Gegen die Betonwüste
02.11.2018 NaturWohlen: Projekt «Natur findet Stadt» ist im ersten Jahr gut angelaufen
Tue Gutes und sprich darüber: Nach diesem bekannten Prinzip funktioniert auch «Natur findet Stadt». Erst im Mai in Wohlen gestartet, ziehen die Verantwortlichen eine positive ...
Wohlen: Projekt «Natur findet Stadt» ist im ersten Jahr gut angelaufen
Tue Gutes und sprich darüber: Nach diesem bekannten Prinzip funktioniert auch «Natur findet Stadt». Erst im Mai in Wohlen gestartet, ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz.
Chregi Hansen
Vor wenigen Tagen war der untere Teil der Allmendstrasse noch eine einzige Baustelle. Aber in nur einer Woche wurden die Strassenränder in ein kleines Naturparadies verwandelt. «Jetzt sieht es vielleicht noch nicht sehr spektakulär aus», weiss Roger Isler, Leiter Umwelt und Energie der Gemeinde Wohlen, «aber im Frühling wird das dann ein kleines Paradies werden.»
Das vom Kanton Aargau unterstützte Projekt «Natur findet Stadt» hat das Ziel, vorhandene Grünflächen im Siedlungsgebiet aufzuwerten und damit Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen. Die Arbeiten an der Allmendstrasse waren das zweite grössere Projekt der Gemeinde nach der Neugestaltung der Rabatte an der Turmstrasse. Und das Projekt steht sinnbildlich für die Vorgehensweise. «Wir gehen jetzt nicht einfach hin und fällen Bäume und pflanzen neue. Aber da, wo sowieso Massnahmen nötig sind, gehen wir gezielter vor als früher», erklärt Isler.
Verein als wichtiger Partner
So wurden an der Allmendstrasse alle Bäume genau untersucht, viele davon waren krank und teilweise gar beschädigt. Gleichzeitig wurde beim Bepflanzen der neu angelegten Rabatte darauf geachtet, verschiedene einheimische Sträucher zu pflanzen. Denn diese bieten mehr Tieren einen Lebensraum als die ausländischen Pflanzen. Die Gemeinde ist nicht allein in diesem Projekt, sie erhält tatkräftige Unterstützung durch den Natur- und Vogelschutzverein Wohlen. Dieser engagiert sich vor allem im Bereich der privaten Gärten. Ein öffentlicher Gartenrundgang im Guggibachquartier zog enorm viele Besucher an und soll vermutlich nächstes Jahr wiederholt werden. Auch die Beratungen in den privaten Gärten stossen auf Interesse. Zudem konnten auch schon erste Gärten ausgezeichnet werden. «Wir sind gut gestartet, aber es gibt noch viel zu tun», erklärt Isler.
Mit wenig viel erreichen
Gute Noten für das Projekt «Natur findet Stadt»
Jetzt ist der richtige Moment, seinen Garten für das nächste Jahr vorzubereiten. Dabei kann das Projekt «Natur findet Stadt» wichtige Impulse liefern. Das Interesse an einer Beratung war im ersten Jahr gross. Und auch die Gemeinde geht mit gutem Beispiel voran.
Chregi Hansen
Bisher vier Gemeinden beteiligen sich am kantonalen Projekt «Natur findet Stadt» und unterstützen die naturnahe Gestaltung in privaten Gärten und öffentlichen Flächen. Baden war der Vorreiter, inzwischen machen Aarau, Mellingen und eben auch Wohlen mit.
Hier erfolgte der Projektstart im Frühling. Am Naturmärt machten die Initianten die Ziele und Ideen erstmals öffentlich. Inzwischen sind auch erste Aktionen durchgeführt worden. «Das Echo ist positiv», kann Roger Isler, Leiter Umwelt und Energie der Gemeinde, feststellen. Vor allem das riesige Interesse an den Gartenbesichtigungen beim Guggibach freut ihn. Rund 60 Personen nahmen daran teil. «Es waren nicht einfach die ‹üblichen Verdächtigen› aus den Naturschutzkreisen», hat Isler festgestellt. Sondern auch etliche junge Familien, die vor Kurzem ein älteres Haus samt Garten erworben haben und sich nun überlegen, wie sie diesen sinnvoll gestalten können.
«Es geht nicht darum, den vorhandenen Grünraum völlig neu zu gestalten, denn jeder Garten hat auch eine Geschichte», erklärt der Umweltexperte. «Aber beim Rundgang bekam man einen wunderbaren Einblick, wie mit wenig viel erreicht werden kann.» Zu sehen bekamen die Teilnehmer lauschige Gartenecken, Sitzplätze, Hecken, Kräutergärten, Eingangsrabatten, Kieswege, Natursteinmauern und vieles mehr. «Man kann aber auch mit einem Asthaufen im Garten anfangen und wird feststellen, wie viele Tiere ein solches Element anzieht», so Isler weiter.
