Ortsbildern Sorge tragen
14.12.2018 Beinwil/Freiamt«Intakte Ortsbilder sind identitätsstiftend», sagt Martin Schneider vom kantonalen Baudepartement. Doch wie gehen die Gemeinden im Freiamt mit dieser Aufgabe um? Wir haben sechs mögliche Beispiele.
Dem Herzen Sorge tragen
Das ...
«Intakte Ortsbilder sind identitätsstiftend», sagt Martin Schneider vom kantonalen Baudepartement. Doch wie gehen die Gemeinden im Freiamt mit dieser Aufgabe um? Wir haben sechs mögliche Beispiele.
Dem Herzen Sorge tragen
Das Freiamt ist reich an geschützten Ortsbildern und Gebäuden
Der Schutz von Ortsbildern und Gebäuden trägt nicht nur zur Identität einer Gemeinde bei, er kann auch das Zusammenleben und die Wirtschaft fördern.
Vincenz Brunner
Im Freiamt sind 45 Ortsbilder im ISOS enthalten. Das ISOS ist das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz. Es umfasst die besonders wertvollen und erhaltenswerten Ortsbilder von regionaler und nationaler Bedeutung.
Im Kanton Aargau sind diese Ortsbilder im Richtplan festgesetzt und müssen von den Gemeinden in der Nutzungsplanung berücksichtigt werden. Darüber hinaus dient das ISOS Fachleuten aus den Bereichen Planung, Ortsbildschutz und Denkmalpflege als wichtige Entscheidungsgrundlage.
«Intakte Ortsbilder sind identitätsstiftend, oft ist das historische Ortsbild das Herz der Gemeinde, der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens und ein wichtiger Begegnungsraum. Welchen Stellenwert intakte Ortsbilder in der Bevölkerung haben, sieht man auch daran, dass man Besuchern doch in aller Regel den historischen Kern zeigt und nicht etwa eine neue Überbauung in der Wohnzone», erklärt Martin Schneider, Sektionsleiter beim Departement für Bau, Verkehr und Umwelt. Er ist für die Orts-, Siedlungs- und Regionalplanung zuständig.
Das Inventar überarbeiten
Wirtschaftlich profitiert eine Gemeinde durch Vorteile im Standortmarketing und die grössere Attraktivität in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die Eigentümer von Immobilien profitieren, da ihre Liegenschaft in einem attraktiven Umfeld mehr Wert hat. Zuletzt profitiert auch die Umwelt, da Orts- und Landschaftsbilder gewahrt und die wichtigen Freiräume freigehalten werden können.
Mittlerweile ist das ISOS im Kanton Aargau gut 40 Jahre alt, wodurch zum Teil Differenzen zwischen dem Inventar und den tatsächlichen Verhältnissen in den Ortsbildern bestehen. Der Bund aktualisiert momentan schweizweit das ISOS und wird in den nächsten Jahren auch den Kanton Aargau überarbeiten. Dadurch können solche Differenzen bereinigt werden.
Ganz viele Faktoren bei Beurteilung einbeziehen
In einem ersten Schritt wird überprüft, ob ein Ortsbild noch von nationaler oder regionaler Bedeutung ist oder ob bereits zu viel zerstört wurde. «Es kann durchaus auch sein, dass ein Ortsbild herabgestuft wird. Insgesamt kann man aber festhalten, dass es im Aargau noch vergleichsweise viele Ortsbilder von hoher Qualität gibt, die es zu schützen gilt», so Martin Schneider. Entscheidend für die Bewertung im ISOS sind topografische, räumliche und architekturhistorische Qualitäten. Das ISOS beurteilt dabei nicht die einzelnen Gebäude, sondern das Ortsbild als Ganzes.
Denkmalpflege kümmert sich um einzelne Gebäude
Um den Erhalt einzelner Gebäude kümmern sich die Gemeinden, insofern es sich nicht um kantonale Schutzobjekte handelt. Unterstützt werden sie dabei von der kantonalen Denkmalpflege. Diese erarbeitet das sogenannte Bauinventar, in dem potenzielle Schutzobjekte bis zum Baujahr 1920 enthalten sind. Die Gemeinden müssen das Bauinventar in der Nutzungsplanung umsetzen. Abweichungen müssen auf fachlicher Basis begründet werden, zum Beispiel, wenn der Zustand eines Gebäudes schlechter als angenommen ist und es somit nicht erhalten werden kann.
