Hektik und Angst gibt es kaum
03.08.2018 MuriSommerserie «Wenn es Nacht wird»: Auf dem Notfall und in der Bettenstation des Spitals Muri
Zwei Assistenzärztinnen und eine Praktikantin sitzen vor ihren Bildschirmen. Sie schreiben Rapporte. Der Platz ist beschränkt, die drei jungen Frauen sitzen fast ...
Sommerserie «Wenn es Nacht wird»: Auf dem Notfall und in der Bettenstation des Spitals Muri
Zwei Assistenzärztinnen und eine Praktikantin sitzen vor ihren Bildschirmen. Sie schreiben Rapporte. Der Platz ist beschränkt, die drei jungen Frauen sitzen fast Schulter an Schulter. «Das passiert nur bei Schichtübergängen», sagt Kerstin Bütler. Sie ist eine der beiden Assistenzärztinnen, 28-jährig, wohnt in der Region und sie hat Nachtdienst auf der Notfallstation des Spitals Muri.
Annemarie Keusch
Aktuell sind vier Patienten auf der Notfallstation. Eine Frau, die dreimal erbrochen hat – das letzte Mal schwarz. Und drei Männer, die in einen Autounfall involviert waren. «Es ist ruhig», sagt Kerstin Bütler. Nur einer der drei Unfallpatienten liegt in ihrer Obhut, um die anderen kümmern sich die Assistenzärzte der vorherigen Schicht.
Von 9 Uhr abends bis 7 Uhr in der Früh dauert Bütlers Arbeitsnacht. Findet sie während ihrer Schicht zu wenig Zeit, um Rapporte, Versicherungsanfragen und anderes Administratives zu erledigen, holt sie es ein andermal nach. «Dann gehe ich nach Hause um zu schlafen.» Angewöhnungszeit habe es anfangs gebraucht. «Bis der Rhythmus eingestellt ist, dauert es ein paar Nächte.» Dass sie direkt nach der Arbeit schlafen kann, sei hingegen kein Problem gewesen. «Ich kann gut abschalten.»
Wenig Zeit für soziale Kontakte
Seit eineinhalb Jahren ist Bütler in Muri Assistenzärztin. Ein sechsjähriges Medizinstudium hat sie hinter sich. Die Ausbildung als Orthopädie-Fachärztin steht noch bevor. «Es war schon immer mein Wunsch, in diesem Bereich tätig zu sein», sagt sie. Auf der Überwachungskamera taucht ein Ambulanzwagen auf. «Der Chauffeur-Service ist hier», sagt der Fahrer, als er auf die Notfallstation kommt. Er verlegt eine Patientin in ein anderes Spital. Noch immer ist es ruhig.
Kerstin Bütler sitzt vor dem Computer, erledigt Administratives. Wie alle anderen Mitarbeiter hat sie eine Flasche Adelbodner Mineralwasser bei sich. Der Name steht mit schwarzem, dickem Stift darauf geschrieben. Die 28-Jährige mag die Nachtschicht. «Auch wenn es mit der Zeit streng wird.» Mehrere Tage am Stück ist sie jeweils auf der Notfallstation nachts am Arbeiten. Nachher hat sie mehrere Tage frei. «Während der Nachtschicht bleibt nicht viel Zeit für soziale Kontakte. Ich lebe völlig konträr zu allen anderen.»
Der «klassische Fall»
Wenn auf der Notfallstation «nichts» los ist, könnte Bütler in einem dafür vorgesehenen Zimmer schlafen. «Dafür bin ich viel zu nervös, habe Angst, dass ich das Telefon nicht hören würde, wenn ein Notfall reinkommt.» Fünf bis sechs seien es durchschnittlich pro Nacht, schätzt die junge Assistenzärztin. Sind Festivitäten in der Region, steigt die Zahl. Bütler hat in ihrer Nachtschicht zudem die Aufsicht über die Stationen. Passiert dort Unvorhergesehenes, ist sie zur Stelle. Befragen, untersuchen und entscheiden, welche weiterführenden Untersuchungen eingeleitet werden, das ist ihre Aufgabe. Operieren hingegen tut sie nicht. «Dafür ist ein Oberarzt im Hintergrunddienst zuständig.»
