Die Schultz-Party
28.05.2019 SportFussball, 1. Liga Promotion: Wohlen – Breitenrain 2:0 (1:0) – Alain Schultz tritt mit einem Tor zurück
Dieser Teufelskerl Alain Schultz. Er schafft es tatsächlich, in seinem Abschiedsspiel ein Traumtor zu erzielen. Danach wurde mit alten ...
Fussball, 1. Liga Promotion: Wohlen – Breitenrain 2:0 (1:0) – Alain Schultz tritt mit einem Tor zurück
Dieser Teufelskerl Alain Schultz. Er schafft es tatsächlich, in seinem Abschiedsspiel ein Traumtor zu erzielen. Danach wurde mit alten Weggefährten im Stadion und in der «Zanzibar» gefeiert. Mit dabei war Vater Richard Schultz, der vor Stolz fast platzte.
Stefan Sprenger
Nach Spielschluss steht Richard Schultz in der Garderobe des FC Wohlen in den Niedermatten. «Sieht ja aus wie im Spital hier», so der lächelnde Kommentar des Vaters von Alain Schultz. Er ist ein Sprücheklopfer, dieser Coiffeur aus Basel, der trotz seiner 67 Jahre und Pensionierung weiterhin am Barfüsserplatz Haare schneidet. Und an diesem Tag ist er besonders stolz auf seinen Sohn, der nach 357 Spielen für den FC Wohlen glorreich verabschiedet wird.
Dass sein Abschied legendär wird, dafür sorgt Alain Schultz gleich selbst. 63. Minute. Alain Schultz kriegt den Ball an der Strafraumgrenze. Er umdribbelt zwei Gegenspieler und zieht mit links ab. Der Schuss passt genau in die untere Torecke. 1:0 für Wohlen. Unglaublich. Die Mannschaft jubelt ausgelassen, das Stadion steht und applaudiert, sogar der Gegner zeigt sich beeindruckt und gratuliert. Der Bomber, er trifft in seinem Abschiedsspiel, und das hat er sich redlich verdient. Sein letztes Saisontor erzielte er am 29. August 2018 beim 3:2-Sieg gegen YF Juventus.
Auf der Tribüne klatscht Papa Richard Schultz. Er muss voller Stolz lachen. Und es sieht so aus, als würde er gleich anfangen zu weinen. Papa Schultz, er beschreibt das Tor mit seinen eigenen Worten: «Eine super Pfanne. Der Wahnsinn. Mit dem linken Huf haut er die Pille ins Netz. Grandios. Einfach grandios.»
Das besondere Einlaufkind
Es wäre sogar eine filmreife Geschichte geworden. Schultz macht eine Kiste im letzten Meisterschaftsspiel und ballert so den FCW zum Klassenerhalt. Doch der Abstieg stand schon seit einer Woche fest. Und – weil YF Juventus verliert – fehlt am Ende nur ein Punkt für den Ligaerhalt. Papa Richard hat wohl recht, wenn er sagt: «Ich bin mir ganz sicher, hätte sich Alain nicht das Kreuzband im letzten September gerissen und wäre so lange verletzt ausgefallen, dann wäre der FC Wohlen nicht abgestiegen.» Nun ist es aber so. «Das müssen wir akzeptieren», meint der Papa.
Beim Sieg gegen Breitenrain erzielt Giovanni La Rocca nach einem herrlichen Solo das 2:0. Es war ein versöhnlicher Abschluss für den FC Wohlen. Die Stimmung war grösstenteils gelassen. Der Druck weg. Man will nächste Saison in der 1. Liga classic angreifen. Dass «nur» 250 Fans kamen, hatte wohl auch damit zu tun, dass es eine halbe Stunde vor Matchbeginn heftig regnete und hagelte. «Schön, dass ihr trotz des Scheisswetters gekommen seid», sagt Schultz vor der Partie, als er von den FCW-Verantwortlichen verabschiedet wurde. «Danke für alles, lieber Alain», meinte Verwaltungsratspräsident André Richner – diesen Satz hörte Schultz sehr oft an diesem Tag.
Alain Schultz hatte vor dem Anpfiff ein besonderes Einlaufkind dabei. Sein Name: Michael Winsauer, 36 Jahre alt, Lehrer aus Waltenschwil und früherer Mitspieler von Schultz. Der verrückte Österreicher Winsauer verkleidete sich als Franz Beckenbauer – in Anlehnung an den Spitznamen, den er für Schultz seit Jahren hat: «Franzl». Winsauer meinte: «Es war ein schöner Abschied für Schultz. Das hat er sich mehr als verdient. Er geht als Ikone.»