«Wir empfehlen den Gemeinden, neuere Gebäude nach 1920 selber anzuschauen und zu schützen», so Martin Schneider. Die Schutzbemühungen der kantonalen Verwaltung und der Gemeinden stossen nicht nur auf Gegenliebe:
«Es bestehen zum Teil Vorurteile oder es werden sogar Ängste geschürt, wenn es heisst, ein Gebäude solle geschützt werden. Selbstverständlich kann es sein, dass man ein Stück weit eingeschränkt wird. Der Umgang mit einem geschützten Gebäude braucht viel Erfahrung und ausgewiesene Fachleute. Dann aber können eine Qualität und eine besondere Atmosphäre entstehen, die ein Neubau kaum erreichen kann», so Martin Schneider.
Herausforderung Altstadt
Das Ortsbild in Bremgarten ist besonders schützenswert
Das Bauen in der Altstadt ist mit manchen Hürden verbunden. Die meisten Liegenschaftsbesitzer sind sich aber ihrer Verantwortung für das Ortsbild bewusst.
Vincenz Brunner
Die Altstadt Bremgartens ist wahrlich ein Juwel. Die Türme, die Gassen, die Brücken, die Häuser. Und das meiste ist in einem guten Zustand. Damit das so bleibt, sind verschiedene Beteiligte vor grosse Herausforderungen gestellt. Der Kanton nimmt mit der Ortsbildpflege und dem Denkmalschutz Einfluss, und die Gemeinde regelt in der Bau- und Nutzungsordnung, was in welcher Zone gebaut werden darf.
Besonders strikt sind diese Regeln, wenn es um geschützte Ortsbilder oder denkmalgeschützte Bauten oder ihr Umfeld geht. «Unsere Möglichkeiten als Stadtbehörde sind relativ beschränkt. Es muss die Bereitschaft der Liegenschaftsbesitzer vorhanden sein», erklärt Vizeammann Doris Stöckli.
Manches ist stark eingeschränkt
Die Stadt entscheidet via Baubewilligungen, was gebaut werden darf. Ob gebaut wird oder nicht, liegt beim Besitzer der Liegenschaft. «Die Herausforderung ist gross. Man möchte die Altstadt möglichst lebendig erhalten, aber auch so, dass Leute dort wohnen können», so Doris Stöckli. «Die Herausforderung der Eigentümer ist es, nicht nur das Nötigste zu machen, sondern so zu investieren, dass es der Altstadt zugutekommt», erklärt Marcel Weibel, Leiter der Bauverwaltung. «Es ist auch eine Herausforderung, mit den Vorgaben etwas Vernünftiges zu bauen», führt Doris Stöckli an.
Viele Diskussionen gebe es zum Beispiel wegen der Balkone. An der Marktgasse werden grundsätzlich keine erlaubt, in Richtung der Ehgräben kann man darüber diskutieren. Ein weiterer Punkt, der oft angesprochen wird, ist das mangelhafte Tageslicht in der Wohnung. Man darf nur begrenzt grosse Fenster einbauen, die Möglichkeiten sind durch das Reglement stark eingeschränkt. Auch das Thema «Treppen» taucht immer wieder auf. Sie sind in den alten Häusern oft sehr schmal und beanspruchen viel Platz. Lifte allerdings gefallen der Denkmalpflege nicht besonders.
Trotz der vielen Einschränkungen ist die Stadt auf das Engagement der Liegenschaftsbesitzer angewiesen. Doris Stöckli: «Das Engagement in der Altstadt ist gut, überdurchschnittlich im Vergleich mit anderen Städten. Mir scheint die Bereitschaft zur Investition in den Seitengassen grösser.» Irgendwo werde in der Altstadt immer etwas gemacht, ergänzt Marcel Weibel.
