«Wie versteinert»

Fr, 10. Sep. 2021

Stefan Hausherr lebte 2001 in New York

Anlässlich des zwanzigsten Jahrestages der Terroranschläge in den USA blickt der Bremgarter Lokalpolitiker Stefan Hausherr zurück auf seine persönlichen Erlebnisse rund um den 11.September 2001 und deren Folgen.

«Wir sassen alle im Büro und blickten wie versteinert auf das brennende Wahrzeichen unserer Stadt. Keiner sagte ein Wort.»

Aus beruflichen Gründen verbrachte Stefan Hausherr 2001 ein Jahr in New York. Just in dem Jahr also, als sich in der Millionenmetropole der erschütterndste und prägendste Anschlag unserer Zeit ereignete. So erlebte er hautnah mit, wie zwei von Terroristen gekaperte Flugzeuge in das World Trade Center flogen und dieses zum Einsturz brachten.

Nun spricht Hausherr zum ersten Mal öffentlich darüber, wie er den aufwühlenden Tag erlebt und verbracht hat und wie dieser letztlich sein Leben und dasjenige der Amerikanerinnen und Amerikaner veränderte. --huy


«Wie der letzte Mensch der Welt»

Stefan Hausherr erzählt seine Geschichte zu 9/11

Der Bremgarter Stefan Hausherr war am 11. September 2001 in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers, als zwei Flugzeuge ins Wahrzeichen New Yorks flogen. Anlässlich des zwanzigsten Jahrestags des Terroranschlags spricht er erstmals in der Öffentlichkeit über seine Erlebnisse.

Morgen Samstag jähren sich die Terroranschläge von New York zum 20. Mal. Weltweit werden deshalb an diesem Wochenende die schrecklichen Bilder vom 11. September 2001 wieder über die TV- und PC-Bildschirme flimmern. Bilder von zwei brennenden Türmen, die später einstürzen. Es sind Aufnahmen, die sich längst ins kollektive Gedächtnis des Westens eingebrannt haben. Fast jeder weiss noch, wo er damals war und wie er schockiert die Live-Berichterstattung verfolgte. Doch nur die wenigsten können eine Geschichte dazu erzählen, wie Stefan Hausherr. Der Bremgarter arbeitete 2001 als Banker in New York und war deshalb vor Ort, als zwei Flugzeuge ins Wahrzeichen der USA krachten, das Selbstverständnis einer ganzen Nation erschütterten und 2977 Menschen mit in den Tod rissen.

Wie verfolgen Sie in diesen Tagen die Berichterstattung zu 9/11 und was empfinden Sie dabei?

Stefan Hausherr: Um ehrlich zu sein, verfolge ich sie gar nicht. Etwas Neues wird 20 Jahre später kaum mehr dabei sein. Immer dieselben Bilder, Rückblicke und Storys. Ich habe meine eigene Geschichte dazu erlebt. Meine eigene Wahrheit gesehen. Das reicht mir.

Sie waren an diesem Dienstagmorgen in unmittelbarer Nähe der Anschläge.

Ich war gerade in meinem damaligen Büro in der Nähe des Rockefeller-Centers angekommen, als das erste Flugzeug um 8.46 Uhr in den Nordturm einschlug.

Eine Viertelstunde vorher waren Sie beim World Trade Center.

Ja, das war mein üblicher Arbeitsweg damals. Jeden Morgen bin ich an der dortigen PATH-Train-Station ausgestiegen. Doch ich war rund eine Stunde später dran als sonst.

Weshalb?

Wir hatten am Abend zuvor eine Feier bei uns zu Hause und es wurde später. Zum Glück habe ich es trotzdem noch einigermassen zeitig aus dem Haus geschafft. Eine halbe Stunde später und ich wäre wohl nicht mehr angekommen.

Was passierte mit den U-Bahnen, die nach dem Terroranschlag unterwegs waren?

Soviel ich weiss, wurden sie angehalten und evakuiert, was gar nicht so einfach ist im Untergrund. Doch die Amerikaner reagierten unheimlich schnell und professionell. Man muss dazu sagen, dass die Zugpassagiere zu keiner Zeit gefährdet waren. Die PATH-Station blieb lange Zeit unversehrt, das Drama fand weiter oben statt. Erst als die Türme einstürzten, wurde auch der Bahnhof zerstört. Doch dann waren da schon längst keine Züge und Passagiere mehr.

Welche Situation herrschte vor, als Sie dann im Büro waren?

Überall lief der Fernseher. Das ist sowieso so eine amerikanische Eigenart. Der läuft immer. Aber so waren alle informiert. In unserer Runde wurde wild spekuliert. Natürlich war niemand mehr am Arbeiten. Die verrücktesten Theorien machten die Runde. Schliesslich war lange Zeit nicht klar, was genau passiert ist. Verwackelte Aufnahmen vorsintflutlicher Handy-Kameras zeigten dann, dass ein Flugzeug in den Nordturm geflogen sein musste. Ich war überzeugt, dass das ein Unfall war.

