Die Zeit schien stillzustehen
18.09.2018 Muri«Stabat Mater» zum Bettag – ergreifendes Abschiedskonzert mit David Schneider
Eines vorneweg: Es gab Standing Ovations. Das Publikum wollte nicht aufhören zu klatschen. Nach 30 Jahren gab Dirigent David Schneider sein letztes Konzert mit dem ...
«Stabat Mater» zum Bettag – ergreifendes Abschiedskonzert mit David Schneider
Eines vorneweg: Es gab Standing Ovations. Das Publikum wollte nicht aufhören zu klatschen. Nach 30 Jahren gab Dirigent David Schneider sein letztes Konzert mit dem Singkonvent Muri. Gemeinsam mit dem Orchester «l’arpa festante» und vier Solisten gab man das Oratorium Stabat Mater op. 58.
Es begann mit den Hörnern, ganz links im Raum. Ein langer anhaltender Ton, piano. Dann folgten die Klarinetten, die Oboen die Streicher. Disharmonien, die sich auflösten, um dann wiederzukehren. Zuerst ganz leise, piano, dann immer lauter werdend, crescendo, bis das ganze Orchester schliesslich den Raum erfüllte mit diesen Klängen.
Da setzte der Chor ein: «Stabat Mater, dolorosa – es stand die Mutter schmerzerfüllt». Das Werk von Antonin Dvorák ist ohne Zweifel extrem anspruchsvoll zu singen, speziell für einen Laienchor. Dass die Aufführung in der Klosterkirche Muri dennoch wie aus einem Guss kam, sprach für die grossartige Leistung des Dirigenten.
Ein anspruchsvolles Werk
Tatsächlich schien die Zeit für die Dauer dieses Konzertes stillzustehen: Die fast 500 Zuhörerinnen und Zuhörer im Raum wagten kaum, sich zu rühren. Da war kein Husten, kein Räuspern, nichts. Eineinhalb Stunden lang. Nur zuhören – und in diese Klänge eintauchen.
«Es ist ein Geschenk», sagte Annamarie Meier, Vorstandsmitglied des Singkonvents Freiamt, nach dem Konzert. «David Schneider hat das absolute Musikgehör», wusste sie. «Er hört alles, und er motiviert uns. Und am Ende werden wir so reich beschenkt von ihm mit so einem Konzert.» Dabei ist das Oratorium von Antonin Dvorák Musik der Trauer und der Verzweiflung. Dvorák vollendete das Werk im Jahr 1877 in nur gerade zwei Monaten, dies kurz nachdem seine beiden Kinder, die elf Monate alte Tochter Ružena und der vierjährige Otakar innerhalb von nur wenigen Tagen verstarben. Der Komponist verarbeitete in diesem Werk ohne Zweifel seine eigene Trauer. Grundlage für das «Stabat Mater» ist ein mittelalterliches Gedicht, das die Leiden der Mutter Maria in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Jesus als zentralen Inhalt hat. Die lateinische Sequenz stammt aus dem 13. Jahrhundert und wird einem Franziskanerpater zugeschrieben.
Chor und Orchester im Einklang
Das Werk steht symbolisch für das Leid vieler Mütter auf dieser Welt. «Doch Dvoráks Musik lässt auch immer wieder Mut und Hoffnung durchblicken», erklärte Daniel Güntert, Präsident des Singkonvents Freiamt. Einen Laienchor so weit zu bringen, hat viel mit Vertrauen zu tun. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb David Schneider so lange beim Singkonvent geblieben ist. Er verstand es, Vertrauen aufzubauen.
Vertrauen hat nicht nur der Chor in seinen Dirigenten. Auch das Orchester, «l’arpa festante», das erst am Donnerstag vor dem Konzert aus Deutschland und Österreich angereist war, musste dem Dirigenten volles Vertrauen schenken. Den Profimusikern und den vier Solostimmen blieben gerade drei Proben vor dem Konzert, bis alles passte. Dabei ist die Akustik in der Klosterkirche nicht so ganz einfach. Da sind 80 Chormitglieder, 40 Musiker im Orchester und vier Solisten auf engstem Raum. «Weil die Wände gewisse Klänge widerhallen, hören die Musiker gewisse Klänge versetzt. Sie dürfen also nicht nach Gehör spielen, sondern müssen sich auf den Taktschlag des Dirigenten verlassen», erklärte Güntert.
Wunderschöne Momente
«Die vergangenen 30 Jahre waren eine schöne Zeit. 30 Mal haben wir sehr intensiv zusammengearbeitet und jedes Mal haben wir an den Bettagskonzerten wunderschöne Momente gemeinsam erleben dürfen», sagte David Schneider, «nun wird es Zeit, eine Türe zuzumachen und neue Türen zu öffnen.» --zg