Soll kein Ballenberg sein
Wegen der Altstadt ist der Kontakt mit der Denkmalpflege rege. «Wir ziehen sie bei jedem die Altstadt betreffenden Baugesuch beratend bei. Zu Tagungen der Altstadtkommission ist sie auch eingeladen. Dadurch haben wir einen guten Kontakt, und man kann vieles bilateral regeln.» Doris Stöckli ist Präsidentin der Altstadtkommission.
Bei der Frage nach Differenzen mit der Denkmalpflege muss Marcel Weibel schmunzeln: «Diese Frage kommt immer.» Natürlich gebe es Konflikte, zum Beispiel, wenn der Bauherr aushöhlen möchte und die Denkmalpflege möglichst alles erhalten will. «Die Kompromissbereitschaft ist aber in der Regel bei allen Beteiligten gut», so der Leiter der Bauverwaltung. Es helfe, wenn man den Eigentümern den Wert des Erhaltenswerten aufzeige. Oft wissen sie nicht, was für ein spezielles Gebäude sie haben, zum Beispiel wie alt es ist. Eigentümern wird geraten, möglichst frühzeitig bei den Behörden nachzufragen. «Manche kommen sogar schon vor einem möglichen Kauf zu uns und lassen sich beraten. Uns ist es wichtig, dass die Gebäude unterhalten werden, davon profitiert auch die Nachbarschaft. Vielen Leuten ist es wichtig, dass das Ortsbild erhalten bleibt. Es soll aber kein Ballenberg werden. Nur weil mein Haus mehrere hundert Jahre alt ist, wasche ich meine Wäsche nicht von Hand», fasst Doris Stöckli zusammen.
Dorfbild erfolgreich geschützt
Jonen: Das Zentrum lebt – obwohl es unter Schutz steht
Im Juli 2017 wurde die neue Landi fertiggestellt, die Baubewilligung für die Überbauung des «Kreuz»-Areals wurde vor einem Jahr erteilt. Beide Bauvorhaben betreffen beziehungsweise betrafen das geschützte Zentrum der Gemeinde.
Vincenz Brunner
Jonen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Allein 2016/17 wurden Baubewilligungen für 125 Wohnungen erteilt. Dies nahm der «Blick» als Anlass, von Jonen als einer «Geistergemeinde» zu schreiben. Es wurde befürchtet, dass die geplanten Wohnungen leer bleiben. Bis heute sind 100 Wohnungen der bewilligten Bauten gebaut worden, gut drei Viertel davon sind bereits verkauft oder vermietet. «Das ist sehr erfreulich», freut sich Gemeinderat Luigi Alberti. «Wir sind nahe an Zürich, Zug und Luzern; Jonen ist ein guter Standort und hat eine gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr», erklärt der Gemeinderat die guten Verkaufszahlen. Von einer Geistergemeinde kann also keine Rede sein, auch weil das Vereinsleben in Jonen in einem guten, lebendigen Zustand ist.
Im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder
Zur Attraktivität Jonens trägt auch der Schutz des Ortsbildes bei. «Wir freuen uns, im ISOS aufgenommen worden zu sein, es sind rund 60 Gebäude im Inventar», erklärt Gemeindeschreiber Arnold Huber. Das ISOS ist das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung. «Das ist eine riesige Herausforderung für die Behörde, welche die Baubewilligungen erteilt», so der Gemeindeschreiber. Er erhält regelmässig Anrufe von Leuten, die in Jonen einen Spaziergang machen und nun fragen, ob es in dem schönen Dorf noch freie Wohnungen gebe, oder einfach das Ortsbild loben. «Bisher ist es gelungen, bei den Baubewilligungen alle Interessen unter einen Hut zu bringen, auch wenn es manchmal nicht einfach war. Das Dorfbild als solches ist schön, wir können also sagen: Übung gelungen», erklärt der Gemeindeschreiber. Bauwilligen rät er, frühzeitig mit der Gemeinde Kontakt aufzunehmen, damit eine Vorprüfung durchgeführt werden kann. Wie so ein Verfahren aussehen kann, zeigt der Bau der Landi im Zentrum. 2012 wurde das Projekt seitens der Bauherren der Fachkommission Bau- und Nutzungsordnung vorgelegt. Es zeigte sich, dass das Projekt nicht mit den geforderten Bedingungen des Ortsbildschutzes übereinstimmte. Unter anderem war die Nähe zur Kirche und der Taverne ausschlaggebend, die wichtige Elemente des Dorfbilds sind. 2013 schlug die kantonale Denkmalpflege deshalb einen Studienauftrag vor. «Die Bauund Nutzungsordnung schränkt gestalterische Möglichkeiten ein, ein Studienauftrag kann da gewisse Türen öffnen. Ich denke, es ist eine Winwin-Situation. Die Gemeinde erhält ein zum Ortsbild passendes Gebäude und die Bauherren mehr Spielraum für ihr Entgegenkommen», so Luigi Alberti.
