Der Mann aus «Harrywil»
26.07.2019 SportHarry Knüsel ist der einzige Schwingerkönig aus dem Freiamt
Ein Freiämter wird Schwingerkönig und von der ganzen Schweiz gefeiert. Passiert ist das 1986 in Sion. Der Name des Königs: Harry Knüsel. Der Abtwiler wird am ...
Harry Knüsel ist der einzige Schwingerkönig aus dem Freiamt
Ein Freiämter wird Schwingerkönig und von der ganzen Schweiz gefeiert. Passiert ist das 1986 in Sion. Der Name des Königs: Harry Knüsel. Der Abtwiler wird am «Eidgenössischen» in Zug in einem Monat wieder dabei sein – und auch für die Freiämter mitfiebern.
Josip Lasic
26 000 Menschen machen grosse Augen, atmen tief ein, die Stimmung ist elektrisierend. In der Schwing-Arena in Sion hat Harry Knüsel gerade seinen Kontrahenten Ernst Schläpfer ins Sägemehl geworfen. Schläpfer, der amtierender zweifacher Schwingerkönig ist, wird enttrohnt. Der neue König heisst Harry Knüsel. Er ist der Beste von total 277 Schwingern am «Eidgenössischen». Der Beste des ganzen Landes. Sein Wohnort Abtwil wird kurzerhand in «Harrywil» umgetauft. 104 Kilogramm und 188 cm freuen sich. «An diesem Tag lief alles so, wie ich es mir vorgestellt habe», sagt Knüsel, wenn er an diesen Erfolg zurückdenkt.
«Freiämter holen einen Kranz»
Harry Knüsel aus Abtwil ist der einzige Schwingerkönig aus dem Freiamt. Er startete aber für den Schwingklub Cham-Ennetsee und für den Innerschweizerischen Verband. Das hatte einen Grund: Die Distanz zum Trainingsort in Cham war näher als nach Wohlen, wo damals der Schwingkeller der Freiämter war.
Der dreifache Sieger des «Guggibad-Schwinget» verfolgt die Freiämter Schwinger. Er prophezeit vor dem Eidgenössischen Ende August: «Ich gehe fest davon aus, dass der Schwingklub Freiamt in diesem Jahr wieder einen ‹Eidgenossen› in seinen Reihen haben wird. Wenn es zwei sind, umso besser.» Sein Favorit: Joel Strebel. «Er hat sehr viel Potenzial», so Knüsel.
Am diesjährigen «Eidgenössischen» in Zug ist der Abtwiler als Botschafter Teil vom OK der Riesen-Anlasses mit fast 60 000 Zuschauern. Er konnte bei der Organisation und beim Gabenkomitee seine Ideen einbringen und ist das Gesicht des «Eidgenössischen» in der Innerschweiz. Vor allem, weil Knüsel der Einzige des Innerschweizerischen Schwingverbandes ist, der jemals Schwingerkönig wurde.
Der König aus Abtwil
Schwingerkönig Harry Knüsel vor dem «Eidgenössischen» in Zug (23. bis 25. August)
Harry Knüsel wurde 1986 in Sion Schwingerkönig. Er ist der erste und bis heute einzige aus dem Innerschweizer Schwingerverband. Ebenso ist er der erste und einzige Schwingerkönig mit Freiämter Wurzeln.
Josip Lasic
Selbst wenn man Harry Knüsel nicht kennt, weiss man nach dem Betreten seines Hauses in Abtwil, dass der 58-Jährige mit dem Schwingsport in Verbindung steht. 20 Stabellenstühle, die er an diversen Schwingfesten gewonnen hat, sind um den Wohnzimmertisch gereiht. In jeden der Holzstühle ist das Schwingfest eingeschnitzt, an dem das Möbelstück gewonnen wurde. 60 von insgesamt 90 Glocken, die er gewonnen hat, hängen an der Wand. «Jedes Stück ist mit einer Erinnerung verbunden», sagt Knüsel. «Zu jedem Stuhl, jeder Glocke, jeder Holztruhe, die ich gewonnen habe, könnte ich eine Geschichte erzählen.» In den Regalen sind Bücher und Zeitschriften zum Thema Schwingen zu sehen. Zahlreiche Fotos rufen Erinnerungen an Knüsels Erfolge ins Gedächtnis.
Und von diesen Erfolgen hatte er viele. 73 gewonnene Kränze, 16 Kranzfestsiege, 66 Schwingfestsiege und der Sieg am «Eidgenössischen» 1986 in Sion sind Zahlen einer erfolgreichen Karriere. Kaum zu glauben, dass der Abtwiler erst mit knapp 19 Jahren zum Schwingen kam. «Ich war vorher ein richtiger Sportmuffel. Schon in der Schule wollte ich keinen Sport machen und freiwillig erst recht nicht. Ich kam per Zufall zum Schwingen», erzählt der Schwingerkönig. «Es war ein Kollege, der mich ins Training mitgenommen hat und mich auf den Geschmack brachte.»
