Näher ran geht nicht
18.04.2019 SportSwiss Press Award Foto Kategorie Sport: Freiämter Andy Müller mit dem dritten Rang ausgezeichnet
Er kennt alle Sportstätten der Schweiz. Und ist fast immer auf der Jagd nach dem speziellen Bild. Nun erfuhr Andy Müller mit dem ...
Swiss Press Award Foto Kategorie Sport: Freiämter Andy Müller mit dem dritten Rang ausgezeichnet
Er kennt alle Sportstätten der Schweiz. Und ist fast immer auf der Jagd nach dem speziellen Bild. Nun erfuhr Andy Müller mit dem Bronze-Award eine Bestätigung für sein Schaffen.
Daniel Marti
«Ich will das Weisse in den Augen des Spielers sehen», sagt er mit einer Selbstverständlichkeit. So nahe dran will Andy Müller sein. Und zwar immer. Ohne Ausnahme und beharrlich. Erst dann ist er zufrieden, erst dann hat er seinen Lieblingsplatz in einem Stadion gefunden.
Diese Nähe sei leider aus der Mode gekommen, sagt er noch ganz kritisch. Denn viele seiner Arbeitskollegen sitzen bequem auf der Tribüne, montieren das beste Objektiv und knipsen drauflos. Genau das ist nicht die Welt von Andy Müller. Er will mittendrin sein im Sportgeschehen, oder wenigstens ganz nahe dran. Nur so gelingen ausserordentliche Bilder. Die Nähe als Qualitätsbeweis – dies lebt er vor als Mitbesitzer der Fotoagentur Freshfocus GmbH. Seine Teammitglieder ticken ähnlich, Schwellenangst gibt es bei Freshfocus nicht.
Über WM-Silber zu Award-Bronze
Dank dieser Nähe wurde Andy Müller, auch Fotograf dieser Zeitung und wohnhaft in Rudolfstetten, kürzlich aufs Podest gehievt. Beim Swiss Press Award Foto Kategorie Sport durfte er sich über den 3. Platz freuen. Eine Bilderstrecke von der letztjährigen Eishockey-WM dokumentiert den Siegeszug der Schweizer Eishockeyaner, die bis in den Final vorgestossen sind. «Der Weg zur WM-Silbermedaille», so heisst die Bildstrecke, die für Bronze reichte. Das Werk von Andy Müller dokumentiert ein Top-Ereignis in der Schweizer Sportgeschichte. Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft schrammt am 20. Mai 2018 an der WM in Dänemark um Haaresbreite an Gold vorbei.
Abgebildet sind Emotionen pur und folgende Spielszenen: Kevin Fiala gegen Kanada in Bedrängnis, Joel Vermin verhilft dem Fotografen gegen Weissrussland zu einem Selbstporträt, Tristan Scherwey jubelt gegen Kanada, Raphael Diaz mit vollem Einsatz gegen Kanada.
Die Auszeichnung freut Müller natürlich. «Aber», gibt er zu, «ich habe ja nur aus Trotz mitgemacht.» Schon zwei-, dreimal hat er sich mit einer Bildauswahl beim Award beteiligt. Stets ohne Erfolgschancen, die eigentlich nur bei den grossen Agenturen angesiedelt sind. In der Vergangenheit sei er auch beleidigt gewesen, wenn sein Name nicht in den Siegerlisten aufgetaucht sei.
Immerhin eine Bestätigung
Nun habe er ein echtes Top-Sportbild eingereicht – und der Rangierung locker entgegengeblickt. «Denn normale Bilder gibt es viele. Der Doppeladler ist beispielsweise kein spezielles Bild. Das hat ja jeder geschossen», so Müller. Die Müller-Bildstrecke ist wahrlich etwas Besonderes. Der Fotograf blickt den Eishockeyspielern direkt in die Augen, nur Millimeter voneinander getrennt, nur die Plexiglasscheibe dazwischen. Näher geht nicht. In der Beurteilung ist sogar die Rede davon, dass der Fotograf ein Selfie geschossen habe, sein Gesicht spiegelt sich auf der Glasscheibe.
So viel Nähe, so viel Extravaganz. Das musste fürs Podest reichen. «Die Feedbacks aus dem professionellen Kreis waren durchwegs positiv», sagt er. Und einen Satz kann sich Müller dabei nicht verkneifen: «Viele haben mein Bild auf dem ersten Platz erwartet.» Egal, den ersten Platz hat er bereits in seiner Sammlung, das war bei einem internationalen Wettbewerb. Und nach einem gewissen Zögern gibt er auch zu: «Ja, der dritte Rang hat schon eine Bedeutung für mich. Es ist eine Bestätigung.»
Seine Karriere als Sportfotograf startete Andy Müller im Jahr 1991 im regionalen Fussball – auch für diese Zeitung. «Das war eine verrückte Zeit», blickt er zurück. Fünf Jahre später wagte er den Schritt zum professionellen Sportfotografen. «Das würde ich heute nicht mehr machen», sagt er schlagartig. Als einzelner Fotograf sei der Job echt schwierig. «Und die Preise sind ein Elend.» Der empfohlene Preis für ein professionelles Bild wird schon lange nicht mehr bezahlt. Und Online-Bilder werden von der ganzen Welt als gratis erachtet. Ein echtes Ärgernis für Profi-Fotografen. «Der Gesamtarbeitsvertrag für Profi-Fotografen ist schon längst gestorben», kritisiert er.
Mittlerweile lässt Andy Müller an seinem Computer den Countdown laufen. Für die Pensionierung, die Ende Mai ansteht. «Dann», sagt er, «werde ich nur noch das ausführen, was mir Spass macht.» Also fotografieren. Aber ohne Gerangel um die besten Plätze in einen Fussball- oder Eishockey-Stadion. Und sowieso, die besten Plätze seien ja oft für VIP oder Sponsoren reserviert. Aber letztlich sei das Talent oder das Feeling massgebend, sagt er. «Grundsätzlich kann es aus jeder Position gute Bilder geben.» Für ihn ist die Nähe einfach wertvoller.
Apropos Spass, den Andy Müller künftig haben will. In «seiner» Firma wird man ihn weniger sehen, 25 Prozent Anteile an der Freshfocus GmbH wird er behalten. Die Mehrheit geht dann an seine Teamkollegen Daniela Frutiger und Urs Lindt. Bis am 30. Mai, an diesem Tag wird er 65, wird Müller noch professionell unterwegs sein. Danach zählt der Spass. «Ich fotografiere lieber ein Spiel des FC Wohlen als den WM-Final», sagt er.
Mit dem Schlafzimmer nach Portugal
Und was macht er als Erstes im Ruhestand? Dann fährt er nach Portugal an das Finalturnier der Nations League vom 5. bis 9. Juni. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat den Sprung ins Finalturnier geschafft. Passt das zur neuen Spass-Einstellung? «Aber sicher!», Mit seinem Van wird er in den Süden fahren. «Der ist Fahrzeug, Büro und Schlafzimmer in einem. So etwas macht doch echt Spass.» Und dann wird er im Fussballstadion von Porto beim Spiel Portugal – Schweiz präsent sein – mit viel Spass und Nähe.