Nun folgt das «Kreuz»
Auch der Gasthof Kreuz liegt zentral. Am 30. Oktober 2017 wurde die Baubewilligung für die Arealüberbauung erteilt; sie ist zwei Jahre gültig. Es sollen 22 Wohnungen und eine Tiefgarage mit 24 Plätzen erstellt sowie das «Kreuz» umgebaut und mit drei Wohnungen erweitert werden. «Das stattliche steinerne Haus wird, von Anbauten befreit, wieder als mächtiger Solitär die Flussbiegung dominieren. Zwei längliche hochtransparent geschichtete Bauten werden in Analogie zu geschichteten Bretterstapeln die ehemaligen Ökonomiegebäude markieren und ersetzen. Ein kleiner Baukörper zwischen Hauptgebäude und Strasse gibt dem Aussenraum mehr räumlichen Halt. Es darf festgestellt werden, dass mit der neuen Wohnsiedlung ein vierteiliges, atmosphärisch stimmiges und räumlich attraktiv gefasstes Ensemble geschaffen wird», hält die Gemeinde zum Baugesuch fest.
Älteste Gebäude geschützt
Rudolfstetten: Die Familie Wiederkehr prägte das Ortsbild mit ihren Bauten
Gleich drei der ältesten Gebäude in Rudolfstetten wurden von der Familie Wiederkehr aus Dietikon gebaut. Mühle, «Sternen» und Gemeindehaus stehen unter Schutz.
Vincenz Brunner
Die Mühle in Rudolfstetten und die dazu gehörende Mühlenscheune gelten als älteste Gebäude des Dorfs. Sie wurden 1639 durch Heinrich Wiederkehr gebaut und sind heute in Privatbesitz. Die Gebäude stehen unter Substanzschutz. Das bedeutet, dass sie nicht abgebrochen werden dürfen und zu unterhalten sind. Innerhalb des bestehenden Bauvolumens dürfen sie aus- und umgebaut werden, soweit dies dem Schutzziel nicht widerspricht. Die Mühle wurde vor rund 25 Jahren renoviert. Heute beherbergen die Gebäude hauptsächlich Wohnungen; die Gebäude gehören nicht mehr der Familie Wiederkehr. «Da die beiden Gebäude ausserhalb der Bauzone stehen, ist das Schutzziel für die Gemeinde leicht zu erreichen, weil hier die Hürden noch viel höher sind», erklärt Gemeindeammann Josef Brem.
Von Fall zu Fall beurteilen
Im Allgemeinen entscheidet die Gemeinde über die Bau- und Nutzungsordnung, welche Gebäude sie wie schützen will. Dazu steht ihr neben dem Substanzschutz der Volumenschutz zur Verfügung. Gebäude, die unter Volumenschutz stehen, können im Gegensatz zu solchen unter Substanzschutz abgebrochen werden, sofern die Erstellung von Ersatzbauten gesichert ist. «Bei einem Wiederaufbau kann aus Gründen der Verkehrssicherheit eine geringfügige Standortverschiebung verlangt werden. Gesamthaft ist auf eine besonders gute Einpassung in das Ortsbild zu achten», hält die Bau- und Nutzungsordnung der Gemeinde fest.
Abweichungen vom bisherigen Gebäude und Erweiterungsbauten sind zugelassen, wenn eine ortsbaulich gleichwertige Lösung erreicht wird. Ebenfalls zugelassen sind Abweichungen der Abmessungen und Abstände. Sie werden vom Gemeinderat von Fall zu Fall unter Berücksichtigung der gestalterischen und wohnhygienischen Erfordernisse und in Abwägung der beteiligten privaten Interessen festgelegt.