Aus Abtwil wurde Harrywil
Für das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Zug ist Knüsel als Botschafter engagiert. 33 Jahre sind seit seinem Sieg in Sion vergangen. «Wenn man wie ich Schwingfeste besucht, wird man oft auf diesen Erfolg angesprochen», erzählt der Schwingerkönig. «Vor einem ‹Eidgenössischen› ist es noch intensiver. Die Erinnerungen kommen wieder hoch.»
Die Erinnerungen an das Schwingfest, an dem er im zweiten Gang gegen den amtierenden zweifachen Schwingerkönig Ernst Schläpfer verloren hat und ihn danach im Schlussgang bezwingen konnte. «Ich habe mich selbst nicht als Favorit auf den Sieg betrachtet», erzählt Knüsel. «Zuvor hatte ich am Brünig-Schwinget gewonnen und gehörte zu den acht grösseren Favoriten. Am ‹Eidgenössischen› lief es dann nach meiner Vorstellung. Ich nahm Schritt für Schritt und liess mich nicht unter Druck setzen.»
Diese Gelassenheit sieht Knüsel als eine seiner Stärken an. Er war ein Spätzünder, brachte allerdings viel Talent, viel Trainingsfleiss und viel mentale Stärke mit. «Vielleicht war das einfach mein Naturell, dass ich mich selten unter Druck setzen liess», erzählt er. «Ein Vorteil war vielleicht auch, dass in meiner Familie niemand aus dem Schwingsport kam und so von Haus aus weniger Erwartungshaltung herrschte. Ich war ehrgeizig, konnte Niederlagen aber sportlich nehmen und gut verkraften.»
Die Freude über Knüsels Sieg war sowohl in der Innerschweiz wie auch im Freiamt gross. In Abtwil wurde die Ortstafel in «Harrywil» umgeschrieben. In Cham fand ein offizieller Empfang statt. «Es war schön. Ich wurde in Cham und der Innerschweiz gefeiert, aber der Kanton Aargau hat mir auch gratuliert.»
Verbindung zur Innerschweiz grösser
Das Schwingerherz von Harry Knüsel schlägt aber für die Innerschweiz. Seine Erwartung für das «Eidgenössische»: «Dass ein Innerschweizer gewinnt.» Knüsel ist in Küssnacht am Rigi aufgewachsen und zog mit seiner Familie im Alter von 14 Jahren nach Abtwil. «Ich bin mit der Region Freiamt verbunden, aber im Schwingen ist die Verbindung zur Innerschweiz und zum Schwingklub Cham-Ennetsee grösser.» Als seine grössten Erfolge neben dem Sieg am «Eidgenössischen» 1986 bezeichnet er auch die Erfolge am Brünig- und am Rigi-Schwinget. «Der Brünig- Schwinget hat eine besondere Tradition und eine grosse Rivalität zwischen Bernern und Innerschweizern. Dort oben ist vermutlich auch das Schwingen entstanden», sagt Knüsel. «Und die Rigi ist mein Hausberg.» An beiden Schwingfesten konnte er drei Siege und mehrere Kranzgewinne feiern.
Die Verbundenheit zur Innerschweiz ist zum Teil auch durch die Distanz vom Wohn- zum Trainingsort bedingt. Als der Schwingerkönig von 1986 mit dem Sport anfing, trainierten die Freiämter in Wohlen. «Das war eine Distanz von 24 Kilometern. Nach Cham waren es nur acht Kilometer. Dazu hatte ich Freunde im Verein. Die Wahl fiel mir nicht schwer.»
Dennoch freut sich Knüsel auch über Erfolge der Freiämter Schwinger. «Es ist schön, dass der Sport in der Region so populär ist.» Seine grösste Verbindung zum Schwingklub Freiamt sind seine Teilnahmen am Guggibad-Schwinget, das er dreimal gewinnen konnte. In Zug traut er den Freiämtern einiges zu. «Es würde mich überraschen, wenn das Freiamt dieses Jahr ohne ‹Eidgenossen› bleibt. Joel Strebel ist aktuell sicher der Stärkste, aber auch andere Freiämter haben die Chance auf einen Kranz», beurteilt Knüsel. «Strebel ist immer für eine Überraschung gut, hat für sein junges Alter schon viel erreicht und verfügt über noch viel Potenzial. Er ist sicher ein grosser Anwärter auf einen eidgenössischen Kranz.»
Druck ist heute grösser
Wenn Knüsel aussuchen könnte, würde er einen Innerschweizer als Sieger am «Eidgenössischen» vorziehen. Seinen Favoriten will er nicht nennen. «Die Favoriten sind bekannt. Ich weiss auch nicht mehr als alle anderen.»