Weshalb?

Weil ich schon Monate zuvor immer wieder zu meiner Frau sagte: «Irgendwann fliegt einer rein.» Ich war stets verblüfft, wie knapp die startenden und landenden Flugzeuge an den Wolkenkratzern vorbeiflogen. Doch schon bald zeigte sich ja dann, dass das kein Versehen gewesen war.

Um 9.03 Uhr flog das zweite Flugzeug in den Südturm.

Genau. Und alles war live am Bildschirm zu sehen. Verrückt. Surreal.

Wie muss man sich die vorherrschende Stimmung im Büro vorstellen?

Viele von uns kannten Menschen, die in einem der Türme arbeiteten. Das waren ja über 25 000. Deshalb telefonierten alle wild umher. Zeitweise funktionierte das Telefonnetz nicht mehr. Jeder versuchte seine Leute zu erreichen. Und wenn es nicht gelang, machte sich bei Einzelnen von uns auch mal Verzweiflung breit.

Kannten Sie auch jemanden?

Nein, zum Glück nicht. Meine Sorge galt meiner Familie. Ich rief sofort meine Frau an. Sie hatte noch nichts mitbekommen und schlief noch. Als ich es ihr sagte, glaubte sie erst an einen üblen Scherz. Sie ging sofort nach unten – wir wohnten im 24. Stock – und blickte Richtung Skyline. Da sah sie mit eigenen Augen, dass es stimmte. Doch lange konnte sie nicht unten bleiben, die Polizei schickte jeden wieder zurück in die Wohnungen.

Weshalb?

Wir wohnten in Jersey City, gegenüber dem World Trade Center auf der anderen Seite des Hudson Rivers. Die Polizei hatte offenbar Angst, dass die Türme in den Fluss stürzen könnten und eine Flutwelle verursachen. Deshalb war es in ihren Augen oben in den Hochhäusern sicherer.

So kam es jedoch nicht. Der Südturm brach 56 Minuten nach dem Einschlag um 9.59 Uhr vollständig in sich zusammen. Der Nordturm kurz danach.

Genau, das werde ich nie vergessen. Wir 15 Angestellten sassen alle zusammen im Büro unseres Chefs und schauten wie gebannt aus dem Fenster. Von dort aus hatte man den besten Blick auf die Türme. Wir wurden Zeugen des Einsturzes. Keiner sagte ein Wort. Es herrschte gespenstische Stille. Wir konnten es schlicht und einfach nicht fassen, was sich vor unseren Augen abspielte.

Was passierte danach?

Viele von uns wollten nach Hause zu ihren Liebsten. Einige auch zu den Türmen, um irgendwie zu helfen. Die Behörden rieten jedoch davon ab. Ausserdem gab es Gerüchte, dass Autobomben in der Innenstadt New Yorks platziert seien. Deshalb blieben wir bis um 15 Uhr im Büro.

Wie kamen Sie danach nach Hause?

Da meine U-Bahn-Station zerstört war, lief ich durch die Stadt Richtung Fähre. Die Strassen waren wie leergefegt. Auf der Fifth Avenue, wo man sich normalerweise kaum fortbewegen kann, weil dermassen viel los ist, war ich ganz alleine. Ich kam mir vor wie der letzte Mensch auf der Welt nach einer Apokalypse. Wie in einem Film. Etwa wie Will Smith in «I am Legend».

Aber die Fähre, die fuhr?

Ja. Es gab sogar Extraverbindungen. Es war eindrücklich, wie viel in dieser kurzen Zeit organisiert worden war. Noch am Hafen wurde eine Triage durchgeführt. Wer sich vier Blocks ums World Trade Center aufgehalten hatte, musste sich noch vor Ort medizinisch untersuchen lassen. Es gab auch Verpflegungsstände und saubere, frische Kleidung wurde abgegeben. Krise können die Amerikaner.

Wann sind Sie dann zu Hause angekommen?

Erst gegen 19 Uhr. Das lag daran, dass auch auf der anderen Flussseite der Verkehr lahmgelegt war. Ich musste deshalb mit Hemd und Anzug 15 Kilometer bis zu unserem Wohnblock laufen. An einem heissen Sommertag. Doch das machte mir nichts aus, damals war ich noch fit (lacht).

Wie haben Sie die Geschehnisse in den nächsten Tagen verarbeitet?

Natürlich habe ich viel mit meiner Frau gesprochen. Nach 9/11 kamen wir zwei Tage lang gar nicht nach New York hinein und konnten nicht zur Arbeit. Da ging ich oft in unseren Gemeinschaftsgarten hinunter und schaute Richtung Skyline, wo die Türme vorhin gestanden haben. Noch tagelang stieg dort Rauch und Staub über den Trümmern auf. Ich habe einfach wortlos hingeschaut und meine Gedanken schweifen lassen.

Was für Gedanken waren das? Verspürten Sie Wut?