Taverne und Zehntenhaus
Unter Volumenschutz steht zum Beispiel die «Taverne zum Sternen», die 1816 von der Familie Wiederkehr gebaut wurde und bis heute in ihrem Besitz ist. «Anna Wiederkehr hat ihr ganzes Leben dort verbracht und auch gewirtet. 2014 hat sie mit 87 Jahren die Pacht abgegeben, aber noch weiter dort gearbeitet. Nachdem sie die letzten Monate im Alterszentrum in Widen verbringen durfte, ist sie am letzten Dienstag, nach einem von Gastfreundlichkeit geprägten Leben, eingeschlafen», so Josef Brem.
Das dritte Gebäude, das von der Familie Wiederkehr gebaut wurde, ist das heutige Gemeindehaus. Früher war es das Zehntenhaus, es wurde von Johannes Wiederkehr um 1795/96 gebaut. Es wurde 1973 von der Gemeinde gekauft und saniert, davor wurde es für Wohnungen genutzt. Es handelt sich um das zweitälteste Gebäude im Dorf und es steht unter Substanzschutz. «Es war gut, dass wir das Haus gekauft haben, so ist es für alle zugänglich», blickt Brem zurück. Dazu komme, dass geschützte Gebäude oft verfallen, weil sich der Eigentümer die Renovation nicht leisten kann. Deshalb sei es besser, wenn solche Gebäude der öffentlichen Hand gehören. Sie sei eher gewillt, die Mittel für den Erhalt aufzubringen.
Bisher keine Änderungen vorgesehen
«Wenn die Sicherheit bei Privatgebäuden nicht mehr gewährleistet ist, so muss die Gemeinde als Baupolizeibehörde einschreiten, sofern eine Gefahr für Umwelt und Dritte besteht», erklärt Gemeindeschreiber Urs Schuhmacher. Ansonsten sind der Gemeinde die Hände gebunden, sofern sie nicht über ein Baugesuch zu entscheiden hat. Erlaubt sind je nach Gebäude Innenausbau, Umnutzungen und kleine Erweiterungen im Rahmen der Bau- und Nutzungsordnung. «Hier im Gemeindehaus können wir innen alles komplett neu machen und umbauen, nur die Fassade mit Fenstern und Türen sowie Dach sind geschützt», so Urs Schuhmacher.
Die Gemeinde plant ihre Bau- und Nutzungsordnung zu überarbeiten. Der Kredit für die Planung wurde letzten Sommer bewilligt. «Bezüglich geschützter Bauten sind bisher keine Änderungen vorgesehen», so Ammann Josef Brem.
Haus von Doktor Huber bleibt
Muri: Das Gebäude an der Bahnhofstrasse steht unter Substanzschutz
Während an der Bahnhofstrasse mehrere Gebäude abgerissen werden, bleibt das Haus an der Bahnhofstrasse 7 stehen. Maurus Weber, der die Liegenschaft vor ein paar Jahren dem Gemeinderat verkaufte, erklärt warum.
Vincenz Brunner
Im Bereich des Bahnhofes stehen einige bauliche Veränderungen bevor. Nichts ändern wird sich dabei am Dr.-Huber-Haus an der Bahnhofstrasse 7, von manchen auch «Martinoli-Haus» genannt. «Die Liegenschaft ‹Bahnhofstrasse 7› in Muri wurde vor ein paar Jahren ‹irrtümlich› in ‹Martinoli-Haus› umgetauft. Die Liegenschaft dürfte diesen Namen wohl nur darum erhalten haben, weil die Tochter des ehemaligen Gemeindeammanns von Muri (Jakob Huber-Hänni) die Liegenschaft anlässlich der Erbteilung zugesprochen erhalten hat», erklärt Maurus Weber.
Er hat die Liegenschaft vor ein paar Jahren mit der Auflage an die Gemeinde Muri verkauft, dass die Liegenschaft bei der Überbauung des Bahnhofareals nicht abgerissen wird. «Ida Martinoli-Huber und ich würden es begrüssen, wenn man die Liegenschaft künftig wieder ‹Dr.-Jakob-Huber-Hänni-Haus› oder einfach ‹Dr.- Huber-Haus› benennen würde.»