Der Schwingerkönig hat den Eindruck, dass die Schwinger heutzutage mehr unter Druck stehen. «Es wird nicht anders trainiert als zu meiner Zeit. Mehr als zehn bis fünfzehn Stunden pro Woche ist nicht realistisch», sagt Knüsel. «Heute haben die Schwinger beispielsweise mehr Regeneration. Dadurch erhöht sich aber der Druck. Wenn ein Schwinger auf seine Sponsoreneinnahmen angewiesen ist, verändert das die Ausgangslage.» Für Knüsel war der Schwingsport zu hundert Prozent ein Hobby. «Es war wirklich Zufall, dass ich zum Schwingen kam. In meinem Leben gab es immer noch etwas anderes. Beruf, Kollegen, Hobbys, Familie. Dadurch war ich unbeschwerter in den Duellen.»
Die Veränderung in den Trainingsmethoden sieht er nicht nur positiv. «Aus meiner Sicht wird zu wenig auf das schwingtechnische Training Wert gelegt. Ein Schwinger kann nie genügend Stunden im Sägemehl verbringen.»
Mit dem Muni ins Restaurant
Was Knüsel ebenfalls vermisst, ist die Geselligkeit unter den Schwingern. «Früher haben wir nach einem Schwingfest noch stundenlang im Restaurant Balmer in Abtwil gefeiert. Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen, Musik gemacht und Spass gehabt», erzählt er. In diesem Restaurant Balmer ging am Sonntag, 24. August 1986 um 16.35 der Jubel los, als der Radioreporter erklärte, dass Knüsel Schwingerkönig wurde. Im Restaurant Balmer selbst hängen zwei Bilder des Schwingerkönigs von 1986. Eines zeigt den Siegerschwung von Sion. Auf dem anderen ist Knüsel samt Muni im Inneren des Restaurants zu sehen. «Ja, als ich mein erstes Schwingfest gewonnen habe, kam ich mit dem Muni in das Restaurant», erzählt Knüsel lachend. «Diese Geselligkeit ist irgendwie verloren gegangen. Die Werte in der Gesellschaft haben sich verändert. Mir fehlen diese Feste.»
Schwingen muss im Vordergrund stehen
Dennoch ist auch vieles erhalten geblieben, was dem ehemaligen Schwinger gefällt. «In Zug haben rund 57 000 Zuschauer in der Arena Platz», sagt er. «Wenn man darüber nachdenkt, ist das ‹Eidgenössische› eine reine Schweizer Meisterschaft. In welchem anderen Sport hat eine Schweizer Meisterschaft so viele Zuschauer?» Obwohl sich Knüsel auch nicht als Traditionalist sieht, begrüsst er gewisse Werte im Schwingsport. «Die Arena ist heilig. Dort gibt es kein Werbebanner, keine Reklame. Das Schwingen steht im Vordergrund. Wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, geht es bergab.»
Für Harry Knüsel geht es unterdessen alles andere als bergab. Er betont, dass es Zufall war, dass er angefangen hat zu schwingen. Dennoch ist er froh und dankbar, dass er die Möglichkeit hatte. Der ehemalige Sportmuffel ist durch seinen Sport aktiver geworden. «Ich bin ein Bewegungsmensch geworden. Mittlerweile betreibe ich viele verschiedene Sportarten», so der Schwingerkönig von 1986. «Ich fahre Ski, gehe biken oder in die Berge. Mittlerweile bin ich eher hyperaktiv.»
Im Schwingen ist er heute weniger aktiv. Bis er 50 Jahre alt war, gab er in der ganzen Schweiz Schwingkurse. Zwölf Jahre lang war er Kassier im Verein Cham-Ennetsee. Mittlerweile hat er keine Funktion mehr. Knüsel unterstützt den Klub aber in der Organisation von Anlässen oder als Sponsor. Ansonsten hilft der selbstständige Unternehmer im OK von diversen Schwingfesten, wie dem «Eidgenössischen» im diesem Jahr. Es findet in Zug statt, dem Kanton, in dem Knüsels Stammklub Cham-Ennetsee zu Hause ist. Er ist als Botschafter das Gesicht des «Eidgenössischen» nach aussen. Ob ihm das aktive Schwingen und die Schwingkurse fehlen? «Nein, mir fehlt es an nichts», sagt der Schwingerkönig von 1986.
Über Knüsel und Sion
Harry Knüsel wurde am 14. Februar 1961 geboren. Er lebt in Abtwil. Der selbstständige Unternehmer konnte in seiner Karriere als Schwinger 66 Schwingfestsiege feiern. Darunter waren 16 Kranzfestsiege. Insgesamt hat er 73 Kränze gewonnen. In den Jahren 1988 und 1989 war er jeweils Sieger an den drei klassischen Bergschwinget Stoos, Rigi und Brünig. Das ist einmalig in der 100-jährigen Schwingergeschichte.
Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest in Sion 1986:
277 Schwinger
26 000 Zuschauer
132 Schwinger im Kranzausstich
46 Kränze
Schlussgang: In der siebten Minute versucht Schläpfer einen Brienzer; Knüsel hängt aus und leert rückwärts platt. Der damals 25-jährige, 104 kg schwere und 188 cm grosse Harry Knüsel kann darauf die Walliser Kampfkuh «Prune» als Siegespreis entgegennehmen.