Eigentlich nicht. Ich bin ein besonnener Mensch. Deshalb habe ich mich auch schon bald über die Hintergründe des Anschlags informiert, statt mich irrationalen Emotionen und Rachegefühlen hinzugeben. Es gibt immer zwei Seiten. Deshalb hatte ich auch schon damals ein mulmiges Gefühl, als G. W. Bush dem Terror den Krieg erklärte. Krieg gegen den Terror kann man nicht führen. Auf jeden Fall nicht gewinnen.

Ein Grossteil der Amerikaner sah dies jedoch damals anders. Die Werte der Zustimmung zu Bushs Politik schnellten in die Höhe. Die Leute wollten Vergeltung.

Ja, das ist so. Das haben wir tagtäglich gespürt. Viele waren tief getroffen und dürsteten nach Rache. Die Bombardierungen in Afghanistan wurden als gerechte und angemessene Reaktion angesehen. Dazu kann ich vielleicht eine Anekdote erzählen.

Gerne.

Ich hatte damals eine gute Beziehung zum Hauswart. Deshalb erhielt ich am Silvester die Schlüssel, um eine Party auf dem Dach unseres Hochhauses zu veranstalten. Normalerweise kann man von dort aus wunderbar das Feuerwerk New Yorks beobachten.

Aber?

Das Feuerwerk fiel aus in diesem Jahr. Wohl wegen der Trauerstimmung rund um 9/11. Deshalb entschuldigte ich mich bei meinen Gästen. Einer antwortete: «Macht nichts, das Feuerwerk brennen wir dieses Jahr über Afghanistan ab.» Das fand ich daneben. Der Grossteil der Bevölkerung dort kann schliesslich nichts dafür.

Welche Auswirkungen spürten Sie sonst im Alltag?

Im Arbeitsleben eigentlich keine grossen. Die Amerikaner sind Überlebenskünstler. «Life must go on.» Klar, man sprach noch oft darüber, aber ansonsten funktionierte schon bald alles wieder, wie man es sich gewohnt war. Allerdings gab es nach 9/11 Verhaltensweisen der National Security Agency (NSA), die mir sauer aufstiessen.

Wie meinen Sie das?

Wir hatten schon kurz nach dem 11. September alle Post der NSA im Briefkasten. Darin wurde man aufgefordert, genau hinzuschauen und abnormale, verdächtige Verhaltensweisen seiner Mitbürger der Behörde zu melden. So wurde aktiv ein Denunziantentum in New York gefördert. Das führte mitunter zu abstrusen Situationen, die wir auch am eigenen Leibe zu spüren kriegten.

Was ist passiert?

Wir gingen als Familie einkaufen, dort, wo wir es immer machten und schon viele Male gewesen waren. Der Umwelt zuliebe und aus praktischen Gründen hatten wir IKEA-Taschen dabei und verzichteten deshalb an der Kasse auf die angebotenen Einwegsäcke. Darauf hin bat uns die Kassiererin, ihr doch bitte unsere Kontaktdaten zu geben.

Weshalb?

Als wir nachhakten, sagte sie, dass sie uns der Polizei melden wolle. Wir seien die Einzigen, die nie Plastiksäcke nähmen. Das sei äusserst verdächtig.

Absurd. Hat sich die Polizei gemeldet?

Nein, aber wir gaben auch unsere Daten nicht. Dennoch herrschte ein merkwürdiges Klima nach den Anschlägen. Dass die NSA dies schürte und selbst Leute bespitzelte, empfinde ich heute noch als eine absolute Frechheit. Deshalb waren wir letztlich auch froh, dass wir im Februar wieder in die Schweiz zurückkehren konnten.

Nun sind 20 Jahre vergangen. Was bleibt in Stefan Hausherr zurück vom 9/11?

Letztlich war es eine einschneidende Erfahrung. Natürlich wäre ich froh, wenn das alles nie passiert wäre. Und doch hat es mich geprägt und mich viel gelehrt. Über die Amerikaner, über die Welt und über die Menschen. Und nicht zuletzt auch über mich selbst.

Waren Sie seither nochmals in New York?

Ja. Einmal. Zirka fünf Jahre später. 2006 oder 2007. Ich mag die Stadt und ihre Menschen nach wie vor sehr gerne und kehrte trotz 9/11 gerne dorthin zurück. Aber als ich die Skyline betrachtete und diese Zahnlücke sah, war ich schon sehr bedrückt. --huy


Persönlich

Stefan Hausherr ist in Bergdietikon aufgewachsen. Der heute 55-Jährige wohnt, abgesehen von Abstechern in den USA, Singapur und London seit 25 Jahren in Bremgarten und ist dort Ortsbürger. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern. Seit 2018 amtet der ehemalige Präsident der FDP-Ortspartei als Friedensrichter im Bezirk Bremgarten, 2021 kandidierte er für den Bremgarter Stadtrat. Beruflich arbeitet Hausherr bei einer Privatbank. --huy

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