Erkervorbau vor 1927
Bei der Liegenschaft an der Bahnhofstrasse 7 handelt es sich um einen Gebäudekomplex aus zwei späthistorischen Wohnhäusern, die 1904 in mehreren Etappen gebaut wurden. Der Ursprungsbau wurde gemäss Angaben des Brandkatasters von Gottlieb Bütler erbaut. Es handelt sich dabei um den bahnhofseitigen Hausteil. Daran schlossen rückwärtig zwei Nebenbauten an, die im Brandkataster als «Magazin» und «Remise» bezeichnet sind, ein einstöckiger, gemauerter Giebelbau und der bestehende flachgedeckte Holzbau. In einer späteren Bauphase wurde anstelle des Giebelbaus im Raum zwischen dem bahnhofseitigen Hausteil und dem Holzbau der bestehende östliche Hausteil gebaut. Es wird davon ausgegangen, dass dies um 1915 passiert sein muss, da die Liegenschaft zu diesem Zeitpunkt eine massive Wertsteigerung erfährt. Der Ersatz der ursprünglichen Balkone durch einen polygonalen Erkervorbau muss vor 1927 stattgefunden haben, da er auf einer Luftbildaufnahme zu sehen ist, die vor diesem Zeitpunkt entstanden sein muss. Sie befindet sich im Fotoarchiv der kantonalen Denkmalpflege. Da die Liegenschaft 1922 eine weitere Wertsteigerung erfährt, ist es naheliegend, dass der Erkervorbau in diesem Jahr gebaut wurde. «Die Wertsteigerungen haben bestimmt mit meinem Grossvater zu tun, der damals als Rechtsanwalt und Oberstleutnant in der Schweizer Armee sehr viel von seinem Verdienst in sein Eigenheim steckte», zeigt sich Maurus Weber sicher.
Erhalt ist dem Gemeinderat wichtig
Denn sein Grossvater hat die Liegenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts gekauft. Das Haus hatte jedoch noch nicht die heutige Form. «Insbesondere der westliche Büroteil, wo man bei den Vordächern zum Eingang die Initialen des Erbauers, nämlich die Initialen meines Grossvaters J und H bei den Stützeisen der Vordächer, klar erkennen kann», so Maurus Weber. «Es ist dem Gemeinderat wichtig, dieses gut erhaltene späthistorische Bauwerk aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts als Zeitdokument zu erhalten. Solche Gebäude haben eine enorme Ausstrahlungskraft und wir danken allen, die sich in den vergangenen Jahren für den Erhalt eingesetzt haben», hält Gemeindeammann Hans-Peter Budmiger fest.
«In origineller Weise dokumentieren die Häuser mit der Kombination verschiedener Zierformen den Wunsch, die sukzessive entstandenen Hausteile gestalterisch zusammenzubinden. Weitgehend hat sich die gepflegte bauzeitliche Detailgestaltung erhalten. Der rückwärtig an die Zeile anschliessende schopfartige Anbau bildet als verbretterter Zweckbau mit seiner einfachen Gestaltung ein aussagekräftiges lokal- und gewerbegeschichtliches Zeugnis», würdigt das Inventar der Denkmalpflege den Bau.
Verantwortung übernommen
Villmergen: Hanspeter Setz hat bei der Renovierung gute Erfahrungen gemacht
Die alte Ballyfabrik ist ein Wahrzeichen Villmergens. Doch der Weg dahin war nicht immer einfach, es musste viel gebaut werden.
Vincenz Brunner
Hanspeter Setz verbindet eine lange Geschichte mit der alten Ballyfabrik. «Schon als Jüngling habe ich die Bally-Schuhfabrik immer mit grossem Interesse und Respekt betrachtet. Über 1000 Menschen haben in diesem wunderschönen Gebäude gearbeitet und ihren Lebensunterhalt verdient», erzählt er. «Unser Unternehmen durfte während Jahrzehnten den grossen Bedarf an Brennstoffen, Kohle und später Heizöl, liefern.» Das waren noch Zeiten. Auf dem Bahnhof Dottikon Hunderte von Tonnen Kohle aus Bahnwagen auf Lastwagen schaufeln und beim Kesselhaus im Ballyareal wieder runter. «Oft hatte ich die Kohlenschaufel auch selber in den Händen, war abends schwarz und todmüde, aber zufrieden», erinnert er sich.