Hoffen auf den «Tupperware-Party-Effekt»
Je mehr Gartenbesitzer mitmachen, desto besser. Denn die Aufwertung solcher Flächen hilft, die Biodiversität zu erhalten, indem neue Lebensräume geschaffen und eine Vernetzung innerhalb des Siedlungsraums ermöglicht wird. Darum soll es auch im kommenden Jahr eine öffentliche Gartenführung geben. Vielleicht wieder im Guggibach-Quartier, weil es dort viele gute Beispiele gibt. Vielleicht aber auch andernorts in der Gemeinde. «Es wäre schön, wenn daraus eine Tradition würde», findet Roger Isler.
Besonders gute Beispiele einer naturnahen Gartengestaltung sind zudem ausgezeichnet worden, darunter acht bereits bestehende und zwei neue. Entsprechende Schilder weisen darauf hin und sollen neugierig machen und informieren. «Es ist wichtig, Präsenz zu zeigen», findet Isler. Der Kanton selber hofft bei diesem Projekt auf einen «Tupperware-Party-Effekt» – begeisterte Privatpersonen sollen ihre Erfahrungen mit ihren Freunden teilen und mit ihrer Begeisterung anstecken. Auf der entsprechenden Homepage von Kanton und Naturama finden Interessierte dann viele Tipps und Ideen.
Viel Lob für den Naturund Vogelschutzverein
Gross ist auch das Interesse an einer kostenlosen Beratung. Diese wird entweder durch einen Naturgärtner oder ein Mitglied des Natur- und Vogelschutzvereins durchgeführt. Die Resultate dieser Arbeit werde man vermutlich nächstes Jahr sehen – denn jetzt im Herbst müssten die entsprechenden Tipps erst einmal umgesetzt werden. «Der NVW leistet hier grosse und wichtige Arbeit. Dabei ist der Verein wegen des heissen Sommers bei der Bekämpfung von Neophyten zusätzlich gefordert», so das Lob der Gemeinde an den Verein.
Der Natur- und Vogelschutzverein engagiert sich vor allem bei den privaten Gärten. Der Gemeinde wiederum kommt eine Vorbildwirkung zu. Heisst: Sie geht auf ihren eigenen Flächen mit gutem Beispiel voran. Das bedeute aber nicht, dass man jetzt alles neu gestalte, betont Isler. «Wir haben keinen Zehn-Jahres-Plan», lacht er. Aber da, wo sowieso Massnahmen nötig seien, wolle man möglichst sinnvoll ans Werk gehen. So etwa bei der Erneuerung der Rabatte entlang der Turmstrasse, die in eine farbenfrohe Wiese samt einheimischen Sträuchern verwandelt wurde. Oder aktuell bei der Sanierung der Allmendstrasse, wo ebenfalls eine neue Bepflanzung notwendig war. Das Ganze ist zudem kostenneutral für die Gemeinde. «Wir haben keine zusätzlichen Gelder dafür im Budget, die Kosten müssen im Rahmen des normalen Unterhalt und bei den Naturschutzmassnahmen Platz finden.»
Nicht jedes Mal eine Tafel
Turm- und Allmendstrasse sind die beiden Vorzeigeprojekte, darum informieren Infotafeln über das Projekt «Natur findet Stadt». Daneben gab es auch einige weitere kleinere Aufwertungen. «Wir weisen nicht jedes Mal extra darauf hin», so Isler. Im kommenden Jahr sind weitere Massnahmen geplant. Die Gemeinde ist daran, den Gesundheitszustand aller Bäume zu erfassen und allfälligen Ersatz zu planen – einfach auf Vorrat oder dem Projekt zuliebe wird kein Baum gefällt. Patentrezepte gibt es sowieso keine. «Jeder Standort hat andere Anforderungen an die Pflanzen», weiss Isler. Und manchmal müsse man eben auch Kompromisse eingehen. Das gelte sowohl für die Gemeinde wie im Privatbereich.
«Wir wollen mit dem Projekt nicht alles auf den Kopf stellen. Es ist ein niederschwelliges Angebot, welches aufzeigt, was alles möglich ist», betont der Leiter Umwelt. Zumindest in den kommenden zwei Jahren wird das Projekt noch fortgesetzt. Danach soll es, so die Hoffnung, ganz allein genug Wirkung entfalten. Damit die Natur auch in der Stadt stattfindet.