Hektisch wird es auf der Notfallstation nicht. «Selten», sagt Kerstin Bütler. Auch nicht, als ein rund 45-jähriger Mann auf den Notfall kommt, weil er mit dem Velo gestürzt und mit dem Knie auf einem spitzen Stein gelandet ist. «Wollen Sie mir erzählen, was passiert ist?», fragt Bütler souverän. Der Verunfallte ist in einem der Notfallzimmer. Auf der anderen Seite des dünnen, grünen Vorhangs reden die drei in den Autounfall Involvierten angeregt.
Lieber auf der Bettenstation
Kerstin Bütler spricht von einem «klassischen Fall». Eine Starrkrampf-Impfung zur Sicherheit, ein Röntgenbild und nachher nähen. Fünf Stiche brauchts. Öfters verzieht der Verunfallte sein Gesicht vor Schmerzen. Bütler erklärt dem Patienten das fachliche Vorgehen – auch mit Fachausdrücken. «Ich verstehe Bahnhof», sagt dieser lachend. Mir geht es ähnlich. Wenn sie ihn fragt, ob es mit den Schmerzen geht, sagt er immer Ja. Sein Gesicht und seine verkrampften Fäuste zeigen ein anderes Bild. Und er erzählt Witze. «Das kommt öfter vor. Die Patienten lenken sich so selber ab», weiss Bütler. Nach dem Nähen ist sie zufrieden. «Das gibt eine schöne Narbe.»
Lieber als auf dem Notfall arbeitet die Assistenzärztin auf den Bettenstationen. «Dort ist zwar der schriftliche Aufwand noch grösser, aber ich kann auch bei Operationen assistieren, was mir sehr zusagt.»
Rundgang alle zwei Stunden
Dort arbeitet Martina Meier. Die junge Frau ist seit einem Jahr diplomierte Pflegefachfrau. Und übernimmt seither allein Nachtdienste. Heisst, in der Station 2.2 ist sie diese Nacht selbstverantwortlich für die Patienten zuständig. «Ich kann die Kolleginnen und Kollegen vom Notfall beiziehen oder es stehen Springer im Einsatz, die helfen können», erklärt sie. Auf ihrer Station schlafen Leute mit einer Lungenentzündung, mit einer Harnwegsinfektion oder nach einer Fussoperation. Aus dem ersten Zimmer links tönt lautes Schnarchen.
Alle zwei Stunden macht Meier die Runde, schaut in alle Zimmer, kontrolliert, ob alle wohlauf sind. Und sie rapportiert alles. Nach Mitternacht sind die meisten am Schlafen, zwei fragen nach stärkerem Schmerzmittel. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, dass die Patienten sich wohlfühlen und schlafen können. «Und ich helfe bei WC-Gängen», sagt sie. Zwischendurch erledigt Meier Arbeiten, wie beispielsweise die Medikamente kontrollieren und die Regale wieder auffüllen. Im Hintergrund läuft «Virgin Radio». «Sonst höre ich jedes Geräusch.»
Keine Hilfe nötig in dieser Nacht
In dieser Nacht sind 13 der 22 Betten auf der Station 2.2 belegt. «Weniger Patienten heisst nicht immer, dass es ruhigere Nächte sind», weiss Martina Meier. Aber diese Nacht, sie ist ruhig. «Mir gefällt der Nachtdienst. Es gibt Abwechslung und mit dem Schlafen nachher habe ich gar kein Problem. Ich schalte schon auf dem Heimweg ab, dusche und schlafe bis mindestens um 15 Uhr.» Schwierig werde es hingegen, wenn jemand auf der Station im Sterben liegt. «So speziell es tönt, aber auch solche Situationen verarbeite ich mit der Routine einfacher.»
Angst spürt sie nicht, wenn sie nachts verantwortlich ist. «Am Anfang war es speziell, aber ich weiss, dass auf anderen Stationen und im Notfall Leute sind und wir uns gegenseitig unterstützen.» In dieser Nacht braucht sie diese Hilfe nicht. Entsprechend sagt sie «alles gut», als Assistenzärztin Kerstin Bütler vom Notfall einen Besuch auf der Station macht. Die meisten schlafen. Und nach der Schichtübergabe wird es Martina Meier ihnen gleichtun. Um in den nächsten Nächten wieder zu helfen, wenn die Patienten sie nachts brauchen.