Die Schuhproduktion wurde 1987 eingestellt, die Maschinen und das Mobiliar wurden abtransportiert. In der Folge mietete es die damalige Firma Setz Gütertransport und führte dort logistische Arbeiten durch. Es wurden beispielsweise Skibindungen montiert oder Fernsehgeräte programmiert.
Erste Tageslichtfabrik
Im Jahr 2000 wollte die bisherige Eigentümerin das Gebäude verkaufen. Zuerst wurde man sich über den Preis nicht einig. «Die Fabrik war in einem traurigen Zustand», hält Hanspeter Setz fest. Für die notwendigen Renovationen wurde mit der Denkmalpflege zusammengearbeitet. «Anfangs hatte ich Bedenken, ich bin skeptisch, wenn mir jemand dreinreden will», sagt er. Unter anderem mussten die Fenster ersetzt werden, 367 Fensterrahmen mit insgesamt 15 706 Scheiben umfasste der Ursprungsbau. Die Schuhfabrik war 1909 weltweit die erste Tageslichtfabrik, die in der Eisen-Beton-Skelettkonstruktion erbaut wurde. «Wir hätten auch billigere Fenster haben können, ich wollte aber, dass sie so aussehen wie vorher», so Hanspeter Setz. Das wollte auch die Denkmalpflege und beteiligte sich an den Kosten. Geplant war auch, das Gebäude durch einen Aussenlift an der Rückseite zu ergänzen. Dies wollte die Denkmalpflege nicht. Der Lift musste innerhalb des Gebäudes gebaut werden, dazu mussten mehrere Decken durchbrochen werden und es gingen rund 600 Quadratmeter Lagerfläche verloren.
Der Lift darf von beiden Geschlechtern benutzt werden. In der alten Zeit gab es noch getrennte Treppenhäuser für Männer und Frauen. «Die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege war sehr gut, sie haben immer sinnvolle Forderungen gestellt. Auch die anderen involvierten Behörden waren vernünftig», so Hanspeter Setz.
Ziegel für Ziegel
Leider musste der Kamin abgebrochen werden. Er war ein Wahrzeichen des Baus, aber in sehr schlechtem Zustand. Wegen der Nähe zum Kesselhaus konnte er nicht gesprengt werden. Mittels einer aufwendigen Plattformkonstruktion wurde der Kamin Ziegel für Ziegel abgebaut. «Ich habe jedes Mal Freude, wenn ich die Bally sehe, eher würde ich mein Geburtshaus verkaufen. Ich bewundere, wie schön damals gebaut wurde», hält der Eigentümer fest. Freude am geschichtsträchtigen Bau hat auch Gemeindeammann Ueli Lütolf: «Die Ballyfabrik ist sehr schön und wird rege genutzt. Mit den Neuzuzügern besuchen wir sie jeweils, sie ist sehr wertvoll für uns.»
Ebenfalls ein Kenner der Geschichte der ehemaligen Schuhfabrik ist Bernhard Bodenmann. Er hat dort als 16-Jähriger die Lehre als Schuhmonteur gemacht und ab 1956 als Abwart gearbeitet. «Ich habe geholfen, die Maschinen hinauszutragen und war der Letzte, der noch für Bally gearbeitet hat», erinnert er sich. Nach dem Verkauf wurde er vom neuen Eigentümer eingestellt. Er kennt sich wie kein anderer in den Räumen aus und kann sich an viele Details erinnern. «Diese Böden sind mit einem Gemisch aus Beton und Kork gemacht», erklärt er während der Besichtigung. Er ist, wie das Gebäude, ein Zeitzeuge.
Schützen und entwickeln
Wohlen: Gemeinsam für ein schöneres Ortsbild
In Wohlen zeigt sich am Beispiel des Ensembles Schlössli und «Sternen» das Zusammenspiel verschiedenster Beteiligter zu einer gelungenen Weiterentwicklung des Dorfbilds.