Nach der Partie sieht Papa Schultz von Weitem Sergio Colacino. Der frühere Super-League-Spieler und heutiger Trainer des FC Mutschellen kommt lachend daher und umarmt Schultz’ Vater. Sie kennen sich aus der glorreichen Saison 2007/08, als der FC Wohlen lange vorne mitkickte. «Diese Saison damals war der Oberhammer», sagt der Vater – auch, weil sein Sohn 20 Kisten schoss und der Spitzname «Der Bomber» entstand.
Colacino meint zum letzten Auftritt von Schultz: «Fehlerfreies Spiel, schönes Tor, toller Abschluss.» Und der Wohler Colacino fragt sich heute noch, wieso vor rund zehn Jahren die Grasshoppers Zürich den sackstarken Alain Schultz erst ausgeliehen und dann doch nicht verpflichtet haben. «Er wäre bereit gewesen damals. Und er hätte mit seinen grossen Qualitäten zehn Jahre Super League gespielt.» Er könne stolz sein auf seine grandiose Karriere, meint sein Freund Colacino.
Nach Schlusspfiff taucht ein weiterer Schultz-Freund auf: Ronny Minkwitz. Minkwitz, der auf die neue Saison hin vom FC Muri zurück auf die Niedermatten kehrt, soll der Nachfolger werden von Schultz. «Das ist aber ein enorm schwieriges Unterfangen», meint Minkwitz, der ebenfalls «zutiefst beeindruckt» ist von der Leistung und Vereinstreue von Alain Schultz. «Ein einzigartiger Spieler», so Minkwitz.
«So einen wie Alain wird es in Wohlen nie mehr geben»
Die Schultz-Party geht in der «Zanzibar» in die Verlängerung. Adrian Meyer, der sportliche Leiter des FCW, ist da, FCW-Freund Urs Kaufmann ebenso, Goalie-Trainer Boris Ivkovic sorgt für Stimmung, Handball-Torhüter Sascha Rudi, der im Namen der Wohler Handballer ein Geschenk überreichte, feierte genauso wie Michael Winsauer, Sergio Colacino, Ronny Minkwitz oder FC-Muri-Goalie Yanick Hofer. Weitere Weggefährten und Freunde von Alain Schultz sorgten ebenfalls dafür, dass der letzte Abend ein würdiger wurde.
FCW-Aussenverteidiger Stefano Geri, der wenige Stunden zuvor den letzten Assist für Alain Schultz auflegte und «darauf sehr stolz» war, spurtete gegen Mitternacht auf den letzten Zug Richtung Innerschweizer Heimat. Und natürlich war auch Papa Richard Schultz bei der After-Party zum Abschiedsspiel dabei. Seine Abschlussworte: «Was Alain geleistet hat, da ist fast keine Steigerung mehr möglich. Ich bin sehr stolz auf ihn. Und ich werde in Zukunft mit Alain natürlich wieder die Spiele in den Niedermatten anschauen. Diese Liebe geht nie zu Ende. Wir hatten hier grandiose Zeiten. So einen Spieler wie meinen Alain, das wird es in Wohlen nie mehr geben.» Und auch damit hat er vollkommen recht.
Jetzt noch die Cup-Quali
Es ist noch nicht Schluss bei Alain Schultz und dem FC Wohlen. Das Team hat am nächsten Samstag (16 Uhr) noch einen Ernstkampf zu bestreiten. In der Qualifikation für den Schweizer Cup geht es gegen den FC Köniz. Deshalb wird diese Woche noch voll trainiert. Das Ziel ist klar: Der FCW will in der nächsten Spielzeit im Schweizer Cup antreten und dort auf ein grosses Los hoffen. --spr
Extra
Das Ärgernis: Die FC Wohlen-Spieler rafften sich trotz Abstieg nochmals auf und kämpften zum Abschluss vorbildlich. Mit diesem Kampfgeist wäre der Ligaerhalt allemal drin gelegen. Nur schade, zeigte man dies viel zu selten.
Die Zahl der Karriere: 88. So viele Tore erzielte Alain Schultz für den FC Wohlen.
Die Fanstimme: Sascha Rudi, der Torhüter der Wohler Handballer, sagt: «Heute ging es nur um Alain Schultz. Er ist eine lebende Legende für den FC Wohlen. In seinem letzten Spiel erzielt er noch ein Tor, unglaublich, das passt zu ihm.»
Der Gegner: Breitenrain spielt munter mit, zeigt sich aggressiv, aber auch sehr fair. Bei der Auswechslung von Schultz schenken ihm auch die Breitenrain-Spieler Umarmungen und Applaus.
Das nächste Spiel: Am kommenden Samstag (16 Uhr) geht es im Heimspiel auf der Niedermatten gegen Köniz um den Einzug in den Schweizer Cup.



