme wurden so erstellt, dass bis zu ihrer Kante bei einem Hochwasser, das alle 10 000 Jahre vorkommt, noch ein halber Meter frei bleibt. 2005 wurden diese aber um 25 Zentimeter überspült. «Heute wissen wir, dass die damaligen Daten auf einer Periode basierten, in der es nur wenige sehr hohe Hochwasser gab», erklärt Maurer. Diese würde mittlerweile als «Katastrophenlücke» bezeichnet. «Heute müssten wir die Dämme wohl weiter weg von der Reuss bauen, damit das Wasser in einem Extremfall mehr Platz hätte.» Gumanns Fazit: «Die Reusstalsanierung hat sich im Prinzip gelohnt. Auch wenn es dagegen teilweise Missmut gegeben hat.»
Serie «Zeitzeugen»
Es gibt Ereignisse in der Region, von denen die Leute nach Jahrzehnten noch erzählen. In der Serie «Zeitzeugen» blicken Menschen auf ein Ereignis zurück, bei dem sie hautnah dabei waren.
Bisher erschienen: Der Empfang für Abfahrtsweltmeister Urs Lehmann in Rudolfstetten im Februar 1993 (Ausgabe 55). Protest gegen den Abbruch des alten Gemeindehauses in Wohlen von 1979 (Ausgabe 56). Die Hochwasserkatastrophe in Muri von 1977 (Ausgabe 57). Der Sieg von Martin Burkard 1973 als jüngster Kandidat in der Quizsendung «Wer gwünnt?» (Ausgabe 59).