Vincenz Brunner
Für den Schutz und die Weiterentwicklung des Ortsbildes ist das Zusammenspiel verschiedener Parteien notwendig. Zuallererst ist es die Aufgabe der Einwohnergemeinde, sich um den Erhalt und die Weiterentwicklung der Gemeinde zu kümmern. Auch Private spielen eine Rolle, da es die Hauseigentümer sind, die letztendlich über eine Investition entscheiden.
In Wohlen ist auch die Ortsbürgergemeinde sehr aktiv. Sie besitzt unter anderem das Restaurant Sternen und den Sternensaal. Ersteres ist verpachtet, der Sternensaal wird dem Verein Kultur im Sternen zur Verfügung gestellt. «Der ‹Sternen› wäre in dieser Form ohne die Ortsbürgergemeinde nicht möglich, auch die Sanierung des Schlössli nicht», hält Gemeindeammann Arsène Perroud fest, der auch Vorsteher der Ortsbürgergemeinde ist.
Auch die Nachbarn sollen Rücksicht nehmen
Die Ortsbürgergemeinde hat sich mit 400 000 Franken an der Sanierung des Schlössli beteiligt, es gehört dem Verein Schlössli. «In dieser Ecke kann man sehr gut das Zusammenspiel der verschiedenen Beteiligten beobachten. Das Rote Haus wurde von Privaten renoviert, man hat es weiterentwickelt, sodass es dem Substanzschutz Rechnung trug, aber auch der Entwicklung», so der Gemeindeammann. Beim «Sternen» und dem Schlössli sind Vereine und Ortsbürger zusammen aktiv geworden und den Park zwischen Schlössli und «Sternen» gestaltet die Gemeinde. «Auch bei Veränderungen an benachbarten Gebäuden muss Rücksicht genommen werden», erläutert Arsène Perroud.
Dies gilt auch für die Bleichi und den Islerpark, die als Ensemble geschützt sind. Der Kauf der Isler-Villa war ein grosses Engagement der Ortsbürgergemeinde. Sie hat die gesamte Anlage gekauft. Renoviert wurde sie zusammen mit Stiftungen. «Die Villa Isler ist wichtig auch wegen der wesentlichen Bedeutung der Strohindustrie für Wohlen. Die Strohindustrie prägt das Ortsbild ebenso durch andere grosse ehemalige Fabrikgebäude.» Das Engagement der Ortsbürger für den Schutz des Ortsbildes ist in ihrer Zweckbestimmung festgeschrieben. Die Ortsbürgergemeinde soll die Kultur fördern und bewahren sowie zum Erhalt und der Verschönerung des Dorf- und Landschaftsbilds beitragen. Die Ortsbürgergemeinde hat 763 Mitglieder, eine Fusion mit der Einwohnergemeinde ist zurzeit kein Thema.
Wird die Kanti auch mal unter Schutz gestellt?
Vor rund zehn Jahren wurde das letzte Mal ein Inventar der schützenswerten Gebäude erstellt. «Jede Epoche hat ihren Einfluss», so Arsène Perroud. Deshalb stehen die Pilze beim Freibad unter Schutz. Nicht, oder besser noch nicht geschützt ist die Kanti Wohlen. Der Erweiterungsbau gilt als herausragendes Beispiel zeitgenössischer Architektur. Verantwortlich für die Dachkonstruktion über dem Eingang sowie im Zentralbereich, der Mediathek und der Aula war der weltberühmte spanische Architekt Santiago Calatrava. Zurzeit plant er den höchsten Turm der Welt in Dubai.
Von sich aus darf die Denkmalpflege nur bei Gebäuden, die vor 1920 entstanden sind, tätig werden. Es würde somit an der Gemeinde liegen, den Schutz zu beantragen. Solange keine baulichen Massnahmen an den von Santiago Calatrava konzipierten Gebäudeteilen anstehen, besteht auch kein Handlungsbedarf.
«Die Ortsentwicklung ist eine hoch spannende Geschichte. Es gilt, alle Interessen zu einem stimmigen Ortsbild zusammenzubringen. Es geht nicht nur darum, alte Gebäude zu sanieren, sondern um eine gesamthafte Betrachtung, da gehören sogar die Strassen dazu», fasst Arsène Perroud zusammen.








